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Kunsttheorie

Vielleicht ist er gar nicht verrückt: Warum Kanye West die Reinkarnation von Joseph Beuys sein könnte

Kanye West ist nicht verrückt, er arbeitet an einem der größten Performance-Art-Stücke unserer Zeit – so versuchte Spencer Wolff, US-amerikanischer Radiomoderator, bereits im April 2018 die wachsende Nähe des Rappers und Unternehmers zu US-Präsident Donald Trump, der Alt-Right-Bewegung und seine verstörenden Aussagen über Sklaverei und den Rassismus des liberalen Amerikas zu erklären. Wolffs durchaus ausgereifte Argumentation baute auf eine ganze Reihe von Indizien auf, die von Wests bekannter Liebe für progressive und provozierende Kunst, bis zur Deutung von Emojis in Twitter-Threads reicht. Bevor im Folgenden Wolffs Theorie aufgerollt und erörtert wird, soll jedoch schon gesagt werden: In den vergangenen Tagen hat Kanye West selbst dafür gesorgt, dass Wolffs Überlegungen aus dem Reich der Märchen zurück in den Bereich des Möglichen geholt wurden. Wie kam es dazu?

Vergangene Woche machten Berichte die Runde, Kanye West habe sowohl das Logo als auch das Merchandise der „Blexit“-Kampagne designt. Bei „Blexit“ („Black Exit“, Anm.) handelt es sich um eine Initiative der rechtspopulistischen Studenten-Vertreterin Candace Owens, die schwarze US-amerikanische Studenten vom Verlassen der Demokratischen Partei überzeugen möchte. Owens hatte bei einer Konferenz der rechten Studentenorganisation Turning Point USA davon gesprochen, dass „ihr guter Freund und Superheld“ West für sie das Corporate-Design der Kampagne gestaltet habe.

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Nachdem Medien aufdeckten, dass West weder im Entstehungsprozess des Logos noch anderer „Blexit“-Designs einbezogen war, meldete sich Owens in einer Stellungnahme zu Wort, in der sie – im klassischen Rechtspopulistenstil – den Medien vorwarf, ihre Worte falsch verstanden zu haben. West habe ihr nämlich nur geholfen, das stilisierte „X“ in „Blexit“ zu designen – ohne zu wissen, wofür es später benutzt werden sollte.

Offenbar war dies der Moment, in dem Kanye West sich dafür entschied, seine bisher kultivierte Beziehung zu den US-amerikanischen Neorechten aufzugeben, da diese – obwohl sie zugeben mussten, nicht aktiv mit ihm an einer politischen Kampagne zusammengearbeitet zu haben – weiter versuchten aus seinem Namen Vorteile zu ziehen, auch wenn das nur bedeutete, zu sagen, West als „einer der angesehensten Designer der Welt“ habe für sie ein „X“ gestaltet. Kanye West twitterte also am 30. Oktober, dass er in keiner Verbindung zur „Blexit“-Kampagne stehen wolle.

Kurz davor ließ er die (Twitter-)Welt wissen, dass seine Familie und sein Umfeld seine „wahren“ Ansichten und „Visionen für eine bessere Welt“ kennen würden.

Das kleine Wort „wahre“ (actual, im Englischen, Anm.) ist dabei der Stein, der die Theorie von Yes groß angelegter Kunstperformance wieder ins Rollen bringt. Denn: Wenn seine 2018 zur Schau gestellte Sympathie für Candace Owens, die Alt-Right-Bewegung und den von ihr unterstützten US-Präsidenten Donald Trump gar nicht seiner inneren Überzeugung entspricht – was sollte dann der Zirkus aus Rechtspopulisten und Rassisten in die Karten spielenden Aussagen und Auftritten, die sich der Künstler dieses Jahr nahezu am Fließband geleistet hat und damit so viele Menschen enttäuscht, verletzt und sich abwenden lassen hat?

Was Joseph Beuys und Andy Kaufman mit Kanye West zu tun haben könnten

Dabei wird uns nun Spencer Wolffs Theorie helfen, die der Journalist Anfang Mai für die Website „Pigeons & Planes“ niederschrieb. Wolffs Argumentation hangelt sich vor allem an einer Handvoll Charaktere entlang: Joseph Beuys, David Hammons, Andy Kaufman und Tremaine D. Emory. Letzterer ist ein Tausendsassa, der unter anderem in der Modebranche und im Musikmanagement tätig ist. Darüber hinaus zählt Emory, der sich selbst als „cultural provocateur“ sieht, seit einiger Zeit zum engen Zirkel Kanye Wests. Erstmals trat er in der Nähe Wests auf, kurz bevor dieser begann Bücher und Kunstwerke der beiden progressiven Künstler Joseph Beuys und David Hammons sowie Zeichnungen des notorisch provozierenden Comedians Andy Kaufman zu twittern.

