Neue Deutsche Welle: Die wichtigsten Alben im Ranking
Von Fehlfarben über Ideal bis DAF: Diese NDW-Platten sind besonders wichtig.
Vor etwa 47 Jahren wurden diese Worte erstmals publiziert: In einer Anzeige der Zeitschrift „Sounds“ bewarb ein Plattenversand das Debüt der Deutsch Amerikanischen Freundschaft (DAF). Journalist und Labelbetreiber Alfred Hilsberg übernahm den Begriff und trug zu seiner Popularisierung bei. Das neue „Genre“ wurde nach Erfolgen im Untergrund rasch vom Mainstream vereinnahmt und verschwand genauso schnell, wie es gekommen war. Wir stellen zwölf wichtige Alben vor.
1980
Der Plan – GERI REIG
Der Plan aus Düsseldorf will nicht weniger als alles. Die „ästhetische Erneuerung der deutschen Kulturlandschaft“ ist der selbst auferlegte Auftrag, den Frank Fenstermacher, Moritz R und Pyrolator mit ihrem Debütalbum GERI REIG erreichen möchten. Sie erheben den Dilettantismus zum künstlerischen Prinzip – in Form elektronischer Popsongs, die fröhlich zwischen den Genres wechseln, mit Gesang in Micky-Maus-Stimmen und fiepsigen Elektronik-Gimmicks. Vor allem aber mit ihren deutschen Texten zwischen Dadaismus, scharfen Alltagsbeobachtungen und der seltenen Fähigkeit zur Selbstironie.
Bewertung: ★★★★★
Fehlfarben – MONARCHIE UND ALLTAG
„Keine Atempause, Geschichte wird gemacht, es geht voran!“ Mit ihrem emblematischen Song „Ein Jahr (Es geht voran)“ liefern Fehlfarben aus Düsseldorf 1980 den bis heute gern zitierten Slogan der Neuen Deutschen Welle. MONARCHIE UND ALLTAG, das Debütalbum der Band um Sänger Peter Hein und Gitarrist Thomas Schwebel, ist ein Schlüsselwerk der NDW.
Die Songs sind noch tief im Punk verwurzelt, atmen aber bereits die Subtilität des Postpunk. Sie sind politische und gesellschaftliche Bestandsaufnahme eines gar nicht so bunten Lebens in der alten Bundesrepublik zu Beginn der Achtzigerjahre.
Bewertung: ★★★★★★
Xaõ Seffcheque – SEHR GUT KOMMT SEHR GUT
Zum Höhepunkt der untergründigen Neuen Deutschen Welle erscheint dieser Sampler mit allem, was das Herz begehrt. Mittagspause sind vertreten, The Wirtschaftswunder, DAF, Der Plan sowie Die Nachdenklichen Wehrpflichtigen („Ist Free Jazz heilbar?“) und sogar Kraftwerk mit der zwölfteiligen Miniatur „Stalagmit“.
Wer das komisch findet, hat recht. Der österreichische Musiker und Autor Xaõ Seffcheque steckt hinter dem Projekt und hat sämtliche Songs selbst aufgenommen. Das Album ist zugleich Hommage und Persiflage auf die Neue Deutsche Welle – in weitsichtiger Vorahnung ihres drohenden Ausverkaufs.
Bewertung: ★★★★
Ideal – IDEAL
Jahrzehnte vor dem bis heute anhaltenden Berlin-Hype macht Annette Humpe als Sängerin von Ideal klar: „Ich steh auf Berlin“. Die Band aus der eingemauerten Stadt versteht es, auf ihrem Debütalbum Pop-Sensibilität in die Sprache der Neuen Deutschen Welle zu übersetzen.
Natürlich ist dieser Pop überdreht, grell und hektisch, die Texte handeln von alltäglichen Themen, die bis dahin im deutschsprachigen Mainstream kaum vorkamen. Das hält die Menschen jedoch nicht davon ab, das Album bis auf Platz 3 der deutschen Charts zu kaufen. Es ist kein kalkulierter Erfolg – und mit „Blaue Augen“ gelingt Ideal außerdem ein Song für die Ewigkeit.
Bewertung: ★★★★★
1981
Einstürzende Neubauten – KOLLAPS
Das erste Album der Berliner Band, das bei einem „richtigen“ Label erscheint. Blixa Bargeld, N. U. Unruh und FM Einheit gelingt mit ihren Instrumenten aus Schrott und Alltagsgegenständen eines der kompromisslosesten Debütalben – nicht nur Deutschlands.
„Hör mit Schmerzen, hör meine Wunden“, singt Blixa Bargeld. Es ist das Motto des Albums. Doch zwischen all dem Krach verstecken sich auch subtile, minimalistische Stücke. KOLLAPS beeinflusst Generationen von Industrial- und Noise-Bands. Das Original bleibt bis heute unerreicht.
Bewertung: ★★★★★★
Abwärts – AMOK KOMA
Man kann darüber streiten, ob das Debüt der Hamburger Band um den Anfang dieses Jahres verstorbenen Sänger und Gitarristen Frank Z. der Neuen Deutschen Welle zuzurechnen ist. Der nervöse Punkrock wird jedoch durch die Beiträge von FM Einheit am Synthesizer – später bei den Einstürzenden Neubauten – und Margita Haberland an der Geige weit über die reine Lehre hinausgehoben.
