Nein, die Hoffnung stirbt niemals!


Arcade Fire haben das vergangene Jahrzehnt geprägt wie kaum eine andere Band. Für ihr drittes Album sind die Kanadier auf die Suche gegangen, nach ihrer Heimat, nach sich selbst. Und sie haben uns etwas mitgebracht: das erste große Album der Zehnerjahre.

Ähhhhhhhhhhhhhmmmmmmmmm …“ So beginnt jede Antwort Win Butlers. Und in diesem müden, aus tiefer Seele seufzendem „Ähhhhmmm …“, auf das stets eine lange Pause folgt, scheint alle Schwere zu liegen, die der Arcade-Fire-Sänger auf seinen Schultern spürt. Alle Schwere der Welt, aber auch all die Mühsal, die es ihm offenbar bereitet, über seine Musik zu sprechen. Es ist schwer zu sagen, ob dies nun daran liegt, dass Butler einfach dem Raunen und Murmeln der Welt nicht noch mehr hinzufügen möchte – oder ob die lange Arbeit am dritten Arcade Fire-Abum THE SUBURBS, das erst am Vortag fertig gemastert wurde, noch zu nah ist. So oder so: Zu behaupten, Win Butler sei ein ernster Mensch, wäre so, als sagte man, Bill Gates sei ein solventer Herr. Régine Chassagne, Co-Songwriterin der Band und Butlers Frau, ist das exakte Gegenteil. Sie ist die klassische Aus-dem-Bauch-Künstlerin, die übermäßiger Reflexion mit mädchenhaftem Charme begegnet: Während des ganzen Gesprächs lacht sie eigentlich mehr als dass sie wirklich spricht.

Nun ist es nicht eben verwunderlich, dass Butler mit der Ernsthaftigkeit eines betagten Strickjacken-Autors über das neue Album erzählt. Zum einen, weil Arcade Fire ohnehin stets den ernsten Dingen zugetan waren, aber auch, weil von keiner anderen Band heutzutage so sehr das große Statement erwartet wird. Aus gutem Grund.

Egal, wie man zu Arcade Fire stehen mag, ob man ihre ernste Langarmhandschuh- und Schnürstiefelmusik nun prätentiös und aufgeblasen findet oder ob man in ihnen die Rettung vor der popmusikalischen Banalität sieht: Arcade Fire haben das letzte Jahrzehnt geprägt wie keine andere Band. Ach was! – Popmusikalisch gesehen waren sie das Jahrzehnt. Da, wo sich andere am Wiederbeleben toter Klangkörper abarbeiteten, schufen sie einen wirklich neuen Band-Sound, der Spröde und Pathos verband, und bildeten dabei auch noch die gesellschaftlichen Symptome der Post-9/11-Jahre ab. Das entging den wenigsten Beobachtern und rasch wuchs der popkulturelle Einfluss der Band ins Unermessliche: David Bowie, Bruce Springsteen, Peter Gabriel, Chris Martin und David Byrne kloppten sich darum, wer sich als ihr größter prominenter Fan bezeichnen darf; U2 eröffneten lange Zeit ihre Live-Shows mit „Wake Up“; Spike Jonze ließ sich beim Drehbuchschreiben von „Where The Wild Things Are“ vom Debüt FUNERAL inspirieren, und im englischsprachigen Raum kam bald keine Sportberichterstattung ohne den Soundteppich von Arcade Fire aus.

