Jenseits von K-Pop: Wedance aus Seoul im Interview

Wedance sind sozusagen der Gegenentwurf zu Acts wie BTS, Blackpink, Twice, Aespa oder NCT, über die wir sonst an dieser Stelle schreiben. Bandleaderin Wevo ujnd Gitarrist Wegui sind Teil des koreanischen Indie-Undergrounds, touren seit Jahren um die Welt und haben vielleicht selbst ein wenig den Überblick über ihre zahlreichen DIY-EPs verloren. Die werden oft nämlich nur auf ihren Gigs verkauft – was es schwer machen dürfte, die komplette Wedance-Diskografie zusammenzubekommen.

Gerade erschien die Live-EP „Dancing On The Farm“ (üder das Label Beeline Records auch in Deutschland) – ihr Statement gegen die Pandemie und die damit einher gehenden Tourabsagen. Wevo und Wegui zogen sich dafür auf eine abgeranzte Farm zurück und spielten dort live fünf ziemlich tolle Lieder ein, die bisweilen klingen, als hätte man Pavement mit den leider vergessen Indietronic-Punks von Bis gekreuzt – und beiden Koreanisch beigebracht. Wir sprachen mit Wedance über ihre Musik, die Szene in Seoul und wir fragten die beiden, was sie eigentlich vom K-Pop-Hype halten, der bisweilen alle anderen Musikexporte Koreas zu überstrahlen scheint.

Lasst uns mit eurer Bandgeschichte beginnen. Wann und wie habt ihr euch kennengelernt?
Wevo: Wir sind uns vor acht oder neun Jahren zufällig an einer U-Bahn-Station begegnet. Erst haben wir nur zusammen Musik gehört und dann angefangen, die Songs zu covern, die wir mögen. Iggy Pops „Nightclubbing“ war glaub ich einer der ersten. Wir programmierten die Drums mit einem Computer, Wegui spielte Gitarre und irgendwie klang das für mich sogar cooler als das Original. Die Atmosphäre war sehr besonders. Ich hatte gleich das Gefühl, wir können zusammen großartige Songs schreiben.

Ich mag es sehr, wie ihr euren DIY-Spirit und diesen noisigen Garagen-Sound mit sehr eingängen Popmelodien kombiniert. Welche Bands würdet ihr als Einflüsse für diesen Sound nennen?
Wevo: Mich inspirieren sehr viele Bands. Eigentlich alle, die jemals einen großartigen Song geschrieben haben. Ich kann es glaube ich besser beschreiben, wenn ich es mit Filmgenres vergleiche: Ich liebe eher die Songs, die wie Dokumentationen sind und nicht wie Dramas. Ich habe zuletzt zum Beispiel das Pavement-Album „Wowee Zowee“ rauf- und runtergehört. Ich liebe das – da sind so viele Songs drauf, dass es niemals aufzuhören scheint.
Wegui: Ich glaube, ein wichtiger Einfluss war auch die Tatsache, dass ich bei Wedance zum ersten Mal in meinem Leben eine E-Gitarre gespielt habe. Ich wusste nicht wirklich, wie das geht, aber ich wollte dabei selbstbewusst klingen und gleichzeitig cool. Ich habe also eher versucht, intuitiv den Sound zu finden, der mir gefällt und nicht irgendwelchen Bands nachgeeifert. So kam vielleicht das zustande, was du Garagen-Sound nennst. Pavement lieb ich allerdings auch sehr.

Corona ist leider immer noch ein Thema und macht Touren schwierig. Was sind eure Pläne, wenn der Scheiß endlich vorbei ist? Wenn man eure Live-EP hört, kriegt man schon Lust, euch live zu sehen.
Wevo: Ja, Konzerte sind schon super, oder nicht? Wir haben gerade eine Tour durch Südkorea gespielt und waren in 7 Städten. Wir würden gerne international touren, sobald die Reisebeschränkungen aufgehoben sind.
Wegui: Wir schreiben gerade an neuer Musik. Wenn die im Kasten ist, versuchen wir unser bestes, zu euch zu kommen.

Auch wenn viele junge Leute gerade Koreanisch lernen, dürften die meisten nicht verstehen, wovon ihr da singt. Könntet ihr es uns erklären?
Wevo: Ich singe eigentlich meistens über die Fehler, die ich gemacht und die Dinge, die ich daraus gelernt habe. Das sind seltsame, oft lustige Sachen. Unsere Lieder funktionieren aber eher wie Gedichte – selbst wenn du gut Koreanisch sprichst, heißt das nicht, dass du wirklich checkst, worum es geht.
Wegui: Wir schreiben oft über die kleinen Dinge, die uns im Leben widerfahren. Dinge, die allein mit Worten schwer zu beschreiben sind – deshalb sollte man sie niemals losgelöst von der Musik betrachten.

