Künstler der Woche

Künstler der Woche: Ben Khan

Als der Name Ben Khan zum ersten Mal in der Popwelt aufpoppte, sagte Donald Trump noch, er sei nicht daran interessiert, Gouverneur von New York City zu werden. 2014 war das, gerade war Khans erste EP „1992“ erschienen, mit vier wunderlichen Tracks zwischen neuem Pop und zerschossenen Blues-Gitarren, ein retro­futuristischer Sound, der Khan als Nachfolger von Jai Paul ins Spiel brachte. Der war der Welt nämlich irgendwie entglitten.

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Weg vom digitalen Fenster

Seltsam, dass Ben Khan dann ebenfalls verschwand. 2015 gab es noch eine zweite EP namens „1000“. Und dann: Funkstille. Nicht mal einen Wikipedia-Eintrag hat der Mann, den hat sogar die Bürgermeisterin von Wesel. Mitte April die Nachricht: neue Single! Und: erstes Album! Sofort mal ein Anruf bei Khan. Kein Wikipedia-Eintrag? „Finde ich gut.“ Khan lebt in London, er spricht bedächtig, etwas verschlufft, aber keineswegs wie eine mysteriöse Persönlichkeit. „Bemerkenswert, dass Menschen, die sich aus dem Netz zurückziehen, in bestimmten Kreisen als nicht mehr existierend gelten.“

https://www.youtube.com/watch?v=Rt7TxeZNs9Q
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Aber was hat er denn nun gemacht in diesen drei Jahren? „Ich habe versucht herauszufinden, wie mein erstes Album überhaupt klingen soll“, sagt er. Ein, zwei weitere EPs rauszuhauen wäre kein Problem gewesen, vier Tracks hätte er dafür immer zusammenbekommen. „Aber ich wollte ein Album. Auch wenn ich mir schon bewusst bin, dass dieses Format nicht gerade an Relevanz gewinnt.“ Plötzlich gerät der Mann ins Reden, unterscheidet zwischen schnellen und lang­samen Künstlern. „Ein Thriller-Autor muss einmal im Jahr ein neues Buch raushauen, das verlangt man von ihm. Bei Thomas Pynchon käme niemand auf die Idee, ihm auf die Mailbox zu quatschen, er möge sich bitte beeilen.“ Das gleiche Phänomen gebe es auch im Pop – klar, zu welcher Kategorie Künstler Khan gezählt werden möchte. „Es gibt Acts, die unter Zeitdruck komponieren und aufnehmen können, dabei entsteht durchaus gutes Zeug. Ich kann das nicht. Ich brauche Zeit.“ Was wiederum auch an seiner Musik liegt.

Die 15 Stücke des Albums sind so greifbar wie eine Seifenblase, kaum will man zu-packen, platzt die Illusion: doch alles anders. Geblieben ist diese Retrofuturismus, Khan hat während der Arbeit an den Songs Filme wie „Blade Runner“ laufen lassen, ohne Ton, einfach nur, um die Bilder aufzusaugen und ihre Stimmungen in seine Musik zu integrieren. Es gibt funky Bassläufe und scheppernde Blech-Drums, beinahe so, als jamme Thundercat mit Questlove, dazu Gitarren, die klingen, als sende Prince Signale von seinem Platz im Himmel – das sind die zugäng­lichen Tracks.

Retrofuturismus und Arthur Russell

Aber immer wieder entgleitet die Musik: in Richtung Avantgarde bis hin zu Arthur Russell und Aphex Twin, zu den 80s-Visionen des Labels Italians Do It Better, zum Keyboard-Jazz von Herbie Hancock, zu Field Recordings aus Kashmir, der Heimat seines Vaters. Diesen hat Ben Khan besucht, „eine wichtige Erfahrung, weil man lernt, wie stark unser Verständnis von Zeit von digitalen Einflüssen geprägt wird. Bist du drei Wochen in einer Gegend ohne Handyempfang, ändert sich dein Blick darauf, wie lang ein Tag sein kann.“ Bei aller Liebe zum Zeitlassen: Irgendwann musste die Platte fertig werden.

Ins Spiel kam Flood, seit Mitte der 80er-Jahre Spezialist für riesengroße Produktionen – und damit bei Ben Khan eigentlich fehl am Platz: Wie soll Flood einem verplanten Typen dabei helfen, seine ungeordnete Klanglandschaft zu konkretisieren? „Er hat gar nicht so sehr produziert, sondern trat eher als mein Mentor auf“, sagt Khan. „Er erzählte, wie bestimmte Alben entstanden sind, zeigte mir Wege auf, die zum Ziel führen können. Ein paar davon probierten wir aus, Stück für Stück kamen wir dem Album näher.“ Jetzt, sagt Khan, habe er einen Kompass: Tour mit Band, zweite Platte – es könnte schnell gehen. Oder auch nicht.

BEN KHAN von Ben Khan erscheint am Freitag, 10. August – lest dann die Kritik auf musikexpress.de.
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