Der künstlerische Erfolg aber ist freilich ein anderer: Es ist Aracde Fire zu verdanken, dass die Nullerjahre nicht allein eine eskapistische Party dürrer Röhrenhosenbübchen war, die schrabbeligen Wald-und-Wiesen-Indie-Rock spielten. FUNERAL, das Debüt, erschien 2004, in jenem Jahr also, in dem Franz Ferdinand mit ihrem angestrengt dringlichen, an den frühen 80ern geschulten Tanzbodenrock fast wie etwas Neues klangen, die Fertigkeits-Folklore von Zigarettenjungs wie Pete Doherty noch wie eine wilde Sache anmutete und Adam Green in Deutschland zum Indie-Teenstar mutierte. Wirklich unerhört war in dieser Zeit solider (und bisweilen genialischer) Rückbesinnung auf New-York-ismen, Post-Punk und Schepper-Geschrammel nur diese seltsame Musik, die da aus Kanada herübergeweht kam. Musik, die klang, als hätte sie sich ein neo-expressionistischer bosnischer Maler mit Pathos-Fimmel zusammengeträumt. Arcade Fire waren gleich im doppelten Sinne theatralisch: Zum einen war da dieser pompöse Donner-Sound, gleichzeitig wirkten sie in Habitus, Look und Darreichung wie von einer Off-Theater-Bühne geplumpst. Sie sahen aus, als hätte sich eine Horde Studententheaterschauspieler für ein American-Gothic-Stück in stilisierte Amish-People-Outfits geworfen. Und obwohl ihre Einflüsse mannigfaltig waren, klangen sie doch völlig neu: Als hätten sich die Talking Heads als U2 verkleidet; als spielten die Pixies gemeinsam mit The Cure auf einer Hochzeitsfeier im amerikanischen Süden Beerdigungslieder aus dem Buchenland; als wäre Tom Waits in eine Stadionrockphase eingetreten, als führte Bruce Springsteen ein Varietéprogramm auf. Die Texte, vorgetragen mit einer Stimme, die ständig von Verzweiflung in Neurotik und zurück kippte, erzählten von der Rückeroberung der Kindlichkeit infolge einer emotionalen Apokalypse. Die Songs waren rätselhaft, doch in diesen Liedern lag alle Verstörtheit jener Zeit. Und der Wunsch, diesen Zustand zu überwinden. FUNERAL war ein einziges Tunnelgraben durch den Schnee der irdischen Trübnis.

2007 folgte NEON BIBLE. Ein sehr gutes, wenngleich kein einfaches Album: Überwiegend auf Tour geschrieben, fühlte sich die Band in Bushs zweiter Amtszeit mit einer Weltuntergangsstimmung konfrontiert, die abzubilden ihr oberste künstlerische Pflicht zu sein schien. Das führte die Band bei aller Qualität des Materials ein wenig von sich selbst weg. Ein bisschen fehlte der Platte das Intuitive. Statt das Große im Kleinen zu spiegeln, richteten sie ihren Blick nun direkt in die Fratze des Weltgeistes. NEON BIBLE war das Album einer großen Band, die nun auch thematisch groß dachte und gerade dadurch etwas kleiner wurde.

Danach machte die Band erst einmal Pause. Natürlich wurde im Hause Butler/Chassagne tagtäglich weiter musiziert, doch vor allem wurde endlich mal wieder „ein normales Leben“ geführt, wie das Paar es nennt. Teil dieses normalen Lebens war eine Reise, die Win und Régine im vergangenen Sommer unternahmen: Win, der im texanischen The Woodlands, einem Vorort von Houston, aufwuchs, wollte seiner Frau endlich in Ruhe jenen Ort zeigen, an dem er und sein Bruder Will ihre prägenden Jahre verbracht hatten. Und schon bald kristallisierte sich das Thema für das neue Album heraus. Auf die Frage, welches Bild er denn vor Augen habe, wenn er an The Woodlands denkt, schweigt Butler lange. Es folgt das obligatorische schwere „Ähhhhmmm …“ nebst langer Pause. Dann schließlich beginnt er zu erzählen …

Win: Im Grunde ist Texas ja sehr unspezifisch, es sieht da aus wie fast überall in Amerika: viele strip malls, öde Straßenzüge und so weiter. Wenn man aber aus den städtischen Zentren herauskommt, wird es zusehends grüner. Dort, wo wir aufwuchsen, lag früher ein Waldgebiet, aber dann hat man eine Planstadt daraus gemacht. Das ist The Woodlands.

Régine, hat Win Dir seine Heimat zum ersten Mal gezeigt?

Régine: Nein, wir waren schon einmal dort, aber dieses Mal haben wir uns zum ersten Mal richtig Zeit nehmen können.

War es denn auch eine Reise auf der Suche nach dem nächsten Album?

