ME-Helden Pixies: die Fakten

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In unserer neuen Serie „ME-Helden“ porträtieren wir Bands, die unser Leben beeinflusst haben. Den Auftakt bildete Jim Morrison und seine Band The Doors – Musik aus den Sechzigern, die Pate stand für viele Gruppen, die nach ihnen folgten. Die weiteren Teile der Serie widmen wir jüngeren Bands, die die ME-Redakteure und unsere Leser prägten. Teil 2 drehte sich um die Pixies. Ein Porträt von Sassan Niasseri. Jetzt reichen wir die Fact Sheets nach. Alles, was man über die Pixies wissen muss.

Pixies:

wurden inspiriert von

… Hüsker Dü und Peter Paul and Mary (Von diesen Vorbildern schrieb Black Francis in seiner damaligen „Musiker gesucht“ -Anzeige.)
… Rush (die Lieblingsband von Drummer David Lovering)
… Jimi Hendrix und The Velvet Underground (für Gitarrist Joey Santiago)
… The Beach Boys (Blakc Francis und Kim Deal)

haben inspiriert

…  Tin Machine (Auch David Bowie gründete seine Art von „kompaktem Rockvierer“ und coverte „Debaser“ – es klang wirklich nicht gut)
… Radiohead (die verzerrte Gitarre in „Creep“ ist eine Referenz an „I Bleed“)
… Nirvana (Kurt Cobain: „I was basic-ally trying to rip off the Pixies for Nevermind“)

Nörgelecke:

1. Nach Doolittle wurden die Pixies zahm. Falsch. Sie spielten nur mit anderen Arrangements, die notwendig waren für neue Themen. Surfmusik für Nixen („Ana“) und himmlische Klavierklänge als Empfangsmelodien für gestrandete Außerirdische („Motorway To Roswell“).

 

2. Die Band hat nach der Wiedervereinigung 2004 ihren Drive verloren. Stimmt leider. Black Francis kann noch schreien, aber er kann nicht mehr quieken. Die Pixies gibt es seit ihrer Reunion als Liveband inzwischen länger als in ihrer ersten aktiven Zeit (1986-1992).

3. Wann kommt endlich ein neues Album? Hoffentlich nie. Ihre zwei bisherigen neuen Songs – „Bam Thwok“ und das Townes-Van-Zandt-Cover „Ain’t That Pretty At All“, in dem Black Francis Kim Deal allen Ernstes als „Kimi“ ansingt – beweisen: Ihnen ist die Bösartigkeit abhandengekommen.

Peinlichste Fans: Bono und The Edge von U2. Diese zwei „Fans“ engagierten Pixies 1992 als Vorband für ihre „ZOO TV“ -Tour in den USA. Pro Auftritt gab es, laut Elektra-A&R-Mann Peter Lubin, 750 US-Dollar Gage – für alle vier Musiker zusammen. Das wurde angesprochen. Ob, äh, nicht wenigstens das Doppelte für alle vier drin sei? Ist doch schließlich für alle vier zusammen. – „ No.“

Beste Coverversion: Matthew’s Celebrity Pixies Covers: „Levitate Me“. Hobbymusiker Matthew spielt und singt Pixies-Songs so nach, wie prominente Musiker sie interpretieren würden. Ein Meister der Imitation.

Schlechteste Coverversion: David Bowie: „Cactus“. Bowie ist ihr größter Fan. Und er hat die Band auch verstanden. Aber aus dem Spaghettiwestern-Blues des Originals macht er einen überlangen Rocksong. Merke: Pixies-Interpretationen sollten nie länger sein als das Original. Und härter zu sein geht eh nicht.

 

Bestes Cover: Surfer Rosa. Surfer Rosa. Das Album enthält ihre Furcht einflößends­ten Lieder. Geschmückt wird es von dem Bild einer barbusigen Flamenco-Tänzerin, hinter ihr ein zerrissener Vorhang und ein Kruzifix. Sexualität und Religion, Trieb und Schuldgefühle. Das schlechte Gewissen. Auf der Platte schreit Black Francis die Doppelbelastung heraus. Das Foto stammt von Simon Larbalestier.

3 Songzitate für die Ewigkeit:

„hold my head/we‘ll trampoline/ finally through the roof/ on to somewhere near/ and far in time“ („Velouria“, 1990)

„I miss your kissin‘ and I miss your head/ And a letter in your writing doesn‘t mean you‘re not dead/ Run outside in the desert heat/ Make your dress all wet and send it to me“ („Cactus“, 1988)

„I Was Talking To Preachy-Preach about Kissy-Kiss/ He Bought Me A Soda/ He Bought Me A Soda/ He Bought Me A Soda/ He Bought Me A Soda And He Tried To Molest Me In The Parking Lot“ („Bone Machine“, 1988)

6 x Pixies for Dummies:

1. Die Band heißt Pixies, nicht „The Pixies“. Anfangs wollten sie sich „Things On Fire“ nennen.
2. Manche Pixies-Songs bergen geheime Botschaften. Der Anfangsbuchstabe jeder der sechs Zeilen von „Ana“ ergibt das Wort „S-U-R-F-E-R“.
3. Produzent Steve Albini kreierte den „Surfer Rosa-Sound“, den Nirvana (für In Utero) und die Manic Street Preachers (Journal for Plague Lovers) später – mit Albini an Bord – anstrebten. Für den Schlagzeugklang war angeblich nur die Akustik eines seiner Aufnahmeräume nötig. Die Gitarrenplektren waren aus Stahl. Albini schrieb später einen Artikel über die Pixies, in dem er ihre angebliche Hörigkeit gegenüber Management und Plattenfirma kritisierte: „Nie zuvor habe ich solche vier Ochsen gesehen, die sich so freiwillig an ihren Nasenringen herumführen ließen.“
4. Die Pixies hatten einen Nummer-eins-Hit. Ihr Comeback-Song „Bam Thwok“ stieg im Jahr 2004 von 0 auf 1 in die UK Download Charts ein – am Tag eben dieser Charts-Einführung.
5. Schlagzeuger David Lovering lehnte 1991 Nirvana als Supportband ab: „Ich hörte ihre Songs und wusste sofort – sie werden das nächste große Ding.“ Sie durften nicht mit auf Tour. „Die Hierarchien hätten sich verkehrt.“
6. Pixies-Songs, in denen das Wort „Fuck“ vorkommt: 1 („Planet Of Sound“).

