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Lauter Dizzee, leise Ditto

Am Samstag nachmittag bei Rock am Ring aufzutreten, sagen wir, als zweiter Act so gegen 15.30 Uhr, kann so ziemlich die undankbarste Aufgabe überhaupt sein. Die Sonne knallt auf den Asphalt, und nicht wenige der Zuschauer dürften noch die Nacht und ihre Feiern in den Gliedern spüren. Man hat eigentlich gar keine Lust auf Musik.Es kann also die undankbarste Aufgabe überhaupt sein, unter diesen Bedingungen vor Publikum zu spielen. Deshalb war es auch eine schlaue Maßnahme, den britischen Rapper Dizzee Rascal, der nun bei weitem kein Nobody ist – er steht zurzeit auf Platz Eins der englischen Single-Charts – quasi als Promi-Warm-Up für den Samstag zu buchen. Nur von einem Gastrapper und einem DJ begleitet, vereint Rascal doch an die zweitausend Fans vor der Center Stage.Er, der in den vergangenen zwei Jahren nun wirklich alles Kindliche, alles Schelmenhafte langsam von sich abgestreift hat, liefert ein fein reduziertes Greatest-Hits-Set ab und stellt die Beat-Maschine auf Durchlauf. Er wirkt inzwischen älter als er ist. Wird sich hinterher bestimmt noch einen schönen Nachmittag gemacht haben. Heinz Strunk würde sagen: Immer geil abgeliefert. Und wir merken uns: Der frühe Vogel fängt den Wurm. Das war ein gelungener Auftakt des Samstags. Dennoch leise Zweifel, ob Dizzee Rascal nicht auch eine Abendshow verdient hätte wie etwa

Jay-Z

am Freitag. Spricht ja für ihn.Das ist ein Bild, das es eigentlich gar nicht geben kann: Beth Ditto schweigt, wenn sie singen sollte. Das heißt: Nein, sie schweigt nicht. Sie ist nur nicht zu hören. Der Auftritt ihrer Band Gossip beginnt als Panne. Und er steigert sich leider, auch wenn Ditto es besser kann, nicht zu dem erhofften Highlight des Festivals. Ihr Mikro versagt beim ersten Song, Bass und Gitarre sind zu leise, die Drums zu laut. Es ist ein aufschlussreiches Bild, die Band so zu hören, wenn die Power der Musik nicht mehr da ist. Irgendwie unangenehm. Ist der Saft einmal weg, denkt man wirklich, das da vorne auf der Bühne ist der Kölner Karneval.Beth Ditto, über deren Aussehen und Sexualität schon so viel geschrieben wurde, dass wir das ab jetzt nie mehr tun werden, ist dennoch voll und ganz Profi: Sie bedankt sich mehrmals bei „Da-Da-Deutschland“ mit der „Rah Rah“- Melodie aus Bad Romance und zitiert damit natürlich Lady Gaga – neben Beth Ditto der zweite Superstar des Pop, der nach allen ästhetischen Kriterien normalerweise nie einer hätte werden können. Das Problem nur mit Gossip: Sie sind zwar stets ganz bei sich, schwelgen in einem Soul-Punk-Sound, den keiner so hinbekommt wie sie. Aber es mangelt der Band schlicht weg an ausreichend vielen, guten Melodien, um die langsam keimende Trübsal verfliegen zu lassen, dass die Band so auf Dauer nicht weiter machen kann. Es muss irgendwann mehr geben als „Heavy Cross“ und „Standing in the Way of Control“, die doch so verwandt klingen, als entstammen sie derselben Extended-Version einer Maxisingle. Als man zwischendurch doch einmal aufhorcht, weil der Basslauf irgendetwas Schönes, Neues spielt, folgt die Ernüchterung fast noch im selben Moment: Beth Ditto covert mal wieder. „What’s Love Got To Do With it“ von Tina Turner. Unfassbar, der beste Song des Gossip-Sets. Aber wir werden Ditto wieder sehen, sie bekommt eine zweite Chance – als Putzteufel auf der Bühne beim Set von

Kooperation

30 Seconds To Mars

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