Jeff Healey


Es wäre wahrscheinlich nahezu unmöglich gewesen, auch nur noch einen Zuschauer mehr in den Laden zu pressen. Die kleine Münchener Konzerthalle war zum Bersten gefüllt und Schweiß triefte von allen Wänden. “ Warum ist es so heiß hier?“, wollte der blinde kanadische Gitarrist Jeff Healey wissen, während er sich das Gesicht mit dem Arme! abwischte. „Sind das die Lichter?“ „Nein“, schrie das Publikum wie aus einem Mund zurück: „Das bist Du!“ Healey ist ohne Zweifel ein ganz heißer Typ. Was rein die Technik betrifft – er spielt die Gitarre flach auf seinem Schoß liegend, entlockt ihr energisch Note um Note mit seinem Daumen – ist er sicherlich der aufregendste Rock/Blues-Gitarrist seit Hendrix. Was seinen kommerziellen Marktwert angeht, häufen sich ebenfalls die Anzeichen dafür, daß er gewaltig abräumen wird. Sein Erscheinen in dem bevorstehenden Film „Road House“ wird den Eindruck, den Healey beim kürzlich veranstalteten TIGRA-Debakel hinterließ, noch bestärken. War der Auftritt seines Trios doch der einzige Lichtblick, der einzige Moment von Ehrlichkeit und Integrität. Im Vergleich dazu erschienen manche der „Preisträger“ wie Hochstapler und Betrüger. Healeys Einsatz von dramatischen Momenten – Gitarrespielen mit den Zähnen oder hinter dem Rücken (ganz zu schweigen von seinem lebensgefährlichen Herumgehüpfe auf der Bühne, währenddessen er immer wieder in Amps & MikroStänder hineinschwankt) – scheint eher ein Ventil für seine pure Energie zu sein, als eine affektierte Zurschaustellung nach Machart diverser Heavy-Metal-Brigaden. Jeff gehört zu der Sorte Musiker, die man im Rockgeschäft fast schon vergessen hatte – ein Mann, der versucht, seine musikalischen Kapazitäten bis zum Maximum auszuschöpfen. Seine Partner Joe Rockman (Bass) und Tom Stephen (Schlagzeug) haben alle Hände voll zu tun, sein Tempo mitzuhalten. Bis jetzt gelingt ihnen das jedoch sehr gut.

Die Healey Band ist die einzige Truppe, die Cream’s „White Room“ oder „A Along The Watchtower“ (Dylan’s Komposition in der Hendrix-Adaption) ungeschoren covern und die Intensität der klassischen Versionen erreichen kann. Healey’s „Roadhouse Blues“ läßt das Doors-Original sogar meilenweit zurück, galoppiert sozusagen darüber hinweg. Aber, und das ist leider unüberhörbar, außer „See The Light“ sind nicht viele seiner selbstgeschriebenen Stücke in der Klasse dieser Originale anzusiedeln.

Im Moment ist diese Band wohl so etwas wie die beste Club-Band im erforschten Universum. Um aber noch einige Schritte weiterzugehen, werden sie hart arbeiten müssen, um den Mythos der Power-Trios der 60er wiederzubeleben und ihm eine Lebensberechtigung für die 90er Jahre geben zu können. In der Zwischenzeit wird Healey ein Phänomen bleiben, ein Gitarrist wie ein Sturzbach. Hört ihn euch unbedingt live an!