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Highlight: Die 50 besten Alben des Jahres 2016

ME-Klubtour

„Das ist unser unpersönlichstes Album bisher!“: Wir haben Isolation Berlin im Studio besucht

Im Frühjahr 2017 haben Isolation Berlin draußen vor der großen Stadt ihr zweites Album VERGIFTE DICH aufgenommen. Wir durften exklusiv dabei sein und über die Schulter schauen, als die Band die letzten Aufnahmen fertigstellte. Über die Arbeit einer Kneipenrockband, die am besten dort arbeitet, wo es keine Kneipen gibt. Und die überhaupt sehr gut weiß, was sie zu tun und zu lassen hat. 

Isolation Stadtrand Berlin

Der Ortsteil Buch liegt so weit draußen im Nordosten der großen Stadt, dass die meis­ten Berliner glauben, die satt eingegrünte Idylle samt Neubau- und Gewerbe-Drumherum befände sich längst in Brandenburg. Sofern sie von Buch überhaupt schon einmal gehört haben. Die spätestens seit ihrem gefeierten 2016er-Albumdebüt UND AUS DEN WOLKEN TROPFT DIE ZEIT angesagteste junge Rockband der Hauptstadt kennt sich hingegen ziemlich gut aus hier. Es gibt sogar ein „Kaufland“ in Buch und einen Wochenmarkt, die Versorgungslage sei gar nicht so schlecht. Und dass es keine Kneipe gibt, sei eher von Vorteil: Drei Viertel dieser Band schätzen sich selbst als leicht ablenkbar ein, ablenkbar von Kneipen. Isolation Berlin nehmen in Buch ihr zweites Album auf. Im Obergeschoss einer alten Krankenhaus-Wäscherei. 

Dort leben sie insgesamt drei Monate in einem Raum im Raum: Das „Studio Schulz“, von Namensgeber Christian Schulz und David Specht, der nicht „Bassist“ genannt werden will und deshalb zur Strafe von seinen Bandkollegen als „Soundwizard“ tituliert wird, entworfen und gebaut, ist ein modulares Studio. Von einem Tag auf den nächsten kann es von vier Leuten, mit einer Trittleiter und einem Lkw zur Hand, ab- und anderswo wieder aufgebaut werden.

Kooperation

Die Sperrholzwände mit ihren verschieden geformten Ein-Quadratmeter-Elementen, die nicht nur den Schall schlucken, sondern „jedes hat einen akustischen Sinn“, betont Schlagzeuger Simeon Cöster, lassen sich mitsamt ihrer ausgesuchten technischen Einrichtung umziehen wie ein mobile home. Isolation Berlin könnten ihr nächs­tes Album in der Wüste oder am Nordpol aufnehmen. Zwei kleine Fenster gibt es auch, da schauen dann die Geier oder Eisbären rein. 

Gemeindesaal-Klavier und Gewürzgurkenglas

Jetzt stehen wir auch schon mittendrin. Kabel, fast alle ordentlich aufgerollt und -gehängt, Instrumente, für Rock, aber auch solche für Kinder, ein ordentliches Gemeindesaal-Klavier, Bratschenkoffer mit brandneuer Bratsche, ein selten dämlicher dreinschauender Kunstkopf für Stereophonie-Aufnahmen, das schicke, kompakte, schon optisch „Wärme“ ausstrahlende 60er-Jahre-Siemens-Pult mit seiner hüpfenden VU-Nadel neben dem Rechner mit der Recording-Software. Feuerzeuge, Aschenbecher, Bierflaschen, mehr leere als volle, aber sonst kaum Müll oder Krümel. Ein halbleeres Gewürzgurkenglas: Katerfutter. Das sieht schon alles sehr nach Pflicht und Professionalität aus hier.  

