Über Mark Lanegans Autobiografie

„Ich hätte mich gerne persönlich bei Mark Lanegan entschuldigt”

von

„I nearly lost you there

And it’s taken us somewhere

I nearly lost you there

Well let’s try to sleep now“

(The Screaming Trees – „Nearly Lost You“)

Nein, mit dem Schlafen war es in der Nacht von Dienstag, den 22. Februar 2022, auf Mittwoch nicht so ganz einfach. Zu viel wirbelt durch den Kopf. Erst folgt man am Fernseher fassungslos den Entwicklungen in der Ukraine, versucht das irgendwie einzuordnen. Und dann erreicht einen die Nachricht, dass Mark Lanegan verstorben ist. Sänger der Screaming Trees, Freund von Kurt Cobain, die dunkle Stimme des Grunge, der auf seinen vielen Soloalben und unzähligen Features bewies, dass er so viele Facetten mehr in sich hatte.

Wir haben ihn wirklich verloren. Wir? Was heißt das eigentlich, wir? Hat er uns gehört? Nein, ganz sicher nicht. Mark Lanegan wollte nie irgendwem gehören, er fühlte sich oft missverstanden, nicht gewürdigt, falsch verstanden. Er war eine troubled soul, auch ein Troublemaker. Das habe ich am eigenen Leib erfahren, ohne ihn je persönlich kennengelernt zu haben. Und warum schreibe ich jetzt hier über ihn? Weil ich ihn und sein Werk geliebt habe, weil ich ein Herz für solch gequälte Seelen habe, weil wir viele gemeinsame Künstler bewundert haben, von Jeffrey Lee Pierce über Ian Curtis bis Iggy Pop und Townes Van Zandt. Und weil ich im Herbst 2021 bei Heyne Hardcore seine Autobiografie „Alles Dunkel dieser Welt“ veröffentlicht habe.

Wegen dieses deutschen Titels seines Buches war Mark Lanegan außer sich vor Wut

Nicht wenige haben darüber den Kopf geschüttelt. Wer soll sich für die Lebensgeschichte eines gealterten Grunge-Sängers interessieren, der darin eben über all das Dunkel in seiner Welt schreibt? Es ist alles andere als eine glamouröse Lektüre, Lanegan schreibt wenig über all die phantastischen Platten und Konzerte seiner ersten Band The Screaming Trees; nicht über all die großartigen Soloalben und Zusammenarbeiten mit zig Bands und Musiker*innen. Nein, er schreibt eher über die Kämpfe innerhalb der Band, den Ärger mit den Plattenfirmen, das (Über)Leben auf der Straße, seine Alkohol- und Drogensucht.

Im Original lautet der Buchtitel „Sing backwards and weep“, eine Zeile aus dem letzten Song „Fix“ seines Soloalbums FIELD SONGS von 1999. Da ich der Ansicht war, dass dieser Titel nur den Hardcore-Fans etwas sagen würde und eine Übersetzung wenig Sinn ergab, entschied ich mich, einen neuen Titel fürs Buch zu wählen. Und da Mark im Buch immer wieder von der Dunkelheit schreibt, kam ich eben auf „Alles Dunkel dieser Welt“, was sowohl der Übersetzer als auch der Redakteur des Buchs gut und passend fanden.

Mark Lanegans Wut traf mich

Bloß Mark war „not amused“, als er das Buch zu Gesicht bekam, er war sogar wütend und „outraged“. Ich hatte vergessen sein Einverständnis einzuholen. Und er hatte Recht. Ich hatte es vergessen. Warum? Weil ich trotz mehrerer Anläufe nie persönlich Kontakt zu ihm bekam, er wechselnde „Manager“ hatte, die nicht wirklich Interesse zeigten. Und weil es in der Verlagspraxis nichts Ungewöhnliches ist, Buchtitel in anderen Sprachen zu ändern. Und dann vergaß ich es einfach. Bis einer dieser Manager sich zu Wort meldete und mich Marks Wut traf.

Wenn Mark sich einmal eingeschossen hatte, dann konnte er richtig wütend werden, um sich schlagen, das wusste ich aus der Lektüre. Es wurde dann auch wirklich unerfreulich, so viel kann ich sagen.

Das schmerzte, denn ich wollte das Beste für das Buch, aber das war ihm egal. Am Tag vor seinem Tod gab ich der Herstellung den Auftrag, eine neue Ausgabe der Autobiografie unter dem englischen Buchtitel vorzubereiten, damit Mark das bekommt, was er will. Er wird diese Ausgabe nicht mehr zu Gesicht bekommen. Aber das bin ich ihm schuldig.

Sein Buch hat nicht wenige Bekannte verstört, es ist eine Überlebensgeschichte, harter Tobak, es zeigt die Schattenseiten hinter diesem ganzen vermeintlichen Rockstarbusiness. Dass das Buch jetzt auch noch mitten in der Pandemie erschien, in der so viele Musiker*innen und Kreativkünstler*innen zusätzlich in ihrer Existenz bedroht wurden, passte irgendwie ins Bild.

So sieht Mark Lanegans Autobiographie im Original aus

Mark Lanegan erkrankte im vergangenen Frühjahr selbst schwer an Covid, lag eine Weile im Koma, verlor sein Gehör. Über diese Zeit schrieb er noch ein Buch mit dem Titel „Devil in a Coma“, das in England im Dezember erschien. Er lebte zuletzt in Irland.

Gern hätte ich mich bei ihm persönlich entschuldigt und mich mit ihm über das unterhalten, was wir beide lieben – große Sänger und Songwriter. Es hat nicht sollen sein. Das schmerzt.

Markus Naegele ist Verlagsleiter bei Heyne Hardcore. Unter dem Namen Don Marco & Die kleine Freiheit macht er auch Musik. 


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