Wenn wir auf unserer Website über Musik aus Südkorea schreiben, geht es meistens um K-Pop-Acts wie Aespa, BTS, Blackpink, Twice, Taemin oder NCT. Ist es für euch als DIY-Indie-Band aus Seoul eigentlich eher Fluch oder Segen, dass es diesen internationalen K-Pop-Hype gibt, an den die meisten Leute im Sinn haben, wenn sie an Musik aus Korea denken?
Wevo: Ich muss leider zugeben, dass ich mich für K-Pop noch nie interessiert habe – und ich diesen Hype auch nicht als Problem für uns sehe. Lass uns doch lieber über das koreanische Kino reden. Unsere Indie-Filme sind die besten!
Wegui: Ich höre auch keinen K-Pop, habe aber ein paar Gedanken dazu, die an deine vorherige Frage anknüpfen. Es ist ja leider so, dass die Menschen in anderen Ländern in der Regel nicht verstehen, was wir da singen. Dank des K-Pop-Einflusses – oder nennen wir es meinetwegen Hype – gibt es auf der ganzen Welt auf einmal sehr viele junge Menschen, die Koreanisch lernen wollen. Ich finde den Gedanken schön, dass sie dann auch uns besser verstehen würden. Also ist es schon eher ein Segen als ein Fluch, oder nicht?

Was haltet ihr denn von dieser sehr durchindustrialisierenten Big Bunsiness-Welt der K-Pop, in der ja teilweise sehr strenge und konservative Regeln gelten für die Idols?
Wevo: Ich kann da nicht wirklich was drüber sagen, weil es so weit von mir entfernt ist. I’m just a person riding around the metaverse on a road bike in the 4th industrial era and living under the ‘with Corona’ restrictions of my local city.
Wegui: Dass Musik in großem Maßstab durchindustrialisiert wird, ist ja nun auch eine altbekannte Geschichte. Das war schon immer in einigen Bereichen so und das wird sich so schnell nicht ändern. Ich glaube nicht, dass das nur im K-Pop der Fall ist.

Wie würdet ihr die südkoreanische Indie-Szene beschreiben?
Wevo: Es gibt viele coole Menschen in der koreanischen Indie-Szene. Damit meine ich nicht nur die Künstlerinnen und Künstler sondern auch all jene, die Shows veranstalten und natürlich die Fans. Wir stellen das gemeinsam auf die Beine – und genießen es gemeinsam. Es gibt eine gewisse Begeisterung für die Sache. Wir sind zum Beispiel immer sehr neugierig auf die Leute, die zu unseren Shows kommen. Ich glaube, das geht vielen Bands so.

Wegui: Die koreanische Indie-Szene ist zwar recht klein, aber sie hat eine gewisse Energie. Wir möchte alle einladen, sich dort einmal umzuschauen. Wie auch K-Pop einst, kommt diese Szene aus einer Ecke, die man vielleicht so gar nicht auf dem Schirm hat – und man kann dort faszinierende Dinge entdecken.

Welche mit euch befreundeten Acts sollten wir denn zum Beispiel auschecken?
Wevo: Oh, es gibt wirklich viele sehr einzigartige Acts in dieser Szene. Ich würde sagen: 윤키킴 (Yoonkee Kim), 아나킨 프로젝트 (Anakin Project), 전기성 (Jeon Ki Sung)
Wegui: Und nicht zu vergessen: 한받 (HahnVad).

Sobald es die Pandemie-Lage wieder erlaubt, planen wir ein paar Monate in Seoul zu sein. Welche Orte sollten wir uns anschauen, wenn wir den koreanischen Indie-Spirit aus nächster Nähe sehen wollen?
Wevo:
Oh, ich hoffe, ihr bleibt nicht nur in Seoul. James Records (Daegu), Sammundang (Tongyeong) und Chilseong Shipyard (Sokcho) sind allesamt coole Orte außerhalb, in denen wir gespielt haben. In Seoul sollten ihr unbedingt mal ins 작은물 (zak_eun_mul) gehen.

 

Sieh dir diesen Beitrag auf Instagram an

 

Ein Beitrag geteilt von 작은물 (@zak_eun_mul)

Wegui: Hauptsache, ihr schaut vorbei, wenn Wedance irgendwo spielen.

Danke für das Interview. Wir hoffen, dass wir euch bald in Berlin live sehen können, jetzt wo eure Musik hier ja offiziell zu kriegen ist.
Wevo: Unbedingt!
Wegui: An Berlin habe ich gute Erinnerung. Wir hatten viel Spaß dort. Einmal mussten wir vor einem sehr furchteinflößenden Polizisten fliehen – wir haben dort viel auf der Straße gespielt. We made a small but “big fuss“ while we were there. Hoffentlich bis bald – in Berlin oder Seoul!


BTS wechseln von Columbia Records zur Universal Music Group
Weiterlesen