Studiobesuche sind allerdings so eine Sache. Musikjournalisten, also die naiven wie die unbeirrbaren unter uns, erhoffen sich dabei einen Blick hinter die Kulissen. Sie können endlich mal dabei sein, wenn sie passiert, die Musik. Und dann sitzen sie doch nur in der zweiten Reihe hinter der blinkenden Riesenkonsole herum, die Band verstreut sich cool im Staubloch, und ihr Produzent bringt das neue Werk Stück für Stück on, launig monologbesprenkelt und mit dem Hinweis, dass zwei oder drei Songs noch nicht fertig gemischt sind. Aha, aha. Kritzelkritzel. Und hier bei Track vier shake man vielleicht noch ein wenig Tamburin dazu. Aber nicht jetzt.  

Weil die Musikjournalisten jedoch einen Fotografen mitgebracht haben, stellt sich der Drummer dann doch hinters dicke Glas und shaket, für die Show. „Und kannst du vielleicht doch noch mal mit der Gitarre … !?“ 

„Wir vier haben schon genug Meinungen, da brauchen wir nicht noch einen fünften Koch“ 

Der Assistent des Fotografen hat noch einen Anschlusstermin. Pendler-Stau raus aus Berlin war auch. Deshalb haben wir jetzt Zeitdruck. Und so stecken wir in der absurden Situation, dass die Band tatsächlich noch etwas aufnehmen möchte mit uns als Zeugen, wir dabei sogar mitten im Studio hocken bleiben können, es gibt sonst auch kaum Platz. Ein paar Overdubs sind nämlich noch notwendig für ihr durchweg live eingespieltes Album. Sänger Tobias Bamborschke muss auch noch was einsingen. Doch dem Fotografen wäre es fast lieber, sie würden nur so tun. Ginge schneller … 

Gitarrist Max Bauer, ja der, der aussieht wie der Gitarrist von zehn Britpop-Bands gleichzeitig, die vor 20 Jahren das Größte waren, stellt sich dann aber doch vor seinen Verstärker, drückt das Kinn in Konzentration auf den Kragen seines leuchtenden Lemon-Twigs-T-Shirts und lässt ein paar verlorene Akkorde aus seiner sechssaitig Glimmenden über ein Lied regnen. Die anderen nicken kurz ab. Schon done. Und fotografiert! 

Und dann errichtet sich dieser Bamborschke selbst als Denkmal des Selbstvertrauens vor seinem Gesangsmikrofon mitten im engen Kreis der Freunde und Fremden und bellt in einem Take zwischen zwei Schluck aus der Bierflasche, die er beim Singen nicht einmal abstellt „Die Leute wollen Blut sehen!“, immer wieder, immer irrer, als Chor dieses einwandfreien Abneigungs-Stompers, der einfach nur „Die Leute“ heißen wird.  

Das Album muss schließlich auch mal fertig werden. Isolation Berlin wissen um Moment und Momentum, sie fackeln und sie frickeln nicht. 

Und als der Journalist vom ME ein wenig an dieser Selbstverständlichkeit herumkratzen möchte mit seinen Fragen und fragt, warum sie eigentlich ohne externen Produzenten arbeiten und ob das immer so bleiben muss, schenkt David Specht ihm, nein, vielmehr dem Teppich zweieinhalb Meter vor den Schuhspitzen des Journalisten einen Blick aus einem Drittel Ekel und zwei Dritteln Unverständnis, als hätte der ihn gefragt, warum sich seine Band hier draußen in Buch in den vergangenen Wochen denn nicht einfach von den Asseln und Spinnen im Keller der alten Wäscherei ernährt habe. 

Aber Leute, all die Produzenten-Credits auf all diesen legendären Rockmusikplatten der letzten 50 Jahre: alles Mist? David schiebt sich eine blonde Strähne zur Seite und durchdringt weiter das Nichts – der Titel „Wizard“ steht ihm insgesamt sehr gut – und sagt: „Ich glaube, ein Produzent ist erst nötig, wenn man als Band keine eigenen Ideen mehr hat. Wenn man seit 20 Jahren denselben Kack macht und irgendwie glaubt, eine neue Richtung einschlagen zu müssen oder so.“ Der Sound, die Art und Weise der Aufnahme, das gehört so zweifelsfrei zur künstlerischen Aussage dazu, dass Isolation Berlin den Gedanken, da einen Fremden dranzulassen, einfach nur absurd finden. Tobi zieht seine Helmut-Schmidt-Mütze hoch, kratzt sich am Kopf und schließt das Thema ab: „Wir vier haben schon genug Meinungen, da brauchen wir nicht noch einen fünften Koch.“ 