 

Wests Bewunderung für den deutschen Künstler und Theoretiker Joseph Beuys ist bereits seit längerer Zeit bekannt. West, der sich selbst gerne in eine Reihe mit Lichtgestalten wie Ford, Tesla und Disney stellt, nannte Beuys wiederholt als Vorbild und adelte ihn als für ihn größten Künstler aller Zeiten.

Für Wolffs Theorie ist besonders Beuys‘ Aktion „I love America And America Loves Me“ entscheidend: Im Mai 1974 ließ sich Beuys für vier Tage mit einem Koyoten in einem Raum einschließen. Der Koyote stand dabei sinnbildlich für den ungebändigten Geist Amerikas, der im Zuge der Technologisierung und Kommerzialisierung als wild diffamiert wurde. Darüber hinaus nimmt das Tier eine wichtige Rolle in der Mythologie der amerikanischen Ureinwohner ein, die in den USA marginalisiert werden. Beuys gelang es in den Tagen Nähe zum wilden Koyoten aufzubauen und sein Vertrauen zu gewinnen, ihn beim Abschied sogar zu umarmen. Beuys wollte mit seiner Aktion nicht nur das Schöne im wilden, ungezähmten Tier wertschätzen, sondern auch einen Aussöhnungsprozess mit der „massakrierten“ amerikanischen Urbevölkerung anstoßen.

Wenn Kanye West, so führt Spencer Wolff aus, sich dieser Tage mit als unberechenbar (also unzähmbar) geltenden Politikern und Aktivisten wie Donald Trump und Candace Owens in einen Raum einschließt, adaptiert er Beuys‘ „I Love America And America Loves Me“: Er versucht die Barriere der Verachtung und des Hasses, der diese Personen umgibt, mit Empathie und Liebe aufzusprengen – und dies benötigt in erster Instanz Annäherung durch Imitation – womit wir bei Wests „Make America Great Again“-Cap und Dave Hammons wären.

So wie die „MAGA“-Cap unter links-liberalen Stimmen in den USA als Symbol des Trump’schen Rassismus gilt, so galt in früheren Zeiten die Spielkartenfarbe Pik als Rassenhass-Symbol. Der afroamerikanische Künstler David Hammons machte sich diese diffamierende Symbolik zu Eigen und erschuf daraus Kunstwerke, die Bürgerrechtsmissstände deutlich machten. Im Falle Kanye Wests dient die „MAGA“-Cap als Pik. Trägt er die Cap, so schlussfolgert Wolff, ist dies ein Akt der Selbstermächtigung, eine Verkehrung der Symbolik im Sinne Hammons‘. Dieses Argument bekommt eine besondere Dynamik durch den eingangs vorgestellten Tremaine Emory: Fotos, die West beim Tragen der „MAGA“-Cap zeigen, kommentiert Emory nämlich mit einem Pik-Symbol.

Der letzte Name, der noch eingeführt werden muss im Argumentationsnetz Spencer Wolffs, ist Andy Kaufman. Der 1984 verstorbene Comedian war für seine verstörenden Performances, während derer er niemals aus dem Charakter, den er zu spielen beabsichtigte, fiel, berühmt-berüchtigt. Wolff erläutert, dass West – ebenso wie Kaufman – sich von der öffentlichen Abscheu nicht von seinem Spiel abbringen lässt und die Performance weiterführt, um noch mehr Inakzeptanz zu provozieren. Auch bei diesem Mosaikstück kommt wieder Tremaine Emory als eine Art Dolmetscher ins Spiel: Nachdem sich West erstmals bei Twitter mit seiner von US-Präsident Donald Trump signierten „MAGA“-Cap zeigte, twitterte Emory: „Lets play twister, lets play risk, yeah yeah yeah yeah“ – einer Zeile aus dem REM-Song „Man On The Moon“, indem es um Andy Kaufman geht.

Erklären uns Emojis Kanyes Meisterstück?

Im Gegensatz zu Kaufman scheint West mit seiner Distanzierung von den Neorechten um Candace Owens jedoch aus seiner Rolle gefallen zu sein – womit die gesamte, mutmaßliche Performance ins Wanken gebracht wird: Denn, nimmt man erneut Emory als Interpret der West’schen Signale, sollte Wests Balanceakt des eisernen Beibehaltens der Rolle ihm am Ende „Prestige“, also Ansehen, einbringen – so wie den Zauberkünstlern im gleichnamigen Spielfilm von Christopher Nolan.