Frank Z. bellt seine dadaistischen Texte zu splitternden Gitarrensoli und kakofonischen Effekten heraus. Mit rund 24.000 verkauften Exemplaren ist AMOK KOMA das erfolgreichste Album von Alfred Hilsbergs Label ZickZack – ein beachtlicher Erfolg für eine DIY-Produktion.
Bewertung: ★★★★★☆
Deutsch Amerikanische Freundschaft – ALLES IST GUT
Die Schrumpfung der Deutsch Amerikanischen Freundschaft zum Duo Gabi Delgado-Lopez und Robert Görl kommt 1981 einer musikalischen Neuerfindung gleich. Neu ist auch das Image der beiden, die homoerotische und faschistische Zeichen und Symboliken provokant miteinander verknüpfen.
Auf dem dritten Album ALLES IST GUT verschmelzen Delgado-Lopez‘ strenger Gesang und Görls aggressive Synthesizer-Sounds zu einer völlig neuen Klangästhetik. Das Album beeinflusst später Stilrichtungen wie Electronic Body Music, Industrial und Techno maßgeblich.
Bewertung: ★★★★★
Palais Schaumburg – PALAIS SCHAUMBURG
Palais Schaumburg war der Dienstsitz des Bundeskanzlers in der Bonner Republik. Die gleichnamige Band klingt auf ihrem Debüt wie die ungeratenen Brüder der Talking Heads. Funk- und Ska-Elemente verbinden Sänger Holger Hiller und Multiinstrumentalist Thomas Fehlmann mit exzentrischen Sounds, hysterischem New-Wave-Gesang und Free-Jazz-Trompeten.
Oberflächlich betrachtet wirkt das Album chaotisch, tatsächlich ist es hochmusikalisch und bis heute einzigartig. Thomas Fehlmann entwickelt sich später zu einem der wichtigsten deutschen Techno-Pioniere.
Bewertung: ★★★★★
Die Doraus & die Marinas – BLUMEN UND NARZISSEN
Eigentlich möchte Andreas Dorau gar kein Album aufnehmen, sondern zehn Singles auf zehn verschiedenen Labels veröffentlichen. Dieser Gedanke prägt das Debüt BLUMEN UND NARZISSEN: Kein Song klingt wie der andere.
Zusammengehalten wird alles von einer charmanten Lo-Fi-Ästhetik. Minimal Pop, fiepsige Elektronik, Funk-Bässe und schräge Bläsersätze existieren hier ganz selbstverständlich nebeneinander. Dorau singt vom Einkaufen, vom Geldmangel, vom Nordseeurlaub und von der Liebe. Über allem schwebt der Überraschungshit „Fred vom Jupiter“.
Bewertung: ★★★★☆
S.Y.P.H. – S.Y.P.H.
S.Y.P.H. aus Solingen wandeln von Beginn an zwischen den Genres. Bereits das Debüt Pst (1980) verband Punk, Wave und Experiment. Produziert wurde es von Holger Czukay (Can). Ein Jahr später arbeitet die Band erneut mit ihm zusammen. Das Album S.Y.P.H. bietet experimentelle, psychedelisch ausufernde Mantras.
Es bildet das Bindeglied zweier musikalischer Wellen: des ausklingenden Krautrocks und der gerade aufblühenden Neuen Deutschen Welle.
Bewertung: ★★★★☆
1982
Malaria! – EMOTION
Wenn Ideal die bunte Verkörperung des Berliner Bürgertums sind, dann stellen Malaria! ihr schwarz-weißes Gegenstück aus dem Untergrund dar. Die Band um Gudrun Gut, Bettina Köster, Christine Hahn, Manon P. Duursma und Susanne Kuhnke lotet auf ihrem Debüt die dunkelsten musikalischen Möglichkeiten aus.
EMOTION ist ein eiskaltes Album voller tiefschwarzer elektronischer Atmosphären zwischen Dark Wave, Postpunk, No Wave und New Wave. Auch international sorgt Malaria! für Aufsehen und spielt unter anderem im New Yorker Studio 54 sowie im Mudd Club.
Bewertung: ★★★★★
Foyer des Arts – VON BULLERBÜ NACH BABYLON
Die wenigsten Menschen, die den Schriftsteller Max Goldt heute schätzen, kennen seine musikalische Vergangenheit. Anfang der Achtzigerjahre bildet Goldt gemeinsam mit Gerd Pasemann das Avantgarde-Pop-Duo Foyer des Arts.
Mit „Wissenswertes über Erlangen“ gelingt den beiden eher zufällig ein Charthit. Das zweite Album VON BULLERBÜ NACH BABYLON ist voller herrlich dilettantischem Minimal Pop, der sich spielerisch durch unterschiedlichste Genres bewegt. In seinen Texten zeigt Goldt bereits jenes unverwechselbare Gespür für Sprache und feinen Humor, das ihn später als Autor berühmt machen wird.
Bewertung: ★★★★★







