„Jim and Andy“ auf Netflix: Jim Carrey zwischen Genie und Arschloch


Pop- und Filmgeschichte revisited: Die Netflix-Doku „Jim and Andy“ versammelt bisher ungesehenes Behind-The-Scenes-Material der Dreharbeiten zu Miloš Formans „Man On The Moon“ – und ist fast so unterhaltsam und verstörend, wie es Andy Kaufman selbst zu Lebzeiten war.

Ist Jim Carrey ein Genie oder ein Arschloch? Das ist die zentrale Frage, die die neue Netflix-Doku „Jim And Andy: The Great Beyond“ beim Zuschauer provoziert. Der außergewöhnliche Film versammelt bisher unveröffentlichtes „Behind The Scenes“-Material der Dreharbeiten zu Miloš Formans „Man On The Moon“, in dem 1999 die Geschichte des legendären Entertainers Andy Kaufman erzählt wurde, der sich selbst übrigens nie als Comedian sah. Heute, 18 Jahre später, erfahren wir: Jim Carrey, damals der kommerziell erfolgreichste Komiker der Welt, spielte die Hauptrolle nicht, er lebte sie. Und wegen der Art und Weise, wie, warum und mit welchen Folgen er das tat, muss die Antwort auf die Eingangsfrage zumindest für den Zeitraum jener Dreharbeiten lauten: Jim Carrey war beides.

„Jim & Andy: The Great Beyond – The Story of Jim Carrey & Andy Kaufman Featuring a Very Special, Contractually Obligated Mention of Tony Clifton“, so der vollständige Titel der am 17. November 2017 auf Netflix veröffentlichten und von Regisseur Chris Smith („The Yes Men“) gedrehten Doku, wird aus zwei Perspektiven erzählt: Auf der einen Seite stehen die ursprünglich für ein sogenanntes EPK (Electronic Press Kit) gedrehten Aufnahmen, in deren Verlauf nicht bloß Regisseur Forman, Schauspieler Danny DeVito und Paul Giamatti, Kaufmans Freundin Lynne Margulies, Kaufmans Freund und kreativer Partner Bob Zmuda, R.E.M. und Courtney Love, die Margulies spielte, vor die Kamera treten und zu Wort kommen. Sondern während der man beeindruckend Zeuge davon wird, wie Carreys Method Acting die Produktion zu ruinieren drohte. Auf der anderen Seite sitzt ein heute 55-jähriger, ergrauter und Bart tragender Jim Carrey, der sich an diese Phase seines Lebens erinnert und seinen Weg dahin einordnet.

Verschwörungstheorien um Kaufmans Tod

Er erzählt von seinem Vater, der stets Witze riss und dem jungen Jim, der immer einen draufsetzen wollte. Von seinem ersten Fernsehauftritt. Von seinem Erfolgsrezept („Die Menschen wollen sorgenfrei sein, ich gab es ihnen: Ich war der man without concerns“). Und von seinem Vorbild Andy Kaufman, der 1985 mit 35 Jahren an Lungenkrebs starb und dessen ewige Finten und Andeutungen dafür sorgten, dass sich bis heute die Verschwörungstheorie hält, Kaufman hätte seinen eigenen Tod inszeniert.

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Dafür, dass Jim Carrey ein Genie ist oder war, spricht die Art, wie er – für sein Umfeld überraschend – als Method Actor auch abseits der Kamera zu 100 Prozent in seine Rolle fällt. Carrey spielt Andy Kaufman während der Dreharbeiten zu „Man On The Moon“ nicht lediglich, er gibt vielmehr vor, Kaufman zu sein und erweckt ihn so zu neuem Leben. Er ist unpünktlich, unberechenbar, fährt Autos vor die Wand, redet über Jim Carrey in der dritten Person und schafft durch dieses Dasein einen nahezu unglaublichen, hochpersönlichen Moment, der leider nicht mitgefilmt wurde: Kaufmans Tochter, die ihren Vater nie kennenlernte, redet posthum durch Carrey mit ihm.

