Kurz & kiein vonChri5tian5tolber9


Ein Eigenbrötler, der sich einen Scheißdreck um Trends, Moden oder Genrekonventionen schert, scheint der österreichische Akustikgitarrist Kart Ritter zu sein. Auf atmen (Windhundrecords/ Sunny Moonl offeriert er zwölf solo eingespielte Instrumentalstücke mit viel Atmosphäre und reichlich orginellen Melodieeinfällen, bei denen er unterschiedlichste Klänge von sanft bis fies aus Holz und Saiten seiner Klampfe wringt. Weshalb sich das Album durchaus positiv von den dutzenden Griffbrett-Virtuosenplatten, auf denen jedes Saitenschnarren ängstlich vermieden wird, abhebt. Der Mann aus Stockerau, der unter dem Pseudonym „Prinz Karasek“ Jahre lang in der Band von Ostbahn Kurti schaffte, lässt sich dabei meist viel Zeit. Ambient mit einfachsten Mitteln, sozusagen. Am liebsten nur auf sich selbst verlässt sich auch die Sängerin, Gitarristin, Songschreiberin und Toningenieurin Micha Voigt, einst Chefin der Münchner Gitarrenrockband The Run. Ihr neues Projekt nennt sie No Snakes In Heaven – aber das ist im Grunde eine Ein-Frau-Unternehmung mit gelegentlicher Unterstützung durch Gastmusiker. Auf fire blue stellt die Münchnerin zehn Songs vor, die sie auf einer ausgedehnten Weltreise geschrieben hat – LoFi-Americana mit viel Gefühl, dem mitunter etwas mehr Experimentiergeist gut stünde. Ausgerechnet dem Irrflieger Matthias Rust (das war dieser blasse Jüngling, der 1987 mit einem Sportfliegerchen auf dem Roten Platz landete) setzt die spanische Band MigaU mit dem letzten Stück auf LA incredible aventura (Acuarela/ Rough Trade] – zu Deutsch:“.Das unglaubliche Abenteuer“ – ein musikalisches Denkmal. Die Musik selbst ist nicht ganz so abenteuerlich und originell, sondern eher biederer, überwiegend instrumentaler Psychedelikrock.

Auch nichts wirklich Neues hat sich die Liverpooler Songstress Kathryn Williams für ihr viertes Album relatiohs (Caw Records/Warner) als Ausgangsmaterial genommen – und diese 14 folkigen Coverversionen von Originalen aus der Feder von Neil Young, Leonard Cohen, Lou Reed, Alex Chilton und anderen sind dann auch noch zum Verzweifeln jungmädchenhaft harmlos geraten. Lieb, aber überflüssig.

Nach so viel Beschaulichkeit dürstet es den Rezensenten nach etwas deutlicherer Ansprache – und natürlich liefert Moses Pelham mit geteiltes leid 2 (3p/ Intergroove) nach sechsjähriger Solopause wieder ein paar muntere Schimpf tiraden. Einen Quantensprung gegenüber geteiltes leio i hat der kräftige Dünnhäuter aus Rödelheim nicht unbedingt hingelegt, aber er selbst kommt entspannter und humorvoller rüber als bisher, und sein Sound bleibt unverwechselbar und unterhaltsam. Bloß dieses Sample aus der TV-Werbung hätte er sich vielleicht verkneifen sollen… Hinter dem Pseudonym Lüül verbirgt sich ein Mitglied des Salonorchesters 17 Hippies, der Banjospieler Lutz Ulbrich. Auf dahenbesuch (Grundsound/Indigo] basteln der Mann aus Berlin und seine Mitmusiker auf allerlei Zupf- und Streichinstrumenten sowie Akkordeon und Klavier eine irgendwie auf Zirkusmusik- und Osteuropa-Folklore basierende Melange, dazu gibt’s Beziehungspoesie, die an die schlimmsten Ausrutscher von Jörg Fauser im Dienst von Achim Reichel erinnert. Das schielt ein bisschen auf die Element-Of-Crime-Klientel und nützt sich verdammt schnell ab. Einen sommertauglichen Mix aus Samba, Bossa und Drum’n’Bass serviert die Sängerin Cynthia Zamorano, die sich kurz CYZ nennt, auf ihrem Solodebüt, das sie lang LITTLEFISHOUBLONGWATERSAMBA (Pria Records) nennt. Das ist leidlich abwechslungsreich, aber keiner der Bestandteile ist für sich so spannend oder neu, dass man das noch im Herbst wird hören wollen. Das wird schon eher bei oui des deux (Capitol – VÖ: 11.10.I der Fall sein, einem sehr gallischen Rock- und Popalbum, mit dem sich Matthieu Chedid alias „M“ Ende letzten Jahres wochenlang an der Spitze der französischen Charts festsetzte. Das lustig überkandidelte Werk spielt ein bisschen mit Reggae, mit Glam, mit Spaghetti-Western-Sound, mit Funk und natürlich Chanson, alles durchaus augenzwinkernd, selten zu albern, und hat einen raren Rohstoff in Überfülle: gute Melodien. Irgendwann vor etwa 25 Jahren ist in der Popmusik die Idee aufgekommen, dass doch Spielzeugsounds und extra cheapes Synthie-Gefiepse etwas sehr Originelles sind. Seitdem sind immer wieder Acts wie Volcano mit Spielzeugsounds und billigem Synthiegefiepse irrsinnig originell, und weil sie dazu dann gerne mal auf die geniale Idee kommen, dazu trashige Gitarren und blasierten Gesang erklingen zu lassen, gibt es dann Alben wie volcano, im still exciteo [Polyvinyl/Rough Trade].

Mit der Ironie als Geschäftsprinzip kämpft sich Mambo Kurt nun schon geraume Zeit durchs irdische Jammertal. Auf return OF ALLEINUNTERHALTER VOL. S ISupermodern/lndigo] dreht er Songs von den Queens Of The Stone Age, Lenny Kravitz, AC/DC, Metallica, Slayer, den Stones und diversen anderen durch seine Heimorgel. Spätestens beim Polka-Medley aus „Paloma Bianca“, „Sun Of Jamaica“ und dem Ace-Of-Base-Heuler „All That She Wants“ bekennt sich der gefolterte Rezensent für den Rest seines Lebens zum bedingungslosen Ernst. Die spanische Band Mist ahnt vermutlich nicht, was ihr Bandname auf Deutsch bedeutet – und ungewollt programmatisch ist er auch nicht. Auf we shoulo have been stars ITumbleweed Records/Grand Harbour/lndigo) gibt es zarte, feinsinnige Popsongs mit wohl dosiertem Knispel-Faktor und gelegentlichen Disco-Zitaten. Ein paar Prozent Temperament mehr, und man müsste die Band auch hierzulande auf dem Zettel haben. Das Wahl-Hamburger Quartett Wunder kombiniert auf was hält uns wach (WEAI Rock, Dance und Schlager – und nimmt sich aus allen Bereichen nicht unbedingt das Beste. Alles scheint bei der Band um Sängerin Katrin Schröder auf Wirkung bedacht: die stramm marschierenden Grooves, die zugegeben eingängigen Refrains und die sloganartigen Texte. Das Ergebnis törnt in seiner geballten Vordergründigkeit aber eher ab.