Régine: Rückblickend wohl schon, ich weiß nicht recht. Als wir aufbrachen, gab es schon zwei fertige Songs: „The Suburbs“ und „Month Of May“, die für mich auch bis heute am besten die beiden unterschiedlichen Pole dieser Platte – das Ruhige und das Energetische – wiedergeben.

Win: Das Thema lag wohl in der Luft. Ich weiß nicht, ob das immer so bleiben wird bei mir, aber meine Erfahrung bislang ist, dass sich die Dinge thematisch sehr natürlich verbinden. Ich glaube, mein Gehirn funktioniert so. Wir hatten die beiden Stücke fertig, und dieses Thema THE SUBURBS ließ mich nicht mehr los.

Was war denn der prägende Eindruck eurer Reise, welches Gefühl habt ihr mit nach Hause genommen?

Win: Wir sind von The Woodlands weiter in Richtung New Orleans gefahren, die Entfernung dorthin ist sehr kurz. Was mich wirklich verblüfft hat, war, dass rund um New Orleans diese beispiellose kreolische Kultur blüht. Das gibt es nur dort. Und dann fährst Du wieder zurück nach Houston, und es könnte überall sein. Ich sehe oft Fotos und frage mich: „Wo ist das? Berlin? Montreal? The Woodlands?“ Es sieht überall gleich aus. Mir ging es darum, in den Songs der Frage nachzuspüren, warum es so ist, dass dieser Ort, wo ich herkomme, etwas so Unspezifisches hat.

In „Suburban War“ geht es um alte Freunde. Hast Du noch Kontakt zu Deinen früheren Weggefährten?

Win: Mein Bruder Will und ich hatten eine sehr zerrissene Kindheit. Als wir nach Houston zogen, waren wir noch klein. Wir haben dort dann unsere coming-of-age-Jahre verbracht, danach ging es für mich mit 15 nach New England auf die boarding school. Ich habe noch Freunde in Texas, oder sagen wir: Ich habe noch Kontakte dort. Aber viele Kontakte sind auch abgerissen, weil wir ja quasi eine Kindheit auf der Durchreise hatten. Ich wollte darüber schreiben, wie man sich von Menschen, mit denen man prägende Erfahrungen gemacht hat, entfernt. In dem Moment, in dem es passiert, merkt man es nicht. Erst in der Rückschau ergibt sich ja diese Perspektive.

Ihr habt es bereits gesagt: Zwei Songs waren schon fertig, bevor ihr eure Reise im letzten Sommer unternommen habt. In einem der beiden, „Month Of May“, heißt es: „2009, 2010 / I wanna make a record, how I felt then“. Ist die Musik euer Tagebuch?

Régine: (lacht) Wahrscheinlich. Auch wenn die Band ruht – wir beide machen ja immer Musik. Erst gestern haben wir im Wohnzimmer zusammen Musik gemacht. Wir schreiben ständig, mein Kopf quillt über vor Songs.

Win: Die längere Pause war sehr wichtig für uns, ich war nach der NEON BIBLE-Tour extrem ausgepowert. Klar, wir kamen immer mal wieder zusammen, aber im Grunde haben meistens nur Régine und ich zusammen Musik gemacht. Es gab jedenfalls keinen Plan für ein Album. Wir waren einfach viel zuhause. Nun ist es so, dass die langen Winter in Montreal die totale Hölle sein können. Da wir zuvor unentwegt auf Tour waren, hatten wir die Erfahrung dieses extremen Montreal-Winters lange nicht, wir waren einfach nicht mehr im Jahreszeitenmodus. Und dann kamen der Mai und die Sonne. Es hat beinah etwas Gewalttätiges, wenn man so lange eingesperrt ist. Und es ist genau so extrem, wenn in Montreal der Frühling kommt, und plötzlich alle mit diesem Leuchten in den Augen draußen herumrennen. Den Song, über den du sprichst, habe ich im Mai 2009 geschrieben, und wir haben ihn im Mai 2009 aufgenommen. Ich wollte dieses plötzliche Aufbruchsgefühl unbedingt festhalten.

