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Jahresrückblick 2016: Hat das Format Album in der Popkultur noch eine Chance?

Das Album als „lebende, atmende, wechselnde kreative Ausdrucksform“: So hat Kanye West es getwittert, Mitte März 2016. THE LIFE OF PABLO, sein neues Album, stand damals schon gut einen Monat lang beim Streamingservice Tidal zur Verfügung. Wobei, der Satz ist formal falsch. Das Album gibt es nicht. Was es gibt, sind verschiedene Fassungen eines neuen Albums, nicht auf CD oder LP und als Download nur über Wests Website. Digitale Verknappung: Der kriegt auch das hin.

https://twitter.com/kanyewest/status/709872072604913664

Das Werk sollte zunächst „So Help Me God“ heißen, später „Swish“, wobei Kanye bereits ankündigte, es handle sich hierbei nur um einen Arbeitstitel. Werdende Eltern kennen diesen Trick. Aber irgendwann drängt eben der Eintrag ins Geburtenregister. Bei der Fertigstellung eines Albums mussten neben der Titelvergabe bislang auch noch weitere Entscheidungen getroffen werden: Welche Songs kommen drauf, und in welcher Version und welcher Reihenfolge? Auch wenn das Werk im Kopf eines Künstlers vielleicht nie ganz abgeschlossen ist. Der nicht zu bremsende Visionär und Selbstermächtiger West zeigt: Das gilt heute nicht mehr.

„A living breathing changing creative expression“ – sein Tweet steht für eine Neudefinition des Albumformats

Wer sollte ihn daran hindern, an einem Werk, das nur noch als Datenwolke existiert, weiter herumzuschrauben? Er fügte Gesangsbeiträge von Vic Mensa und Sia, die er hatte entfernen lassen, wieder ein, ließ Songs neu mixen, radierte in den Lyrics herum, und irgendwann im Juni gab es plötzlich einen neuen Song feat. Sampha: „Saint Pablo“. „A living breathing changing creative expression“ – sein Tweet steht für eine Neudefinition des Albumformats.

Der Livestream auf Frank Oceans Website
Vor der Veröffentlichung von BLONDE wurde ein Livestream auf Frank Oceans Website gezeigt.

Natürlich hoffen Musiker immer, dass ihre Alben leben, atmen, sich verändern. Bislang mussten sie dabei aber auf die Hörer hoffen, die durch ihre Rezeption dem Werk immer wieder neues Leben einhauchen. Kanye West hält die Fäden in der Hand und nutzt als Gigant der Branche die Möglichkeiten der volatilen Veröffentlichung via Streaming. Er betrachtet das Album als Spielball. So wie auch Frank Ocean, der im August nach Verspätung, einigem undurchsichtigen Hin und Her an Hinweisen und Vorankündigungen und einem ominösen Live-Stream aus einer Lagerhalle und Holzwerkstatt zuerst das Video-/ „Visual-Album“ ENDLESS ins Netz stellte und einen Tag später BLONDE veröfentlichte, den dann – ja, was eigentlich? – weiteren oder richtigen Nachfolger von CHANNEL ORANGE.

Beyoncé wiederum visualisierte ihr Album LEMONADE mit einem einstündigen Film, den HBO zuerst zeigen durfte – es gilt deshalb auch als „Visual-Album“. Auch A SEAT AT THE TABLE von ihrer Schwester Solange steht nicht für sich, sondern wird von einem digitalen Buch und einem Essay aus ihrem Blog flankiert. Aber erst die 51:43 Minuten Musik machen Solanges Gedanken künstlerisch vollkommen. Ist das bei Kanye auch so? Er stellte THE LIFE OF PABLO im Rahmen eines skurrilen Fashion-Events im Madison Square Garden vor – mit einer Beiläufigkeit, als zeigte er seiner Crew Urlaubsfotos. Bedeutet dieser lockere Umgang mit dem Album, dass das Format Frischluft erhält und revitalisiert wird? Oder sind seine Tage als prägendes Format der Popkultur gezählt? Oder gar schon vorbei?

Screenshot Frank Ocean

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