Lasst Euch Song für Song durch das neue Radiohead-Album ‚A MOON SHAPED POOL‘ begleiten

von

Lest hier unsere Track-by-Track-Rezension von Arno Frank. Für diejenigen, die das Album A MOON SHAPED POOL tatsächlich noch nicht gekauft haben sollten, gibt es hier zum parallel Mithören einen kostenlosen Stream.

„Burn The Witch“

wird von stürmischen Arpeggien vorangetrieben, die ein wenig an einen Michael Nyman auf Speed erinnern. Ein synkopisches Schlagzeug gesellt sich ebenso dazu wie ein tiefer Bassklang – im Video ist das ein Rasenmäher. Yorke singt und folgt den von Jonny Greenwood arrangierten Streichern aufwärts, denn Greenwood kennt seinen Penderecki und die Neue Musik und weiß, was er tut. Während die Arrangements unten herum immer wuchtiger werden, zerfasern sie sich obenrum in immer zersplitterte Pizzicati. Da ist das Finale schon erreicht.

„Daydreaming“

nimmt Tempo raus und legt an Intensität noch zu. Wir folgen einer minimalistischen Pianofigur, die dezent von Glöckchen umspielt wird, die von einem Tonband kommen, das wir am Anfang anlaufen hören. Der erste Hinweis auf das, was folgt. Yorke singt erst nach knapp anderhalb Minuten, wir befinden uns auf solidem Radiohead-Balladen-Terrain. Dann schwirren gequälte Stimmen vorbei, hochgepitcht und geisterhaft, während die Streicher – Greenwood weiß, was er tut – jetzt kräftiger wehen. Das Tempo zieht an, und zuletzt murmelt Yorke, extrem runtergepitcht, Unverständliches. Und höchstwahrscheinlich Unheilvolles.

„Decks Dark“

kommt zunächst nur mit wirbelndem Piano über die rechte Box herein, bald begleitet von einem mechanischen Schlagzeug. Yorke singt zeitig diesmal, es streichen wieder die Streicher, ein himmlischer Talk-Talk-Chor (vom London Contemporary Orchestra) beteiligt sich am Aufbau von so etwas wie – ja! – Spannung ganz in guter „OK Computer“-Tradition, zumal bald auch ein richtiger Bass und eine elektrische Gitarre mittun dürfen. Sollte das etwa ein… Rocksong sein? Anders als die bereits bekannte Live-Version fährt diese hier hallende Effekte auf, die beinahe wie das akustische Abfallprodukt aus einer Dub-Session klingen (Greenwood weiß, was er tut). Die Geräusche übernehmen rhythmische Funktionen, und dann geht der Song schon zu Ende, beziehungsweise in den nächsten über.

„Desert Island Disk“

könnte mit seinem stoischen, fast unbeteiligten Bass und der kapriolenden Akustikgitarre glatt ein Folksong sein. Aber auch hier spukt es ein wenig im Gebälk, machen die Synthesizer seltsam wolkige Sachen. Insgesamt bleibt die Elektronik im Hintergrund, macht ein paar Akkordwechsel mit und unterlässt es auch, den Song ins Dystopische kippen zu lassen. Für Spannung sorgt, was Phil Selway mit den Becken anstellt. Und dennoch lullt das Stück friedvoll und mit mäandernder Melodiösität den Hörer beinahe ein. Beinahe, wohlgemerkt.

„Ful Stop“

beginnt mit seltsam gedämpften Beats, als fände irgendwo drinnen eine Party statt, zu der unser Sänger nicht eingeladen ist. Muss auch nicht, er kommt ganz gut alleine zurecht. Yorke beklagt vergangenes Glück und besingt seinen Herzschmerz („Take me back again“), teilweise im Duett mit seinem eigenen verfremdeten Echo, dem sich bald allerlei elektronisch-atmosphärischer Verdichtungszinnober beigesellt. Nach der Hälfte spielen Radiohead endlich in Bandbesetzung, gewinnt der Song an Bodenhaftung, es treibt und pulsiert, wie Konzertgänger das von „Ful Stop“ bereits kennen. Der Beat vom Anfang bleibt ein Wabern, wir werden mit Geigenschlieren entlassen.