Dabei legt Spencer Wolff einmal mehr besondere Aufmerksamkeit auf die Interpretation der von Emory genutzten Emojis: Das Pik hatten wir bereits mit Hammons‘ Selbstermächtigungskunst in Verbindung gebracht. Der Jongleur soll Kanye West selbst darstellen, der eine Performance aufführt. Der Cowboy soll den passionierten Hutträger und Koyotenbändiger Joseph Beuys personifizieren. Die Wrestler sollen für Andy Kaufman stehen, der viele Jahre die Sportart ausführte.

Die Frage, die sich an dieser Stelle nicht nur Spencer Wolff, sondern auch wir, hier angekommen, stellen, ist: Wenn es tatsächlich eine Kunstaktion ist, dass sich Kanye West vom linksliberalen „George Bush interessiert sich nicht für Schwarze“-Bürgerrechtler zum frenetischen Befürworter von Rechtsaußen propagierter nationaler Autarkie und Spaltung gewandelt hat – was will er damit in letzter Instanz bezwecken? Trägt er allen Ernstes die Hoffnung in sich, durch Empathie und Nähe gegenüber den „Koyoten“ der Neorechten einen Wandel in ihrem Denken anzustoßen? Will er sich als „Pik“ in das Kartenblatt Donald Trumps untermischen und seine spaltende Rhetorik umkehren?

Kanye Wests größtes Problem: Die Zeit

Sollte sich Kanye West 2018 also tatsächlich mitten in dieser großen Kunstperformance befinden, läuft er bereits seit einiger Zeit große Gefahr, dass ihm das Projekt entgleitet. Er hat bisher schlichtweg zu viele große Möglichkeiten ungenutzt gelassen, den Plot-Twist zu droppen und sein „Prestige“ zu ernten: sein Solo-Album YE, sein gemeinsames Album mit Kid Cudi, KIDS SEE GHOST, sein Besuch im Weißen Haus – alles großartige Bühnen, um den alten Chaplin-Move aus „Der große Diktator“ zu machen und seine bis dahin getragene Verkleidung abzulegen und Klartext zu sprechen.

Selbst wenn Kanye Wests für den 23. November angekündigtes Album, YANDHI, das längst fällige Erklärstück zu seiner mutmaßlichen Kunstaktion und – wie von vielen US-amerikanischen Journalisten vermutete – der legitime Nachfolger des politisch aufgeladenen 2013er-Albums YEEZUS wäre, droht ihm immer noch das Schicksal Joaquin Phoenix‘: Der Schauspieler hatte für die Mockumentary „I’m Still Here“ 2008 seinen Abschied aus der Filmbranche angekündigt, um eine Karriere als HipHop-Künstler anzustreben. Phoenix zeigte sich in einer Zeitspanne von gut zwei Jahren mit zotteligen Haaren und Bart, agierte derangiert und wirsch bei öffentlichen Auftritten und machte Schlagzeilen mit vermeintlichen Suchtproblemen.

Erst nach Veröffentlichung des Films wurde bekannt, dass Phoenix eine Rolle gespielt hatte und mit ihrem Beibehalten in der Öffentlichkeit echte Medienreaktionen provozieren wollte. Obwohl „I’m Still Here“ der Medienlandschaft und der weiteren Öffentlichkeit einen Spiegel bei der Behandlung und Bewertung von Prominenten vorhalten wollte (vorschnelle Verurteilungen als Suchtkranke und Stigmatisierung von mutmaßlichen mentalen Krankheiten), scheiterte der Film krachend und nahm nur etwas mehr als eine halbe Million US-Dollar an den Kinotheken ein. Das Ansehen Weniger, das Phoenix für sein monatelang geheim gehaltenes Projekt erhielt, wog die Prügel, die der Schauspieler zuvor für sein Verhalten erhielt, nur unangemessen auf.

Wie Phoenix scheint auch Kanye West – sollte es sich bei seinem Verhalten um eine ähnliche künstlerische Leistung handeln – sich mit der Zeitspanne (und der Ernsthaftigkeit) seiner Performance verschätzt zu haben. Im Gegensatz zu Phoenix legt er sich mutmaßlich nicht mit ein paar Klatschspalten, sondern mit dem gesellschaftspolitischen Gleichgewicht der USA an. Und dem hat er mit all dem, was er bisher gesagt und getan hat, enorme Schäden zugefügt. Schwer vorstellbar, welcher Plot-Twist das alles rechtfertigen sollte.

Vielleicht ist Kanye West am Ende also doch nur der narzisstische Trottel, als den die Klatschspalten dieser Welt ihn gerade so gerne sehen.


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Screenshot

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