Jan Joswig kontrolliert: Männerunterhose? Na, Logo!

La Perla? Victoria’s Secret? Die Frau, die auf sich hält, trägt Calvin Klein – und zwar die Rippenunterhose mit dem Logo-Bündchen, so wie es Marky Mark Anfang der 90er vorgemacht hat, als er sich als offizielles Calvin-Klein-Model mit umgedrehter Basecap auf Billboard-Größe in den Doppelrippschritt griff.

Eine Unterhose als Markenprodukt mit Logo-Aufdruck und ein Popstar als Botschafter: Mit diesem Doppel-Punch überzeugte Calvin Klein (der sich beim Ausleben seiner Sexualität genauso wenig von Geschlechtergrenzen irritieren lässt wie Angel Haze) den US-amerikanischen Mann davon, seine Prüderie abzulegen und das ehemals verschämt versteckte Drunter zum stolz präsentierten Drüber zu verkehren.

Die Calvin-Klein-Rippenunterhose verführte die Männer zum Slip-Statement lange vor der Stringtanga-Walflossen-Welle bei den Frauen – ein emanzipatorischer Schritt wider die Unterdrückung der eigenen Sexualität. Calvin Klein spielte souverän mit der Dialektik im Kapitalismus: Befreiung ist machbar, Herr Nachbar, aber nur zu den Bedingungen der Warenwelt.

Die Frauen hatten auf dem Weg zur emanzipierten Erotik gerade erst die erste Phase des Feminismus überwunden, die die Insignien der weiblichen Erotik rigoros ablehnte – und so in den Ruch lustfeindlicher Blaustrumpfigkeit kam. Lust ja, aber so, wie ich es will, hieß das Motto der postfeministischen Madonna-Generation. Um diese Haltung zu signalisieren, setzte sie auf die präfeministischen Dessous, die den weiblichen Körper zum delikaten Schmuckobjekt degradierten: Spitze und Seide. Diese Dessous mussten feministisch umgedeutet werden. Madonna verkrampfte sich dabei, in Spitzenunterwäsche gleichzeitig so verführerisch wie ein Burgfräulein und so einschüchternd wie ein Ritter wirken zu wollen.

Aus dieser Zwickmühle befreit sich Angel Haze mit der Calvin-Klein-Männerunterhose, die sie im Video zu „Werkin’ Girls“ exponiert. Die Doppelrippe zerschlägt den gordischen Knoten des Postfeminismus. Abgeguckt vom lesbischen Butch-Stil, kann Angel Haze ihre Körperlichkeit in Szene setzen, ohne sich mit präfeministischen Weiblichkeitsmustern herumschlagen zu müssen. Calvin Kleins Botschaft von markenkonformer Anti-Prüderie bekommt so einen feministischen Überbau. Marlene Dietrich trat in Männerhosen auf, Angel Haze in Männerunterhosen.

Diese Kolumne ist im 700. Musikexpress erschienen.


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