Das unpersönlichste Album bisher

Auf VERGIFTE DICH schlagen Isolation Berlin zwar keine gänzlich neue Richtung ein, aber zwei Entwicklungen sind deutlich erkennbar. Zum einen sind sie an markanten Stellen körperlicher, zupackender, schlicht auch rhythmischer geworden (die Teaser-Single „Kicks“ geht da schon mit eindrücklichem Beispiel voran). Auf der anderen Seite entwickeln sich Isolation Berlin zu einer offeneren Musik hin, zu einer Musik neuer Möglichkeiten und Freiheiten.  

Zu verdanken haben sie das den Lyrics von Tobias Bamborschke, der anders als auf UND AUS DEN WOLKEN … , als sein eigener desolater Zustand nach einer Trennung zu einer Art Konzeptplatte führte, auf der Suche „nach etwas Lebenswertem und neuen Kicks“ eine Art Kurzgeschichtensammlung entstehen ließ. (In der Zwischenzeit, Anfang Oktober, erschien auch sein erster Gedicht- und Textband „Mir platzt der Kotzkragen“.) 

Gefunden hat er dabei auch die Möglichkeit, aus neuen Perspektiven auf seine eigene Gefühle und Gedanken zu schauen. Der Song „Melchiors Traum“, den die Musiker immer wieder bei seinem schönen Arbeitstitel „Krabbelmann“ nennen, dient nicht nur der Band selbst als bester Nachweis für die Horizonterweiterung. Hier singt Tobias als deutlich abstrahiertes Kunst-Ich, offenbar als triebgesteuertes, verzweifeltes Mörder-Ich. Es ist das deutlichste Zeugnis von Tobias’ neuer Arbeitsweise, seine Gefühle auch durch Geschichten anderer auszudrücken. Er meint damit nicht zuletzt reale Menschen, die er kennengelernt habe auf seinem Weg, mit der eigenen „Depression“ umzugehen, wie er sagt, und so zu einer neuen Intensität im künstlerischen Ausdruck zu finden. 

Die Band sah sich wiederum dadurch angetrieben, „ganz andere Herangehensweisen an die Musik zu finden“, wie Max Bauer erklärt. Und dieses Lied, „Melchiors Traum“, … (Natürlich wird uns dieses Stück wie jedes andere der Platte vorgespielt, denn eigentlich ist die ja quasi doch schon fertig, und so ist also auch dieser Studiobesuch wieder eher so ein Etikettenschwindel … ) Also, „Melchiors Traum“ ist tatsächlich kein herkömmlicher Deutsch- oder Songrock mehr, sondern ein atmosphärisches Stück, das einen emotionalen Zustand beschreibt und zwischen Drone und hellem Funkeln auch musikalisch keine Erlösung findet. Wem fallen spontan fünf andere Bands ein, die so etwas hinbekommen, ohne einen mittelschweren Theaterrockunfall anzurichten? 

Ein anderer Aspekt gefällt Max daran auch: „Viele Künstler behaupten ja gerne: ,Das neue Album ist unser persönlichstes bisher.‘ Genau das ist es eben nicht!“ Tobias grinst: „Das ist unser unpersönlichstes Album bisher.“ Max grinst zurück: „Genau.“ 

Schaut hier das Video zu unserem Studiobesuch:

ME-Klubtour 2018 – die Termine im Überblick:

ME-Klubtour in Berlin
02.09.2018
Lido
ISOLATION BERLIN
DER RINGER
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ME-Klubtour in Köln
15.09.2018
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ME-Klubtour in Hamburg
08.10.2018
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ME-Klubtour in München
25.10.2018
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