„Glass Eyes“

behält in seinen knappen drei Minuten den elegischen Ton bei, der sich inzwischen als bestimmend für dieses Album erwiesen hat. Eine bleiche Ballade ist das, sanft gefedert von wieder einmal Streichern, die hier erstmals konventionell – also tonal und gewollt harmonisch – das Lied begleiten. Ansonsten ist da nur ein gedämpftes Piano, das sich ebenfalls ganz der Melodie unterwirft. So huscht es dahin und verhuscht in Trauer. Der Mann hat sich 2015 nach 23 Jahren von seiner Frau getrennt, und das hört man auf dem einen oder anderen Song.

„Identikit“

kommt mit seinem treibenden Basslauf und der stolpernden Rhythmusarbeit daher wie ein „Idioteque 2016“, allerdings ohne elektronische Verstärkungen. Ebenfalls seit Jahren von der Bühne bekannt, lässt sich hier vor allem das Ineinandergreifen all der perkussiven Zahnrädchen im Detail studieren. Ein Phil-Selway-Song, auch wenn Greenwood gemeinsam mit einem Chor plötzlich die Wah-Wah-Gitarre anschließt und sich gegen Ende sogar zu einem Solo hinreißen lässt. Jawohl. Ein Solo. Sogar ein John-Frusciante-Gedächtnis-Solo. Von Jonny Greenwood. Der weiß, was er tut.

„The Numbers“

handelt von den Zahlen, die „vorliegen“ und gar nicht gut aussehen. Der Versuch, ein Weltenrettungslied zu schreiben, ohne allzu predigerhaft zu klingen. Das lässige Zusammenspiel von Piano und Gitarre erinnert eingangs an leicht bekiffte Westcoast-Jams, desgleichen gilt für das Gelächter vom Band und Yorkes losgelösten Gesang. Über die Wendeltreppe eines schwurbeligen Basslaufs geht es hinauf, der Song nimmt Fahrt auf, bald wieder begleitet von diesmal euphorischen Streichern und Harmonien, die sich ordentlich auflösen statt in Ungewissheit zu stranden. Einen Höhe- und Druckpunkt gibt es auch. „Uplifting“ nennt das der Angelsachse.

„Present Tense“

ist ein schläfriger Shuffle, unterstützt von drängenden Gitarren und Yorkes eigener, verdoppelt- und verdreifachter Stimme. Wieder einmal ist die Melodie so wandernd, dass sie schwer greifbar bleibt und sich eine angenehme Schläfrigkeit über das Stück legt. Der Chor verleiht der sanften Midtempo-Nummer etwas Sakrales und beinahe Altmodisches. Bisweilen stellt sich ein seltsam angenehmer Effekt der Aufklarung ein, wenn die meisten Instrumente innehalten und nur die Melodie weiterläuft. Wunderbar luftig.

„Tinker Tailor Soldier Sailor Rich Man Poor Man Beggar Man Thief“

wiederum verdichtet vor allem die Produktion zu höchster Rätselhaftigkeit. In Ellipsen eiert das Stück auf einem elektronischen Puls vor sich hin, kreiselnd auch Yorkes Gesang. Endlich segelt das altbekannte Orchester unter vollen Segeln heran, begleitet nur noch von Selway am Schlagzeug, aber Wind und Höhepunkt bleiben aus. Stattdessen stellt das Schlagzeug die Arbeit ein und zerbröselt die Produktion in Störgeräusche. „Experimental“, wie der Angelsachse sagt.

„True Love Waits“

schließt das Album ab, und es ist wieder ein sehr alter Bekannter. Seit 20 Jahren befindet sich diese hymnische Elegie in der Setlist. Bisweilen klingt es, als tanzten da drei Klaviere umeinander. Ein hohes, ein tief gestimmtes – und ein mechanisches. „Don’t Leave“, barmt Yorke dazu, und als kurz so etwas wie ein nachschwingender Bass vorbeischaut, ist es mit dem Spuk auch schon wieder vorbei. Ausklang und Ende.


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