Ina Deter im Interview über ein feministisches Lebenswerk in Rock

Ina Deter und ihr Produzent Micki Meuser sind ein Powercouple deutschsprachiger Rockmusik. Dementsprechend spielen sie sich bei jeder Frage auch gegenseitig die Bälle zu: Die Stimmung ist bestens – die Idee, mit ihnen hier gemeinsam ein ganzes Lebenswerk aufzuarbeiten, erweist sich dagegen schnell als ambitioniert.

Für das jetzt anstehende Boxset musstest du sicher riesige Mengen an Material sichten, oder?

INA DETER: Ich habe gesichtet und bin fast in Ohnmacht gefallen, wie viele Kartons ich aufmachen musste. Im wahrsten Sinne des Wortes hatte ich das Gefühl, dass sich mein ganzes Leben ausbreitet! Vom ersten Text an, „Ich habe abgetrieben“, über die erste Platte, „Ich sollte eigentlich ein Junge werden“, habe ich alles wiedergefunden. Und dann bleibt man hängen und liest und liest und öffnet noch einen Karton – alle schön mit Jahreszahlen durchnummeriert: 1982, 83, 84, 85.

Waren auch Sachen dabei, die du vergessen hattest?

ID: Nicht vergessen, aber ich hatte sie nicht mehr im Sinn. Als ich dann gesehen habe, mein Gott, das hast du ja auch gemacht und das auch noch. Natürlich ist nicht jede Idee so toll gewesen, dass man noch hundert Kilometer mehr hätte veröffentlichen müssen. Aber schön zu sehen, wie man sich so entwickelt hat.

Hat sich beim Zurückblicken eine Form von Stolz auf das eigene Werk entwickelt?

ID: Stolz ist ein komisches Wort. Ich habe mich schon darüber gefreut, was ich alles geschrieben habe. Und dass ich nie aufgehört habe! Dazu kam die Arbeit mit der Gitarre, darauf eine Melodie zu finden, dann auf die Bühne zu gehen und dazu zu singen. Das ist alles ein großes Paket. Ich kann eins vom anderen nicht trennen.

Inas Riesenhit „Neue Männer braucht das Land“ wurde rasch unter NDW subsumiert – konntet ihr euch mit der Neuen Deutschen Welle identifizieren, seid ihr da mitgegangen?

ID: Nein, Neue Deutsche Welle – das war so was wie Fräulein Menke! Wir haben immer Rockmusik gemacht. Die NDW war eine Mode, die viele Leute mitmachen mussten oder wollten – wir haben die Welle insofern gern mitgenommen, weil deutschsprachige Texte auf einmal so stark beachtet wurden.

MICKI MEUSER: Das Album ist in England aufgenommen worden. Damals habe ich in London gelebt und dort für mehrere Bands als Produzent gearbeitet. Ich habe dann die Ina-Deter-Band nach England geholt, weil ich nicht diesen typischen NDW-Sound haben wollte. Deshalb haben mich später Ideal als Producer geholt, weil sie ebenfalls keine NDW-Band sein wollten. Sie wollten nicht so minimalistisch oder besonders lustig klingen. NDW war irgendwie ein Zwang, man durfte in Deutschland damals nichts anderes machen.

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Ihr wart auch in Dieter Thomas Hecks Hitparade – wie war das?

ID: Dieter Thomas Heck war stinksauer, dass wir da auftraten. Hinter der Bühne hat er uns angemacht, was wir hier wollten, er wollte uns nicht ansagen. Der wollte keine Neue Deutsche Welle in seiner Schlagersendung haben, und vor allem wollte er keine feministischen Inhalte haben. Er hat sich wahnsinnig geärgert, dass wir den dritten Platz bekommen haben und dann wiederkommen durften.

Kommen jüngere Musiker:innen auf euch zu und sagen, dass ihr sie zum Musikmachen inspiriert habt?

