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Kraftwerk im Museum, Tag 5: „COMPUTERWELT“ – wie 1981 die Zukunft ausgesehen hat

Langsam wird der tägliche Gang zu Kraftwerk in die Neue Nationalgalerie zu einer  angenehmen Routine. Was habe bloß ich all die anderen Tage um 20 Uhr gemacht? Die Frau an der Einlasskontrolle fragt „Du warst gestern schon da?“. Und vorgestern und vorvorgestern und am Tag davor.

In den vergangenen Tagen wurde in der Berichterstattung über die 3-D-Konzertreihe „Der Katalog – 1 2 3 4 5 6 7 8“ in der Neuen Nationalgalerie in Berlin öfters auf das Dilemma der schnell alternden Modernität hingewiesen. Was einmal hoch modern gewesen sei, würde bald zum Schnee von gestern werden. Dabei wird übersehen, dass Kraftwerk von Anfang an den Retrofuturismus als Stilmittel benutzt haben und dass in Zeiten immer schneller an- und abschwellender Retrozyklen der Schnee von gestern in immer kürzeren Abständen wieder hoch aktuell wird. Zum Beispiel das Btx-Terminal vom Cover des 1981er Albums COMPUTERWELT. Was vor 33 Jahren beängstigend futuristisch gewirkt haben mag, passt heute perfekt zur konzeptuellen Kontinuität des Kraftwerk’schen Retrofuturismus.

Überhaupt ist das Album COMPUTERWELT die sonische Entkräftigung von Vorwürfen der Art „Kraftwerk is boring“. Und das konzeptionell und inhaltlich geschlossenste Album der Band, mit einem kristallklaren Sound und Beats, die weit in die Zukunft weisen. Und das nicht nur in dem Sound-Update, wie er von Kraftwerk heute gespielt wird, sondern auch in seiner Originalversion. Jeder zweite Track jedes beliebigen Elektronikjahrgangs bedient sich irgendwelcher Beats oder Soundpatterns von COMPUTERWELT. Sagen wir so: keine House Music, wie wir sie heute kennen, ohne dieses Album. Und von den eingetretenen Prophezeiungen, die auf dem Album für die computerisierte Welt gemacht wurden, haben wir noch gar nicht gesprochen: NSA 33 Jahre davor, der Computer als Instrument der Beziehungsanbahnung und Kompensation für die Vereinsamung, und die „Computerliebe“, die jeder kennt, der ein Smartphone in der Tasche stecken hat.

Die Liveaufführung von COMPUTERWELT war der bisherige Höhepunkt der Konzertreihe. Musik und 3-D-Visuals gehen hier eine perfekte Verbindung ein. Einzelne Sequenzen, Sounds und Beats gehören ins Lehrbuch der elektronischen Musik. Man würde sich wünschen, das alles in einer extended version hören zu können. Zwei, drei Stunden COMPUTERWELT für das bewusstseinserweiternde Erlebnis ohne chemische Hilfe.



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