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Kritik

„Jack Ryan“ (Staffel 2) auf Amazon Prime: Geheimagenten gehen immer

Seit dem 01. November läuft auf Amazon Prime die zweite Staffel der Serie „Jack Ryan“ mit acht Folgen, die wieder lose auf der Romanfigur von Politthriller-Superstar Tom Clancy basiert. Und obwohl darin wieder viel mit schon etwas angestaubtem Agenten-Handwerkszeug jongliert wird, zieht die Story einen schnell hinein in den sehr spannenden Strudel aus Verschwörungen, Machtgehabe und weltumspannender Bösartigkeit, der diesmal in Venezuela tobt. Eine Serienübersicht in fünf Punkten.

Erstens: Jack who?

Wer mit den Büchern von Tom Clancy und filmischen Spionagethrillern gut vertraut ist, der kennt die namensgebende Hauptfigur natürlich schon länger. Jack Ryan kommt in vielen Romanen von Clancy vor, er taucht in „Jagd auf Roter Oktober“ (gespielt von Alec Baldwin) und „Das Kartell“ (gespielt von Harrison Ford) auf, bekam 2014 den ersten Kinofilm unter eigenem Namen „Jack Ryan: Shadow Recruit“ (gespielt von Chris Pine) und kämpft nun als CIA-Analyst, Finanzexperte und Dozent wieder gegen die Schurkenstaaten dieser Welt. Immerhin ist der aktuelle Jack Ryan (gespielt von John Krasinski) zwar ein Ex-U.S.-Marine, sonst aber vornehmlich am Schreibtisch und dem Flipchart aktiv. Dass er trotzdem Teil der spannenden Action im Geheimagentendasein wird, passiert meist eher so zufällig. Allerdings wirkt der Versuch, Jack Ryan gleichzeitig als harmlosen Analysten und skrupellosen Draufgänger-Agenten in Szene zu setzen auch in der zweiten Staffel nicht überzeugend. Es hübscht die sonst recht blasse private Seite des Agenten ein wenig auf, der schließlich auch Gefühle, Zweifel und Ängste haben darf. Aber letztlich geht es hier ganz profan um spannende, mitunter blutige Action, die keine komplizierte Hauptfigur benötigt, um zu funktionieren.

Zweitens: Besitzt Venezuela Banditen von Weltrang?

Hielten sich die Drehbuchautoren Carlton Cuse („Lost“, „The Strain“) und Graham Roland („Lost“, „Prison Break“) im ersten Teil noch brav an die aktuelle US-Thriller-Faustregel, nach der Schurken überwiegend fanatische Islamisten zu sein haben, verschlägt es Jack Ryan dieses Mal ins südamerikanische Venezuela. Ein Land, in dem Korruption und Armut, aber auch die gigantischen Gold- und Ölvorräte eine Einstufung als „Failed State“ (Gescheiterter Staat) nahelegen, wie es Ryan zu Beginn der Staffel als Dozent vor den angehenden CIA-Agenten ausführt. Was seiner Meinung nach letztlich dazu führen könnte, dass andere Länder wie Russland oder China sich des Landes bemächtigen könnten, um dort Atomraketen (natürlich gegen die USA) zu stationieren. Die Grundidee klingt plausibel, die Konsequenz daraus ziemlich hanebüchen. Eine bequeme Substanzlosigkeit, die sich „Jack Ryan“ aber ja mit den anderen Spionageserien der vergangenen Jahre teilt. Und obwohl der Kalte Krieg mit der Charta von Paris im November 1990 formell beendet wurde, scheint diese Weltanschauung immer noch fest in den Köpfen der Autoren zu existieren, auch weil sie filmisch schön eindimensional umzusetzen ist. Aber die Welt ist komplexer geworden, der Terror vielschichtiger – die Wahl für Venezuela als Drehort und Teil der Handlung ist da beinahe schon eine mutige Abweichung von der Norm.

Szene aus der zweiten Staffel von „Tom Clancy's Jack Ryan“
Szene aus der zweiten Staffel von „Tom Clancy’s Jack Ryan“

Drittens: Ein bisschen Realität muss sein

Keiner kann verlangen, dass die Missstände in Venezuela in einer Actionserie ausreichend vertieft werden, wenn gleichzeitig eine spannende Geschichte erzählt werden muss, bei der das Land dann doch nur stellvertretend für andere korrupte Scheindemokratien als Kulisse dient. Doch der Machtkampf zwischen dem kaltblütigen Präsidenten Nicolás Reyes (überzeugend gespielt von Jordi Mollà) und seiner Herausforderin Gloria Bonalde (Cristina Umaña) bildet nicht nur eine spannende Nebenhandlung, sondern weißt auch über den Vornamen des Präsidenten hinaus einige Parallelen zur Realität auf. Letztlich bieten auch Caracas und der Dschungel am Flussufer des Orinoco optische Abwechslung von den üblichen Drehorten der Agenten-Unterhaltung.

Viertens: Gute Action schert sich nicht um Details

Natürlich darf man bei diesem Genre als Zuschauer nicht zu pedantisch werden und jedes Detail kritisch hinterfragen. Beispielsweise warum der abgeschnittene Finger eines Schurken im Kühlschrank des CIA-Büros in Caracas liegt, wo er doch angeblich zur DNA-Analyse ins amerikanische Langley geschickt wurde. Wieso ein Boot per Fallschirm aus einem US-Flugzeug abgeworfen werden muss, wo es vielleicht auch ein schnelles Boot vor Ort gegeben hätte, mit dem die Geheimagenten den Orinoco hochdüsen können? Vielleicht macht die CIA aber sowas tatsächlich, weil amerikanische Boote eben viel viel besser sind und man den gigantischen Militäretat ja auch irgendwie verprassen muss. Aber solche Fragen sind letztlich irrelevant, weil sie dem Erzählfluss und der Spannung nicht im Weg stehen und sich die zurechtgebogenen Kniffe im Handlungsablauf durchaus in Grenzen halten. Da haben Jack Bauer, Carrie Mathison, Barney Ross oder Sydney Bristow (um nur einige von Ryans filmischen Berufskollegen zu nennen) schon ganz andere Absurditäten wegspielen müssen.

Fünftens: Perfektes Actionmenü mit passablen Beilagen

All diese Bedenken sind aber spätestens nach 20 Minuten verflogen, sobald man sich auf dem Sofa eingekuschelt hat und sich dem dichten Erzählstrang ausliefert. Wir wollten spannende Action mit ein paar cleveren Storytelling-Wendungen, und wir kriegen sie auch. Souverän fette Produktion, gute Schauspieler und eine recht stringente Handlung, die mit acht Folgen die richtige Länge hat, um das Binge-Watching nicht zur Tortur werden zu lassen. Wenn nur bloß nicht das Popcorn immer so schnell alle wäre.

Szene aus der zweiten Staffel von „Tom Clancy's Jack Ryan“
Szene aus der zweiten Staffel von „Tom Clancy’s Jack Ryan“

„Tom Clancy’s Jack Ryan“, Staffel 2, seit 01. November 2019 auf Amazon Prime im Stream verfügbar

Jennifer Clasen Jennifer Clasen/Amazon Studios
Cara Howe Cara Howe/Amazon Studios

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