Dass selbst Kaufmans Familie dessen Reinkarnation durch Carrey wertschätzte, kann man sich kaum ausdenken; stellenweise wirkt „Jim und Andy“ wie eine humoristische Version von „Inception“ oder „Fight Club“. Wer da gerade vor einem steht und durch wen spricht, dürften die Setmitarbeiter damals noch weniger gewusst haben als die heutigen Zuschauer. Sogar Hugh Hefner wurde von Carrey verarscht: Der „Playboy“-Gründer lud ihn auf eine Party ein, es erschien Kaufmans Alter Ego Tony Clifton, ein grantiger Barsänger, unter dessen Maske alle Jim Carrey vermuteten – bis der zwei Stunden später persönlich erschien. Kaufmans Freund Zmuda spielte Clifton, wie er es an Kaufmans Stelle früher schon so oft tat.

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Sie ahnen: Carreys hier dokumentiertes Auftreten treibt sein Umfeld zur Weißglut, es umfasst alle Merkmale eines sogenannten Arschlochs. Er mault, zickt, stört, ist unzuverlässig. Er erscheint, wie damals Kaufman selbst, unangekündigt als Tony Clifton und schmeisst somit ganze Drehtage über Bord. Er bringt den Wrestler Jerry Lawler, der mit Kaufman einst eine Fehde am Laufen hatte, mit Beleidigungen derart in Rage, dass der wirklich auszurasten droht.

Wie weit darf Kunst gehen?

Darf Kunst das, darf ein Künstler das, brauchte „Man On The Moon“ diesen Stress, dieses Ignorieren von Konventionen, um ein guter Film zu werden? Kommerziell gilt „Man On The Moon“, dessen Titel von R.E.M.s gleichnamigem Kaufman-Song aus dem Jahr 1992 übernommen wurde, als Flop. Carrey gewann für seine Rolle wie davor schon für „The Truman Show“ einen Golden Globe. Über Andy Kaufman erfahren dessen Fans in „Jim und Andy“ nicht allzu viel Neues. Aber über Jim Carrey erfährt die Welt eine Menge.

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Jim Carrey hat eine Dokumentation über seine Malerei veröffentlicht. Und hat direkt einen Megastar als Fan
So bedacht und zurückhaltend er sich in den Kommentaren gibt: Carrey möchte mit diesem fast 20 Jahre zurückgehaltenen Material („Universal wollte nicht, dass die Öffentlichkeit Jim Carrey für ein Arschloch hält!“) natürlich zu seiner eigenen Legendenbildung beitragen. Wer derart eine Rolle lebt und liebt („Davor WAR ich Truman“), muss ein Ausnahmetalent sein; seinen Drang zu Komik und zum Entertainment in dem Moment, wo er auf der Bühne steht, erklärt er mit einem Mr.Hyde-Vergleich („Ein guter Hyde, der die Leute unterhalten will, aber eben ein Hyde.“). Es sei dem heute vor allem wegen des Todes seiner Ex-Freundin in den Schlagzeilen stehenden Carrey vergönnt, mindestens seine außergewöhnliche Fähigkeit der Imitation und Improvisation nämlich steht in jeder Sekunde von „Jim und Andy“ außer Frage. Was er, dank Kassenerfolgen wie „Die Maske“, „Ace Ventura“ und „Dumm und Dümmer“ erfolgreichster Schauspieler der 90er, im vorherigen sowie weiteren Verlauf damit angestellt hat („Dumm und Dümmehr“, „Bruce Almighty“), ist eine andere Geschichte.

Ganz am Ende der Doku wundert sich dieser Carrey ein letztes Mal selbst, wie fantastisch seine Kaufman-Werdung funktionierte und wie gut sie ihm für einen bestimmten Zeitraum persönlich tat, befreiend sei diese Loslösung von seiner eigentlichen Person gewesen, Überzeugung könne so vieles erreichen: „Was würde passieren, wenn man fortan einfach Jesus SEIN würde?“

Nur aktiver Teil von R.E.M.s Musikvideo zum Titelsong „The Great Beyond“ habe er leider nicht mehr werden können: „Ich hatte Kaufman bereits hinter mir gelassen und wollte nicht zurück.“

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