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Jux, Tee und Rock’n’Roll: Das Farin Urlaub Racing Team in Frankfurt/Oder

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Frankfurt Oder, 6. Oktober 2014, es ist ein Montagabend, in einer tristen Landschaft, auf einem verwaisten Gelände mit Hinterhofcharme. Kein Grund also, hier lange zu verweilen. Es wäre maximal die perfekte Atmosphäre für melancholisch-verträumte Gedanken, wenn da nicht all die vor Vorfreude leuchtenden Gesichter mit ihren nicht minder schimmernden gelben T-Shirts wären. So auffällig die Farbe dieser Kleidungsstücke ist, so dezent, fast schon puristisch, kommt die Aufschrift daher: “FURT” steht da in großen Lettern, und es bedarf keiner weiteren Worte, um die Anwesenden die karge Umgebung vollkommen vergessen zu machen. Denn nach fünf Jahren Live-Abstinenz gibt sich das Farin Urlaub Racing Team nun endlich wieder die Ehre.

Es ist das zweite Konzert der aktuellen Clubtour, welche die elfköpfige Band nicht in die üblichen Konzertorte führt, sondern eben auch in so unscheinbare Städte wie Frankfurt/Oder. Grundlage der Auswahl der zu bespielenden Gegenden war nicht die Größe vorhandener Konzerträume oder die Bevölkerungsdichte. Nein, Farin Urlaub hat seinen eigenen Kopf und vor allem seinen eigenen Humor und daher entschied er sich für Orte, die eine buchstäbliche Reminiszenz an seine Band sind: Städte, die FURT in ihrem Namen tragen. Damit legte sich die Kombo unweigerlich eine gewisse Begrenzung auf, sind doch Städte wie Klagen- oder Schweinfurt nicht gerade für ihre Konzertszene bekannt. Doch die Fans kennen und lieben solche Spielereien des Herrn U., und so kommen nicht nur die ortsansässigen Frankfurter herbeigepilgert, um diesem Rockspektakel beizuwohnen, sondern es zieht auch Begeisterte aus Hamburg, Dresden oder Würzburg in den Kamea Kulturbahnhof.

Bei dieser Lokalität selbst ist der Name mehr oder weniger Programm. Es ist ein kleines, kühles Bahnhofsgebäude, dessen ausgefuchste Inneneinrichtung mit 1-Euro-Ikea-Lampen auch nicht mehr Wärme zu erzeugen vermag. Doch das leichte Frösteln, das sich beim Warten auf den Konzertbeginn mitunter einschleicht, ist ebenso schnell vergessen wie die fehlenden fest installierten Toiletten oder die Balken, welche Schlagzeugerin Rachel die Sicht versperren und gesonderte Regeln beim Crowdsurfen erforderlich machen. Auf einem Podest thronend und sich die Seele aus dem Leib spielend trotzt sie der konzertuntauglichen Baukonstruktion und auch die Crowdsurfer lassen sich ihren Spaß nicht nehmen und befolgen artig die Ratschläge des blondschöpfigen Frontmanns, sich nur an den Seiten über die jubelnde Menge tragen zu lassen.

Pünktlich um 20 Uhr betritt die Band die Bühne. Keine geheimnisvollen Vorhänge, keine Pyrotechnik, keine Leinwände, schlicht und roh wie die Umgebung legen die elf Musiker los, als hätten sie nie damit aufgehört. Sie geben tatsächlich “Alles und noch ein bisschen mehr”, darüber besteht bereits nach dem Eröffnungsstück keinerlei Zweifel. Die Menge tobt vom ersten Gitarrenriff an. Die Energie der Zuschauer ist genauso spürbar wie die unbändige Spielfreude der Band. Auf beiden Seiten herrschen Verausgabung und zugleich ekstatische Ausgelassenheit. Wer braucht da schon eine ausgefeilte Bühnenshow?

“Back to the Roots” ist Motto des Abends und das spiegelt sich in der Setlist wider. Denn der Mann mit dem wohl breitesten Grinsen besinnt sich auf die Anfänge seiner steilen Solokarriere und spielt mit “Ich gehöre nicht dazu”, “OK” oder “Wunderbar” einige Perlen seines Debütalbums ENDLICH URLAUB. Insgesamt gibt es ein buntes Potpourri quer durch alle drei bisherigen Alben von FURT. Alle bisherigen? Ja, denn wer auf einige neue Stücke der am 17.10. erscheinenden LP FASZINATION WELTRAUM hofft, der wird zumindest in diesem Punkt enttäuscht – wenn auch nicht gänzlich, werden doch immerhin die veröffentlichte Single “Herz? Verloren” sowie die B-Seite “Die perfekte Diktatur” gespielt. Überhaupt haben Fans der ersten Stunde mit den zahlreichen B-Seiten, die sich durch den Auftritt ziehen, ihre wahre Freude. So kann die tanz- und pogowütige Meute bei dem sich selbst thematisierenden “Pudelsong” genauso mitgehen wie bei “Petze” oder “Wo ist das Problem”.

Doch natürlich gibt es auch ruhigere Momente, und ein ganz besonderer Höhepunkt, bei dem die von Farin Urlaub so liebevoll als “Nattern” bezeichneten Sängerinnen ihr einzigartiges Talent unter Beweis stellen, ist das Lied “Die Leiche”. Die vier Musikerinneren untermalen das schaurig-schöne Stück mit einem A-cappella-Gesang, der Gänsehaut erzeugt. Ähnlich emotional geht es bei “Phänomenal Egal” zu, um dann bei “Zehn” wieder das gesamte Publikum vollkommen mitzureißen und in solidarische Hüpforgien ausbrechen zu lassen. Schließlich gibt es die obligatorischen zwei Zugabensets, und nach dem ebenfalls schon Tradition gewordenen “Abschiedslied” werden alle restlichen Kraftreserven bei der erneuten Springaufforderung in “Zehn” aktiviert. Zwei Stunden lang werden die Zuschauer mit einer geballten Ladung Rock aus harten Gitarren, treibendem Schlagzeug, raffinierten Bläser-Harmonien, leidenschaftlichem Gesang und packenden Sprachbildern versorgt. “Glücklich” – auch hier ist am Ende der Songname Programm.

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