Lotse mit Hut, erfahren & gut


BERLIN. 20 Jahre torkelt er jetzt schon über deutsche Bühnen, die Haare sind ihm ausgefallen, sein Organ hat Dauer-Stimmbruch erlitten, und der Schnellste ist der Herzinfarkt-gefährdete Mittvierziger auch nicht mehr. Eines allerdings hat er gewonnen, und das macht Lindenberg ’92 zu einem Erlebnis: seine unschlagbare Souveränität. Beim Tourstart in Berlin geht zwar nicht alles glatt,

aber Karl Kuhlmann bleibt gelassen.

Er setzt diesmal auf verteilte Rollen. Während seine halbwüchsigen Zöglinge Lukas (Baß) und Kieran (Gitarre) headbangend über die Büh ne fegen, lassen es die Senioren wie Gitarrist Karl AHaut ruhig angehen. Zur stimmlichen Unterstützung erscheinen gelegentlich Dii Prinzen aus Leipzig, die dafür im Gegenzug ein paar eigene Liedchen trällern dürfen.

Für Belebung sorgt auch das Medium Film. So werden zu „Reeperbahn“ ein Paar hüpfende Möpse auf die Leinwand projeziert; Knutsch-Szenen aus „9 1/2 Wochen“ illustrieren „Ich bin von Kopf bis Fuß auf Liebe eingestellt“; Dokumentar-Sequenzen aus dem alten Berlin begleiten „Hermine“.

Der 45jährige hat es schon immer verstanden, auch in den ernsten Songs den richtigen Ton zu treffen. „Naziland ist abgebrannt“ lautet seine Botschaft an die Brutalo-Glatzen — und 6000 Berliner in der Deutschlandhalle stimmen jubelnd zu. Weniger gelingen dem Panik-Poeten seine neuen Songs wie „Ein Herz kann man nicht reparieren“: Zu den knatternden Techno-Rhythmen fehlt es ihm an stimmlichem Kontrast. Ein echter Brüller dagegen sind die Lindi-Imitatoren, die er auf die Bühne bittet, um die unvermeidlichen Greatest Hits zu bringen. Die Rentnerband wird wohl noch ’n Weilchen auf ihn warten müssen…