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MUSIKEXPRESS Klubtour: Warum Ihr Bonaparte einmal live gesehen haben müsst

Bonaparte hat über fünf Alben hinweg einen Wandel hingelegt, den andere Künstler in ihrer komplette Karriere nicht schaffen: 2008 machte der Schweizer Wahl-Berliner Tobias Jundt sich mit Band auf, den hedonistischen Partyjüngern der Hauptstadt ein musikalisches Gesicht zu geben. „You know Tolstoi, I know Playboy  / You know politics, I know party chicks / You Know Too Much Too Much“, sang er 2008 auf dem Debüt TOO MUCH. Heute, neun Jahre später, hat er sich selbst auf Kur geschickt. „Die Feier ist vorbei“, befindet ME-Autor Thomas Winkler anlässlich Bonapartes neuer Platte THE RETURN OF STRAVINSKY WELLINGTON. Heute besingt Jundt demnach ein „homecoming after the madness“ und beklagt: „My arm is growing tired of waving the white flag.“ Aber Aufgeben gilt nicht: Die Geschwindigkeit mag heruntergefahren sein und nicht mehr jeder Track klingt, als würden schwitzende Körper übereinander purzeln, aber nach den eher unentschlossen wirkenden SORRY, WE’RE OPEN (2012) und BONAPARTE (2014) hat Jundt nun auch musikalisch das Ende des Sturm und Drangs akzeptiert.

Mit Sturm und Drang sind neben Bonapartes wilderen Alben natürlich seine frühen Liveshows gemeint. Auf der MUSIKEXPRESS Klubtour Cool Nights powered by Wodka Gorbatschow in Hamburg könnt Ihr eine wahrscheinlich gediegenere Version davon erleben; in der folgenden Geschichte aus unserem Archiv könnt Ihr nachlesen, wie Jundt und sein Umfeld damals, 2010, abgingen: ME-Autorin Laura Ewert war mit Jundt anlässlich seines zweiten Albums MY HORSE LIKES YOU unterwegs und beschrieb den bunten Werdegang von Bonaparte.

Die Zirkus-AG: Wie aus Tobias Jundt Monsieur Bonaparte wurde

Mit Ziegenkostüm, Discokugel-Helm und spaßorientierter Kapitalismuskritik trasht die hedonistische Armee von Monsieur Bonaparte über internationale Bühnen. Nun erscheint das zweite Album MY HORSE LIKES YOU der ADHS-Glam-Rocker.

Es muss so im Sommer 2006 gewesen sein, als Tobias Jundt mit einem alten, roten Sportwagen von Spanien nach Berlin fuhr. Auf die Tür war eine schwarz-weiße 21 lackiert, wie die Startnummer eines Rennwagens. Man hätte sich nicht gewundert, wenn beim Öffnen der Tür noch ein wenig Sand von einem Wüstenrennen raus gerieselt wäre. Der Fahrer sah aus, als würde er gerade von einer Welterkundungstour kommen. Irgendwie war er, der einst in Bern in der Schweiz startete, das wohl auch. Die Garderobe, eine Mischung aus dem frühen James Bond und Sherlock Holmes, nur jünger, kleiner und echter, so fuhr er durch den Kreuzberger Sommer. Wenige Abende später stand er mit ein paar Musikern auf den Brettern der Bar 25 und spielte ein Konzert, das jedem Anwesenden in Erinnerung geblieben sein dürfte. Die Drums waren aus dem Müll des Clubs zusammen gesucht, die Technik war nicht gerade höchst professionell verkabelt und dennoch derwischte Jundt mit seiner Gitarre durch die Bar, als müsste das alles genau so sein, als wäre das alles genauso geplant oder eben nicht. Das war das erste Konzert von Bonaparte.



Bohren & der Club of Gore live in Hamburg: Langsamkeit als Verweigerung
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