Brian Molko im Interview: „Nur Träumer verändern die Welt“
Brian Molko rechnet mit Social Media und Spotify ab & erklärt, was Placebos Debüt heute für ihn bedeutet.
Mit RE:CREATED kehren Placebo zu ihrem 96er-Debüt zurück – dem Werk, mit dem sie nicht nur ihre eigene Stimme fanden, sondern zig Leuten auch eine gaben. Jetzt gibt es einen Director’s Cut: aus den Originalbändern neu geschnitten, von Adam Noble frisch abgemischt. Zehn überarbeitete Songs plus zwei Bonustracks, in die Brian Molko und Stefan Olsdal drei Jahrzehnte Bühnenerfahrung gießen. Die Reibung, mit der Placebo die Musikszene überrollten, bleibt spürbar: Außenseitertum knallt auf Massenwirkung, androgyne Selbstinszenierung trifft auf direktes, augenzwinkerndes Songwriting. Dass Molko bis heute lieber über Haltung als Hits spricht, ist nur konsequent.
Eigentlich sollte es im Interview um genau dieses Album gehen. Doch RE:CREATED rückt schnell in den Hintergrund, kaum dass die Zoom-Verbindung steht. Brian Molko spricht lieber über Identität in den 90ern, über das Versagen sozialer Medien und den Niedergang des Crate Diggings, über einen Leonard-Cohen-Konzertbesuch mit Plastik-Klarinette – und immer wieder über das Austarieren von Pragmatismus und Idealismus, das er als zentralen inneren Konflikt beschreibt. Die Album-Promo wird zur Nebensache.
ME: „Director’s Cut“ klingt nach Endgültigkeit. Ist RE:CREATED der Anfang von etwas Neuem oder das Ende eines Kapitels?
Brian Molko: Es fühlt sich an, als würde sich ein Kreis schließen, aber all das passiert eigentlich nur, weil wir uns ein willkürliches Konzept von Zeit ausgedacht haben, um Dinge festhalten zu können. Wir haben zum Beispiel den gregorianischen Kalender. In Thailand haben sie den buddhistischen. Wir haben 24 Stunden am Tag – genauso gut hätten es 15 oder 30 sein können. Das ist alles zufällig. Aber das heißt nicht, dass wir nicht feiern können. Es sind 30 Jahre im Musikgeschäft vergangen, und wir leben noch, die Leute interessieren sich nach wie vor für uns, wir machen weiterhin neue Musik und spielen Konzerte. Die Menschen wollen hören, was wir zu sagen haben. Es wäre unehrlich, unser Jubiläum nicht wenigstens ein bisschen zu zelebrieren. Und ich glaube, die Fans wollen Teil dieser Feier sein. Also ist es wohl hauptsächlich für die Fans – und für uns ein Grund, wieder auf Tour zu gehen und diese alten Songs spielen zu können.
Wenn Zeit ein Konstrukt ist – gilt das vielleicht auch für gesellschaftliche Debatten? RE:CREATED erscheint in einem Moment, in dem Gespräche über Gender und Zugehörigkeit sichtbarer, aber auch heftiger umkämpft sind als 1996. Fühlt es sich seltsam an, eine Platte gemacht zu haben, zu der die Gesellschaft drei Jahrzehnte später immer noch aufschließt – oder gegen die sie noch immer ankämpft?
Darf ich dir eine Frage stellen?
Klar.
Wie alt warst du 1996?
Ich war neun.
Dann weißt du nicht, wie es war – schwul oder bisexuell im Musikgeschäft der 90er zu sein und welche Gespräche da geführt wurden. Ich würde nicht sagen, dass diese Themen heute heftiger umkämpft sind als damals. Die 90er waren voreingenommener, homophober, deutlich misogyner als heute. Der einzige Grund, warum Menschen heute den Eindruck haben, es sei „heftiger umkämpft“, wie du es nennst, ist die Verstärkung durch soziale Medien. Tatsächlich ist es heutzutage einfacher, schwul, bisexuell oder trans zu sein als in den 90ern. Nicht einfach, aber früher war es brutaler. Es brauchte viel mehr Mut, Dinge laut hinauszuschreien, wie wir es mit unserem Debütalbum getan haben.
Woher kam dieser Mut?
