It’s the Singer — not the song: Bob Dylans Jubiläums-Konzert


Wolfgang Niedecken saß bei dem New Yorker Dylan- Spektakel in der ersten Reihe

NEW YORK. Madison Square Garden. … was ist hier nicht schon alles abgelaufen? Zahllose, am TV durchwachte Nächte in Sachen Ali gegen Frazier fallen mir ein. das Konzert für Bangla Desh. Springsteen. Rolling Stones … wer hat hier nicht schon alles gespielt? Heute kommen auf jeden Fall noch ein paar Namen mehr auf die Liste, denn Columbia Records, Dylans Plattenfirma. lud zur Huldigung an jenen Kollegen ein. der den Rock ’n‘ Roll vor dem Verblöden bewahrt hat. Und alle kommen, um — bis auf wenige Ausnahmen wie Lou Reed und George Thorogood — in schnell wechselnder Reihenfolge ihre Versionen von Dylan-Klassikern zum Besten zu geben.

Die rund 20.0(10 in der Halle (Ein gemischteres Publikum kann man sich kaum vorstellen: vom grauen Banker bis zum per T-Shirt ausgewiesenen Nirvana-Fan) wissen es zu schätzen. Eine Standing Ovation nach der anderen, und manch ein Stück kommt so gut wie nie zuvor. Wie Clapton diesem armen, an unzähligen Lagerfeuern zu Tode geklampften „Don’t Think Twice“ per 6/8-Takt neues Leben einhaucht, ist schon begnadet.

Aber nicht nur Dylans Zeitgenossen, die alten Cracks wie „The Band“ (leider ohne Robbie Robertson) und Ro-, ger McGuinn (leider ohne die Byrds) glänzen, auch der Nachwuchs wie Eddie Vedder und Mike McReedy von Pearl Jam kann überzeugen. Die Intensität, mit der sie „Monsters Of War“ zelebrieren, geht in dieser Nacht nicht nur mir unter die Haut. Zwischenapplaus am Ende jeder Strophe ….. ihr bedroht sogar mein Kind, noch ungeboren, noch namenlos … ihr seid nicht einmal das Blut in euren Adern wert …“ Tja, war wohl nix mit dem Nachlassen der Kriegsangst!?

Ich sitze da mit meinem Notizzettel und lasse hochachtungsvoll die einzigartige Parade an mir vorbeidefilieren. Mensch, was hat dieser Mann nicht alles für Hämmer geschrieben!

„It’s the singer, not the song“ hatten die Stones mal auf irgendeiner B-Seite behauptet. Ich wage entgegen dem vielzitierten CBS-Werbespruch „Nobody sings Dxlan like Dylan“

das Gegenteil zu behaupten. Aber was erzähle ich? Zig-Millionen Fernsehzuschauer können weltweit verfolgen, wie diese Rohdiamanten zu funkeln beginnen, wenn sich die passenden Interpreten ihrer annehmen.

Zugegeben: Einige Versuche gingen daneben. So war mir Stevie Wonders“.Blowin‘ In The Wind“ zu zersungen (ganz abgesehen von der immer peinlichen „Und-jetzt-alle!!“-Aufforderung). und das von Tracy Chapman emotionslos runtergeschrammelte „Times Are A Changin'“ war’s auch irgendwie nicht. Aber in welchem Glanz erstrahlt „I Shall Be Released“, wenn es von Chrissie Hynde gefaucht wird, oder „Just Like A Woman“, wenn es von Richie Heavens zur offenen Gitarrenstimmung mit samtweicher Schmirgelpapierstimme durchlitten wird.

Und dann die Spielfreude: Allen voran unser aller Rock ’n‘ Roll-Kasper Ron Wood, dicht gefolgt von Johnny Winter, der mit seiner Slide-Version von“.Highway 61″ sogar die zahlreich anwesenden höheren Töchter im edleren Zwirn zum Fußwippen verführt, obwohl diese wahrscheinlich nur wegen Johnny Cash. June Carter und ähnlichen Country-Fossilien gekommen sind. Redneck hin. Redneck her. gerade die Spannweite von Johnny Cash bis Neil Young beweist, was Dylan für die amerikanische Kultur geleistet hat. Man stelle sich eine Veranstaltung in der Berliner Deutschlandhalle vor, in der von Heino bis zu den Hosen alle auf der Matte ständen, um Wolf Biermann Tribut zu zollen … unmöglich!