Ihr klingt nicht mehr so wütend wie auf NEON BIBLE, und ich finde, dass euch das sehr gut tut, weil die Musik so wieder poetischer und rätselhafter wird. Fühlt ihr euch heute als Band wieder wohler als vor zwei, drei Jahren?

Win: Es ist ja alles so viel größer geworden, als wir uns je hätten träumen lassen. Ich weiß, was für ein Glück wir dabei haben: Unsere Musik ist genau so, wie wir sie haben wollen, es gibt da keine Kompromisse, keine falsche Poppigkeit. Die Zeit nach der Veröffentlichung von FUNERAL war heftig: Gestern noch saßen wir im kleinen Tourbus, Tags drauf spielten wir schon mit David Bowie. Zur Zeit von NEON BIBLE reagierten wir wohl schon auf all das. Wir haben mit NEON BIBLE versucht, herauszufinden, womit wir uns noch wohl fühlen, aber so ganz bei uns waren wir damals womöglich nicht.

Régine: Wir waren zuletzt wirklich ein bisschen wie in einem Korsett gefangen. Aber es hat geholfen, nach der Platte nach Hause zu kommen und auszuruhen. Ich will weiterkommen, nicht im karrieristischen Sinn, sondern als Künstlerin. Und heute fühle ich mich weiter als noch vor drei Jahren.

Win: Wir haben beim letzten Mal ein bisschen so getan, als wären wir immer noch eine kleine Band. Das sind wir aber nicht mehr. Wir hatten Angst, zu Celebrities zu mutieren und haben mit aller Kraft versucht, dem entgegenzusteuern. Aber das ist zugleich sehr problematisch, weil man sich dann nicht mehr seinem Erfolg angemessen verhält. Wir wissen inzwischen, dass wir ohnehin keine Celebrities werden, weil uns das nicht interessiert. Dieses Mal sind wir deutlich mehr im Einklang mit uns, auch im Einklang mit unserer Größe. Wir können unseren Erfolg heute mit all seinen Konsequenzen akzeptieren. Beim letzten Mal sind wir noch sehr dagegen angerannt.

Nur ein einziger Hördurchgang ist jedem Journalisten vor dem Gespräch mit Win und Régine an diesem Juniabend gestattet. Ein Umstand, für den Win nicht müde wird, sich zu entschuldigen. Es sei definitiv nicht ihre Idee gewesen, die Presse so abzuspeisen, betont er mehrfach. Und tatsächlich wird man von diesem bislang längsten und variantenreichsten Album beim ersten Durchhören ziemlich erschlagen.

THE SUBURBS, das dritte Album, das Arcade Fire seit 2004 veröffentlichen, nimmt den Hörer mit auf eine lange Reise. Eine Reise in die Vororte von Houston, in die Woodlands. Aber mindestens genauso sehr auf eine Reise in die Vororte der menschlichen Seele. Wie schon auf FUNERAL finden Arcade Fire das Große im Kleinen. Die alten Themen tauchen wieder auf: Unschuldsverlust, Kindheit und der Versuch, das Pure, Reine zu verteidigen.

Im Grunde war es ja der einzige Weg, den die Band nach der düsteren Wirklichkeitsvermessung NEON BIBLE gehen konnte: Zurück zu ihrem Stammthema – aber bitte mit neuen musikalischen Mitteln. So wird THE SUBURBS zum großen Zurück nach Vorne: Vom titelgebenden, noch mild sentimentalistischen Auftaktschunkler „The Suburbs“ über den spukigen Folkrock von „Rococo“ oder das an Love und die Byrds gemahnende „Suburban War“, bis hin zu Dreampop-Kloppern wie „Half Light I“ und die irrlichternde Disco-Nummer „Sprawl II (Mountains Beyond Mountains)“ – es ist ein Album der Stimmungsschwankungen, und dennoch (oder gerade deshalb) scheint die Band wieder ganz bei sich zu sein.