Ich glaube, viele Menschen denken nicht wirklich darüber nach, wer sie sind oder sein wollen. Die meisten verbringen nicht viel Zeit damit, sich zu suchen. Stefan [Olsdal, das einzige andere immer noch feste Mitglied von Placebo, Anm. d. Red.] und ich haben genau das versucht – durch Musik, durch die Themen unserer Songs, durch die Art, wie wir uns auf der Bühne präsentierten. Wir wussten erst einmal selbst noch nicht, wer wir waren. Wir hatten nur eine Intuition, ein Gefühl, etwas sehr Rohes. Und ja, wir wollten provozieren. Der Mut bestand darin, das öffentlich zu tun, bevor wir die Antworten selbst hatten. Wir haben die rohen Daten einfach ungefiltert rausgehauen.
Stefan Olsdal und du seid als Teenager in Luxemburg aufgewachsen – nicht gerade das Mekka des Rock’n’Roll. Wie viel von dieser Außenseiter-Geografie steckte schon vor dem ersten gemeinsamen Akkord in der Band-DNA?
Die Außenseiter-Geografie Luxemburgs? [lacht] Mein Dauergefühl war vielmehr: „Ich muss hier verdammt noch mal so schnell wie möglich weg!“ Aber Luxemburg hat sich seit meiner Jugend enorm verbessert. Der öffentliche Nahverkehr ist kostenlos. Sie haben Cannabis für den Freizeitgebrauch entkriminalisiert. Für einen so konservativen Ort ist das ziemlich progressiv. Und heute finden dort jede Menge Festivals und Konzerte statt – im Gegensatz zu früher. Stefan und ich waren in der Schulzeit ja auch keine Freunde, wir gehörten unterschiedlichen Gruppen an und gingen uns aus dem Weg. Also saß jeder für sich zu Hause in seinem Zimmer, hörte Musik und lernte Instrumente zu spielen, weil es sonst nichts zu tun gab.
Ein Instrument lernen, klingt für mich lösungsorientiert.
Ich glaube, es gibt immer eine Lösung. Es hängt nur davon ab, wie viel Mühe man bereit ist, in die Suche danach zu investieren.
Optimistisch gesprochen.
Das würde ich nicht Optimismus nennen. Eher Pragmatismus.
Ok, fair. Erinnerst du dich an den ersten Song, bei dem du dich weniger allein gefühlt hast?
Ich weiß noch, wie ich als Teenager mit gebrochenem Herzen dastand. Und das erste Stück, das nicht nur genau beschrieben hat, was mit mir los war, sondern mir auch irgendwie eine Lösung gegeben hat, war „Hey, That’s No Way To Say Goodbye“ von Leonard Cohen. Ich habe dabei viel geweint, aber ich verstand auch, was er sagen wollte – und es half mir über den Herzschmerz hinweg.
Beneidenswert eigentlich – du hast ihn immerhin auch noch live sehen können, das habe ich nie geschafft.
Aber das war eine große Enttäuschung! Ich musste das Konzert aus Protest frühzeitig verlassen.
Wow! Wobei dieser Protest doch wahrscheinlich nur du selbst registriert hast, oder?
Das musste trotzdem sein. Leonard Cohen hatte einen musikalischen Leiter engagiert, der auch Bassist seiner Band war. Und die haben alle Songs neu arrangiert. Diese wunderschönen, herzzerreißenden Stücke wurden zu Hotel-Lounge-Musik gemacht. Erst war ich nur schockiert, dann richtig abgestoßen. Und als der Keyboarder anfing, eine Plastik-Klarinette zu spielen, musste ich einfach gehen. Ich hoffe für Leonard Cohen, dass die Tour erfolgreich war und er damit seinen Lebensabend komfortabel verbringen konnte. Aber mein Gott, sie haben seine Songs regelrecht hingerichtet!
Jetzt muss ich lachen, du erzählst das mit so viel Hingabe. Aber mal zurück zur Platte: Auf RE:CREATED sind auch B-Seiten mit drauf. Wie passt ein Song wie „Drowning By Numbers“ heute ins Albumbild? Und nimmt das nicht auch ein bisschen den Reiz weg, versteckte Tracks für sich zu entdecken oder Singles allein wegen der B-Seite zu kaufen?
Früher haben wir Songs auf CDs versteckt, weil das technisch möglich war – zum Beispiel zehn Minuten nach dem letzten Track. Aber wie willst du das bei einem Streamingdienst machen? Denn da hören die meisten Leute heute Musik. Wie willst du dort überhaupt irgendetwas verstecken? Ich glaube, Streamingdienste sind schon gut genug darin, gute Musik zu verstecken, da brauchen sie keine zusätzliche Hilfe. Deshalb verstehe ich den Part bezüglich des „Entdeckens“ nicht ganz, denn auch „Drowning By Numbers“ existiert ja bereits seit 30 Jahren. Er stammt aus derselben Songphase wie das erste Album und war die B-Seite einer Single. Außerdem passt er klanglich am besten zum Rest des Albums. Und es ist ein verdammt guter Song. Warum also nicht?
