Jochen fand’s geil heute Abend: So war’s bei Blumfeld in Köln

Der Stehnachbar erhält die zu erwartende SMS nach einer knappen halben Stunde. Blumfeld arbeiten sich gerade durch L’ETAT ET MOI, da textet ein alter Blumfeld-Freund: „Ich bin entsetzt. Klingt wie eine Coverband.“

Das stimmt nicht. Blumfeld klingen an diesem Abend im September 2014 wie Blumfeld. Es ist das erste Konzert ihrer doch ziemlich überraschenden Konzertreise zum 20. Geburtstag des Albums, und schon auf dem Weg in Richtung Live Music Hall in Köln erlebt man einige mürrische Gesellen, die reinschauen, als müssten sie zum Tee- und Rommé-Abend bei Tante Käthe. Comeback-Stimmung ist immer zweigeteilt: Die einen freuen sich aufrichtig, die alten Helden noch einmal zu sehen – noch dazu in, Achtung: Codewort, „Originalbesetzung“. Die anderen fühlen sich zu Reunions genötigt: Nur, weil die Herren noch mal Geld verdienen wollen, muss ich an diesem Mittwochabend ein Rockkonzert besuchen. Zu Hause zu bleiben, ist für diese muffeligen Menschen – die meisten von ihnen Männer – leider keine Option, denn man will ja schon mitreden und das ein oder andere Foto auf Facebook posten.

Aber die SMS und einige andere Kommentare sind schnell vergessen, denn Blumfeld machen Spaß. Die ersten Lieder bewegen sich noch auf sehr unsicheren Beinen, was natürlich nach der langen Musikerpause von Bassist Eike Bohlken und Schlagzeuger André Rattay kein Wunder ist. „Draußen auf Kaution“, „Jet Set“, „2 oder 3 Dinge, die ich von dir weiß“ – man kennt die Akkorde, kennt die Worte. Aber man taucht noch nicht richtig ein. Das ändert sich spätestens mit „Eine eigene Geschichte“: Je mehr Jochen Distelmeyer schwitzt, desto lockerer kreist die Hüfte – und desto spitzer singt er seine Texte. „Eine eigene Geschichte aus reiner Gegenwart“, das ist hier das Ziel, da spielen die 20 Jahre keine Rolle mehr, die seit L’ETAT ET MOI vergangen sind. Bei „Superstarfighter“ und „Sing Sing“ wippen die Menschen nicht mehr mit. Sie stecken in diesen Liedern drin, denken in Kreisen an die Bedeutung dieser Musik, dieser Texte und dieser Band für ihr Leben. Distelmeyer singt noch einmal den Dialog „,Okay, und jetzt erklär mir die neuen Lieder, die Du spielst/ Die haben kaum noch was zu tun mit mir.’ – ,Wem sagst Du das, die sind wie ich, und davon handeln wir.’“

Je länger der Abend, desto mehr Lieder von ICH-MASCHINE, sogar zwei von OLD NOBODY, darunter „Kommst du mit in den Alltag“, einer der schönsten Blumfeld-Momente. Distelmeyer hat an diesen Songs etwas mehr herumgefummelt: Bei „Zeittotschläger“ klingt er wie Morrissey, „Aus Kriegstagebüchern“ steckt noch tiefer im Blues. Nun redet der Chef auch mehr, Distelmeyer ist in Sektlaune, die Kommentare sind Quatsch, sogar in Kölsch, selbst Millowitsch wird zitiert. Das muss alles nicht sein, aber wenn es ihm Freude macht: Warum nicht?

Am Ende wirkt Jochen Distelmeyer ziemlich erleichtert, das Grinsen wird immer breiter, das Hemd verliert im Brustbereich jede Haltung. Und dann raucht er auch noch! „Verstärker“ ist das naturgegebene Finale, das beste deutsche Indierock-Stück aller Zeiten, denn warum hätten es Pavement sonst gecovert? Die alten Blumfeld spielen es wieder originaler als die letzte Version die Band, die Distelmeyer 2007 aufgelöst hatte. Die Idee, „Electric Guitars“ von Prefab Sprout und Cole Porters „Everytime We Say Goodbye“ einzuweben, hat er aber nicht verworfen.

Mit dem Schlussakkord feiern die Leute Blumfeld, Blumfeld die Leute – und ganz bewusst auch sich selbst. „Also, ich fand’s geil heute Abend“, sagt Distelmeyer kurz vor Schluss, als die mürrischen Menschen draußen stehen und sich bei einem Kölsch für fünf Euro über die miese Bezahlung ihres Agenturjobs beklagen: „Falsche Richtung! Dummheit lass mich los!“

Blumfeld live in Köln am 27. August 2014 – die Setlist


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