ID: Ich kann dir dazu leider nichts erzählen, weil ich seit fünfzehn Jahren „raus“ bin. Aber Micki hat viele Sachen mit jungen Leuten gemacht:

MM: Ich produziere weiterhin, auch junge Sängerinnen und Sänger, die zum Teil deshalb mit mir arbeiten wollen, weil ich mit so einer Ikone wie Ina gearbeitet habe, und übrigens auch, weil feministische Inhalte aus Gründen wieder aktuell sind.

Ina, verfolgst du das aktuelle Pop-Geschehen?

ID: Zaho de Sagazan ist ein unglaubliches Talent! Auf jemand wie sie habe ich lange gewartet. Wenn ich abends zu Hause bin, gucke ich 3Sat-Kulturzeit. Meine gesamten Informationen darüber, was gerade passiert, ziehe ich da raus. Ich kaufe selten Zeitungen, weil mich alles nicht mehr so interessiert. Außer, es erscheint beispielsweise eine neue Biografie von Patti Smith, die kaufe ich mir dann doch. Neue Frauenbands oder neue Sängerinnen kriege ich über Kulturzeit mit, Zaho de Sagazan habe ich allerdings bei Arte gesehen.

Hast du das Gefühl, den Weg für jüngere Künstlerinnen mit vorbereitet zu haben?

ID: Ich empfinde es nicht so, dass die Mädels jetzt auf einem Weg weitergehen, den wir bereitet haben. Im Gegenteil, finde ich. Wenn ich mir so manche Influencerinnen angucke, was sehe ich denn da? Es ist die althergebrachte Reduzierung aufs Schönsein – es passiert wieder genau das, wogegen wir vor vierzig Jahren angetreten sind.

Kann das nicht auch zusammengehen, also Styling einerseits und ein Bewusstsein für Feminismus und Gleichberechtigung?

ID: Neulich war ich Teil einer Diskussion, die bei diesem Thema einen feministischen Hintergrund ausmachen wollte. Nur kenne ich dieses Argument seit damals, dass Frauen gesagt haben, wir wollen uns nicht mehr alles von euch, Feministinnen, Anm. cm, vormachen lassen. Wir werden jetzt unser eigenes Ding machen. Ja, wunderbar, dienen wir uns wieder den Männern an! Wenn es Social Media nicht geben würde, wäre es vielleicht anders gelaufen. Aber das, was ich dort sehe, entspricht genau dem, was wir nicht mehr wollten.

Sagt noch etwas zu dem neuen Song, „Wenn wir nicht brennen“.

MM: Ina kam mit diesem Text zu mir und sagte, dass es ihn in Teilen schon sehr, sehr lange gibt. Vor allem die Eingangsstelle, „wenn kalter Wind in kalten Zeiten über die kalte Erde weht“. Ich fand den Text sehr authentisch und aktuell, und er hat mich gleich zu einer Musik inspiriert. Wir hatten anfangs Probleme, die richtige Tonart zu finden – das ist, wie einer Person ein passendes Kleid oder Jackett anzuziehen. Als wir das hatten, haben wir nicht viel Zeit für die Aufnahme gebraucht. Das ist alles First Take, nur die erste Strophe haben wir noch einmal aufgenommen!

ID: Micki sagte, dass ich die erste und zweite Strophe wiederholen sollte, es würde noch nicht so richtig stimmen. Als ich sie dann noch einmal gesungen hatte, wusste ich, was er meint – allein hätte ich das nicht gemerkt. Unsere Zusammenarbeit funktioniert nach all den Jahren immer noch so gut, weil das Vertrauen ineinander so groß ist.

Mehr zur Person

Ina Deter gründete mit 16 eine All-Girl-Skiffle-Band, nach deren Ende nahm sie als Liedermacherin Soloplatten auf. 1982 veröffentlichte sie mit „Neue Männer braucht das Land“ ihren feministischen Hit, dessen Aussage heute so aktuell wie damals ist. Ina Deter wird nächstes Jahr 80 Jahre alt und hat sich heute aus dem Popbetrieb weitgehend zurückgezogen – unlängst ist eine umfangreiche Retrospektive in Form eines Boxsets erschienen.

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