Meiner Meinung nach eine verkürzte Erklärung.
Dir gefällt meine Antwort nicht.
Geht so. Ist halt wieder, wie du es wohl nennen würdest, pragmatisch von dir.
Wirst du mich im Interview jetzt so beschreiben?
Wäre das denn okay für dich?
Ja, absolut. Man muss manchmal pragmatisch sein. Gleichzeitig bin ich aber auch sehr idealistisch. Ich versuche, beides auszubalancieren. Eigentlich bevorzuge ich den Idealismus.
Pragmatismus macht Entscheidungen leichter. Beim Idealismus weiß ich oft nicht, wie man dem überhaupt im Alltag gerecht werden soll.
Ich glaube auch nicht, dass man das wirklich kann. Als Idealist ist man ein Träumer. Aber die Welt wurde nie von pragmatischen Menschen verändert. Sie wurde von Träumern verändert, von Verrückten, von Wissenschaftlern, die glaubten, dass das Unmögliche möglich ist, von Kriminellen und vom „Abschaum der Gesellschaft“, wie Regierungen sagen würden. Unsere Regierungen hingegen bestehen aus pragmatischen Menschen – und besonders gut läuft es gerade nicht, oder?
Schon, wobei ich nicht sicher bin, ob ich „pragmatisch“ für das richtige Wort halte. Gerade in Bezug auf Deutschland.
Du musst große Angst vor dem Aufstieg der AfD haben.
Klar, aber gegen Angst hilft Bildung.
Das Problem ist: Es gibt immer weniger Menschen, die aus erster Hand erzählen können, wie Faschismus aussieht und sich anfühlt. Immer weniger Menschen erinnern sich daran. Deshalb sehen wir unter jungen Leuten diesen starken Anstieg rechter Ideologien. Wie du sagst: Es geht um Bildung. Junge Menschen sprechen nicht mit alten Menschen. Und es gibt immer weniger alte Menschen, die die Schrecken des Faschismus noch erlebt haben.
Um Generationen zusammenzubringen, kann man Social Media als Hebel nutzen. Um dort aufzuklären, Verbindungen zu schaffen.
Weißt du, woran mich das erinnert? An diese Klimakonferenzen, bei denen Weltführer zusammenkommen und überlegen, wie sie die Klimakatastrophe lösen können – aber gleichzeitig Profit machen wollen. Soziale Medien sind kein Ort für differenzierte Diskussionen. Es ist ein riesiger Marketing-Sumpf. Der einzige Zweck von sozialen Medien ist, einer kleinen Gruppe von Menschen mehr Geld zu bringen. Und genauso wie bei den G7-, G8- oder G20-Treffen zum Klima geht es am Ende vor allem darum, wie man mit der Rettung des Planeten Kasse machen kann. Deshalb sind wir am Arsch. Und ich meine das nicht beleidigend, aber wenn du glaubst, dass wir Menschen über soziale Medien weniger faschistisch machen können, dann sind wir wirklich am Arsch.
Ich versuche nur, mit den Werkzeugen zu arbeiten, die ich zur Verfügung habe.
Und genau da beginnt Idealismus: zu sagen, „Das reicht nicht, lasst uns etwas Besseres schaffen“ und nicht einfach zu akzeptieren, was man bekommt. Diese Haltung von „So ist die Welt eben, das sind die Werkzeuge, die ich habe“ führt nicht zu Fortschritt. Sie führt zu Stillstand und Entropie. Ich will dir hier nicht absichtlich widersprechen, aber das sind einfach meine Überzeugungen.
Dann lass mich an dieser Stelle kurz ein bisschen gemein werden und noch mal pedantisch mit der B-Seiten-Sache anfangen, bei der du zu mir meintest, ihr hättet sie auf RE:CREATED raufgepackt, weil das eh so für die Streamingdienste funktionieren müsse und Hidden Tracks oder B-Seiten in dem Sinne obsolet seien, wenn Musik gefunden werden soll. Gibst du dich hier nicht auch mit den Gegebenheiten zufrieden?