Buyers Guide:

Das Urschrei-Album: Come On Pilgrim (1987). Song eins, Minute 1:24. Auf eine leise Strophenmelodie folgt der Ausbruch im Chorus. Das Leise-Laut-Leise-Schema wird geboren. „Repent!“, „Bereue!“, schreit Black Francis in „Caribou“ einem Mann entgegen, der seinen katholischen Selbsthass nicht mehr erträgt. Es klingt wie Peitschenschläge auf den Rücken. Beispiellos ist der Humor, die Intelligenz, mit der Francis kirchliche Autoritäten karikiert. Die schlicht spektakuläre Debüt-EP dreht sich um Dinge, die vielen um Haltung bemühten Indiemusikern peinlich wären: Onanie („The Holiday Song“), Geschlechtskrankheiten („I‘ve Been Tired“) und Inzestwünsche („Nimrod‘s Son“).

Das Horror-Album: Surfer Rosa (1988). Wer die Vagina eine „Bone Machine“ nennt, der denkt in Funktionen. Oder hat ein Problem mit Geschlechtsteilen. Jedenfalls nicht so, als ob er Menschen lieben würde. Als Lyriker lässt Black Francis keinen Zweifel daran, dass ihm Sexualität zusteht, notfalls per Gewalt: „Break My Body“, „Something Against You“, „Broken Face“. Kim Deal singt mit „Gigantic“ einen vordergründig niedlichen Popsong – das Lied dreht sich um Penisgrößen. Produzent Steve Albini kreiert einen Schlagzeugsound, der in seiner Wucht bis heute Maßstab ist – Nirvana und die Manic Street Preachers versuchten, ihn mit Albini zu reproduzieren.

Das Pop-Album: Doolittle (1989). „You Can‘t Go Wrong With The Old Testament“, sagte Black Francis über die Inspiration. Hier interessiert ihn die Brutalität im Bibelstoff. Schreie begleiten die Songs über Samson und Delilah in „Gouge Away“ sowie über David und Bathseba in „Dead“; auch hier ist ihm besonders das tödliche Ende eine Erzählung wert. Ist Black Francis gläubig? In „Monkey Gone To Heaven“ postuliert er die spirituelle Hierarchie: „If man is five, and the devil is six, then god is seven.“ Dass Doolittle den Durchbruch für die Band markierte, lag aber an der Popsong-Qualität der Stücke: „Wave of Mutilation“ oder „Here Comes Your Man“ boten Melodiereichtum für gleich drei Songs mehr – und das wie im Irrsinn geschrieene, Buñuel zitierende „Debaser“ („Slicing Up Eyeballs“) geht auch rhythmisch ins Blut. Einer flog über das Kuckucksnest für den Dancefloor.

Das Album des Dr. Jekyll und Mr. Hyde: Bossanova (1990). Science-Fiction. Ufos. Surfen. Wellen. „Als würden Psychopathen die Musik für ein B-Movie aus den Fünfzigern komponieren“, so urteilte Blur-Gitarrist Graham Coxon über das Album. Bossanova ist das Pixies-Meisterwerk. Es schafft das Unmögliche: Es paart schier fassungslos machende Härte („Rock Music“) mit wunderschöner Wassermusik („Havalina“, „Ana“), die Joey Santiago so zärtlich spielt, als hätte er in seinem Leben noch nie jemandem wehgetan. Mal Dr. Jekyll, mal Mr. Hyde. Mit dem Instrumentalstück „Cecilia Ann“ führen die Pixies Surfmusik vier Jahre vor Tarantino und dessen „Pulp Fiction“ zurück in die Popkultur. „Allison“ wiederum ist der perfekte Popsong, die Band schafft das in 1 Minute und 18 Sekunden.

Das Mosaik-Album: Trompe Le Monde (1991). Zerstritten mit Bassistin Kim Deal, die bis auf ein paar „Ahs“ vor allem als Vokalistin aussortiert wurde, klingt das letzte Pixies-Werk tatsächlich wie ein Solo­album Black Francis‘. Das stört Viele. Bis heute wird es auch deshalb schlecht bewertet, weil es viele in der Frühzeit der Pixies komponierte Stücke enthält, was man ihnen als Recycling vorwarf. Dennoch ist es ihre vielseitigste Platte. Es vereint Metal („Planet of Sound“), Rock’n‘Roll Historie („Letter To Memphis“), Punk als Ausdruck sexueller Frus­tration von Uni-Außenseitern („U-Mass“) und Space Operas („Bird Dream Of The Olympus Mons“) mit den psychedelisch klingenden Keyboardeinsätzen des Captain-Beefheart-Organisten Eric Drew Feldman, wie in „Alec Eiffel“. Leute, hört dieses Album!


Welches Equipment verwenden eigentlich… Daft Punk?
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