Schade, daß sich nur so wenige an neueres Material rangewagt haben. Bis auf die hervorragende „Emotionally Yours“-Gospelversion der O’Jays und Tom Pettys „License To Kill“ waren so ziemlich alle Stücke volljährig. Hätte persönlich zwar hebend gerne etwas vom „Infidels“- oder „Oh Mercy“-Album gehört, aber Jubiläumskonzerte scheinen eigene Gesetze zu haben.

Apropos Gesetze: Sinead-..Immerfür-eine-Schlagzeile-gut“-O’Connor hatte sich, offensichtlich falsch beraten,

zwei Wochen zuvor zwischen die Stuhle gesetzt, als sie bei einem Fernsehauftritt ein Papst-Porträt zerriß. So passiert es dann, daß sie — kaum sagt Kris Kristofferson sie an — in Grund und Boden gebuht wird. „What happened to freedom ofspeech?“, brüllt der Puertoricaner hinter mir — und ich bin zunächst seiner Meinung. Die allerdings in Wanken gerät, als mir ein befreundeter New Yorker tags drauf die Sichtweise des Melting Pof-Bewohners erklärt: Es gibt dermaßen ätzend viele kleine und größere Nichtigkeiten zwischen ethnischen und religiösen Gruppen, daß man hier einfach null Verständnis dafür hat. wenn ein europäischer Schlaumeier daherkommt und meint, unbedingt Öl in eins der Feuer gießen zu müssen. Bei all meiner persönlichen Abneigung gegen den Chefzyniker in Rom und seinen Verein leuchtet mir da was von ein.

Zurück zum Konzert! Irgendwann spät am Abend ist es dann soweit: George Harrison hat „If Not For You“ und „Absolutely Sweet Marie“ bereits bravourös absolviert und sagt den Meister selbst an. Dieser schlurft aus der Deko, während ich verzweifelt die Daumen halte, daß nicht wieder Mitleiderregendes passiert wie 1985. ganz am Ende des Live Aid-Spektakels. Damals hatte er — hackevoll vor lauter Warterei — lallend seine Kumpels mit den Worten: „… brought some friends of mine… Keith Richards… and Ron Wood … don’l know where they are!?“ angekündigt, um danach den wahrscheinlich katastrophalsten Gig seiner Laufbahn abzuliefern.

Heute Nacht ist er cleverer, und da seit jeher (auch im nüchternen Zustand) das Zusammenspiel mit anderen Musikern nicht unbedingt seine Stärke ist, bringt er erstmal zwei Nummern solo: „Song To Woody“, die Hommage an sein Vorbild Woody Guthrie von seiner allerersten LP, die mir tatsächlich Tränen in die Augen treibt. Danach peitscht er sich dann durch „It’s AUright. Ma“, nicht ohne den obligaten Szenenapplaus für eine seiner wohl bekanntesten Zeilen überhaupt, in der konstatiert wird, daß sogar der amerikanische Präsident mitunter nackt dasteht.

Was danach kommt, ist klar — das Finale. Die Herren McGuinn. Petty, Young, Clapton und Harrison haben sich „My Back Pages“ in fünf Strophen aufgeteilt, die sechste singt der Meister selbst. Auch hier meldet sich der Kloß in meinem Hals: „… ah, but I was so much older then, l’m younger than thal now. “ Welch ein Text für einen (damals) 23jährigen Grünschnabel, welch ein Text für einen (heute) 51jährigen, „ehrenwerten, außerhalb sämtlicher Konventionen lebenden Querköpfe, dem so viele so viel verdanken, der „Schuhe für alle gemacht hat, aber selbst immer noch barfuß geht.“

Das war der eigentliche Höhepunkt, auch wenn der Chronist noch vermerken muß, daß noch Ringelpiez mit Anfassen in Form von „Knockin‘ On Heaven’s Door stattfindet, wobei — Happy end — Frau O’Connor zum guten Schluß doch noch zum Singen kommt, indem sie zwischen den Zeilen hier und da Axl Roses „Hey, hey. hey“ einwirft. Noch eine letzte, dramaturgisch überflüssige Zugabe, nämlich Dylan solo mit „Girl From The North Country“, dann stellt ein sehr alt wirkender, trauriger Mann umständlich seine Gitarre weg und schlurft zurück in die Deko.