Ja, sehr gut. Das ist tatsächlich ein großes Problem für mich. Ich empfinde dabei starke kognitive Dissonanz. Es belastet mich wirklich. Ich habe oft naiv mit meiner Band, meinem Management und meinem Label darüber gesprochen, unsere Musik von Spotify zu nehmen. Aber ich bin dort nicht die lauteste Stimme. Es stört mich. Sehr sogar. Ich muss mit dieser Dissonanz leben. Denn ich habe Musik anders entdeckt. In Luxemburg gab es fantastische Plattenläden, das muss ich noch erwähnen. In einem davon habe ich unglaublich viel Zeit verbracht. Manchmal habe ich sogar die Schule geschwänzt und bin direkt in den Laden gefahren. Ich habe Musik durch „Crate Digging“, wie wir es damals genannt haben, entdeckt – ich hatte diese Platten physisch in den Händen, habe auf das Artwork reagiert, auf das Geheimnis darin. Streaming fühlt sich nicht wie ein Plattenladen an. Es fühlt sich an wie damals, als ich zum ersten Mal eine Suchmaschine gesehen habe: ein weißer Bildschirm mit einem kleinen Eingabefeld. Das ganze Internet hinter diesem Bildschirm und du hast keine Ahnung, wonach du suchen sollst. So fühlt sich Streaming für mich an. Wie soll man so Musik entdecken? Über Algorithmen? Die Empfehlungen, die ich bekomme, sind völlig absurd. Nur weil ich die Smashing Pumpkins höre, heißt das nicht, dass ich Alice in Chains hören will. Aber genau so funktionieren Streamingdienste. Die Leute entdecken dadurch nur mehr vom Gleichen. Und das finde ich traurig. Björk hat einmal gesagt, das Schlimmste, was der Musik passiert ist, sei Spotify gewesen. Und sie hat recht. Spotify wurde nicht als Musikunternehmen gegründet. Schau dir die Geschichte an: Sie wollten eine Datenfirma aufbauen. Musik war nur das Vehikel dafür. Das ist eine Beleidigung für Artists. Aber wir scheinen Bequemlichkeit mehr zu schätzen als echte Verbindung. Der Weg des geringsten Widerstands funktioniert für Wasser und Elektrizität. Für Musik eher nicht.
Was heute übrigens auch nicht mehr funktionieren würde: Als BBC Radio 1 euren Song „Nancy Boy“ verboten hatte, nanntest du das später die beste Werbung, die ihr euch hättet wünschen können. Heutzutage ist so ein Outcome überhaupt nicht mehr denkbar, oder?
Radio hat inzwischen viel weniger Einfluss als früher. Aber ich musste damals an Frankie Goes To Hollywood denken. Als „Relax“ von der BBC verboten wurde, war ich alt genug, um das mitzubekommen. Ich liebte den Song und das Video, es war so herrlich pervers. Die BBC sprach ihr Verbot aus und „Relax“ schoss direkt auf Platz eins der Charts. Dann wurde das nächste Video verboten, und auch die Single ging auf den vordersten Rang. Wir haben nur Platz vier erreicht, aber trotzdem – das war großartig. Wir hatten nie damit gerechnet. Ja, das war die beste Werbung, die wir bekommen konnten. Für mich fühlt sich das heute noch wie eine Ehrenmedaille an.
Mehr zu Placebo
Placebo gründeten sich zwar 1994, aber erst 1996 erschien das wie die Band betitelte Debütalbum. Angeführt von Brian Molko und Stefan Olsdal stellte die Gruppe gleich zu Beginn die Konventionen der damaligen Britpop-Ära bewusst in Frage: Statt nostalgischer Coolness und klassischer Rock-Männlichkeit setzten Placebo auf androgyne Ästhetik und Texte über Sexualität, Sucht, Entfremdung und Identität. Songs wie „Nancy Boy“ und „36 Degrees“ etablierten die damals als Trio arbeitende Band und ihren Glam- und Alternative-Rock weltweit. Drei Jahrzehnte später greifen Placebo dieses Vermächtnis mit PLACEBO RE:CREATED erneut auf – einer für den 19. Juni angekündigten Neuinterpretation ihres Erstlings, die laut Band als „Director’s Cut“ verstanden werden soll: keine Neuerfindung, sondern die klangliche Vollendung eines Albums, dessen Songs sich über Jahrzehnte hinweg auf der Bühne weiterentwickelt haben. Begleitet wird die Veröffentlichung von einer Jubiläumstour.