Ständig buhlen Zeilen um die Aufmerksamkeit des Hörers: „The past won’t rest“ heißt es in „Suburban War“, und auf der ersten UK-Single „We Used To Wait“ singt Butler: „Now our lives are changing fast / Hope that something pure can last“. THE SUBURBS gleich beim ersten Mal zu erfassen ist schlichtweg unmöglich; es ist eines jener Alben, das auch beim fünfzigsten Hören noch Überraschungen bereithalten dürfte. Es wäre naheliegend, zu fragen, ob THE SUBURBS ein Konzeptalbum ist. Aber das ist müßig, schließlich ist letztlich jedes Abum ein Konzeptalbum. Große Referenzen kommen Butler dennoch in den Sinn.

Win: London Calling war ein wichtiger Bezug für uns. Und mein ewiges Lieblingsalbum Blonde On Blonde. Jedes Mal, wenn ich die Platte höre, entdecke ich etwas Neues. „Oh, das ist da drauf? Wie heißt der und der Song noch mal?“. So etwas fasziniert mich. Das sind überfordernde Alben, denen man sich im Lauf seines Lebens auf immer neue Art nähern kann.

Der Niedergang der Kunstform Album kümmert euch also herzlich wenig?

Régine: Ich liebe Alben, ich werde immer Alben machen wollen. Was andere tun, ist mir da ziemlich egal. Bestimmte Sachen kannst Du eben nur machen, wenn Du Zeit hast. Ein Album ist perfekt, um ein Thema aus verschiedenen Ecken zu beleuchten.

Win: Na ja, die beiden eben von mir genannten Platten sind zur LP-Zeit entstanden. Man konnte sie dreimal umdrehen und hatte diese 20-Minuten-Blöcke. Das war schon gut. Heute muss man auf den Fluss eines so langen Albums eine noch höhere Aufmerksamkeit verwenden, weil man ja einen längeren durchlaufenden Zeitraum verwalten muss.

Vieles auf THE SUBURBS rankt sich um eure Stammthemen Kindheit und Unschuld. Ist die Platte, bei aller musikalischen Veränderung, thematisch wieder mehr verwandt mit funeral als mit NEON BIBLE?

Régine: Ich glaube, die Verbindung zu FUNERAL ist schon sehr stark, ja.

Win: Ja, was die Texte angeht, stimmt das schon. Ich muss aber noch mehr an unsere erste EP denken. Ein Stück wie „Vampire/Forcefire“ hätte perfekt auf THE SUBURBS gepasst. Wir haben ja erst drei Alben gemacht, aber die Themen scheinen tatsächlich wieder zu kommen.

Régine: Vielleicht geht es nur mir so, aber ich hatte mit NEON BIBLE ja so meine Probleme. Mir hat zwischen all der Agitation und den Zustandsbeschreibungen ein bisschen das Geheimnis gefehlt. THE SUBURBS klingt für mich nun wieder deutlich intuitiver, weniger nach Plan. Es ist ein Album, das sich wieder mehr aus dem Unbewussten zu speisen scheint.

Win: Ich weiß nicht … Wer weiß schon, wo Songs herkommen? Ich kann nur sagen: Es ist die Verantwortung einer Band oder eines Musikers, das zu tun, was der Song verlangt. Man kann nur über sein Leben schreiben, selbst wenn man völlig fiktionale Texte schreibt, entstammt diese Fiktion doch dem Leben, das man führt. Selbst die verrückteste Idee entspringt doch immer dem profanen Dasein, das man gerade führt. Mit etwas Glück schreibt man ab und zu einen Song. Danach ist es meine Pflicht als Künstler, sorgsam mit diesem Song umzugehen. „Intervention“ auf der letzten Platte war von vornherein ein Song, der etwas sehr Großes verlangt hat, es ging schließlich um Kirche und um die Situation eines Landes. So ein Song muss dann auch eine Kirchenorgel haben! Aber das geht nicht immer, und deshalb klingt vieles auf der neuen Platte auch karger. „Modern Man“ oder „Month Of May“ hatten das Reduzierte schon von Anfang an in ihrer DNA, es wäre blödsinnig gewesen, das aufzublasen.

Du hast „Modern Man“ erwähnt. Wieder ein interessanter Text. Du singst: „I know we are the chosen few / but we wasted and that’s why we are still waiting“. Worum geht es da?

Win: Es geht darum, gesagt zu bekommen, dass man warten muss, dass man sich in die Schlange stellen soll. Das hat etwas sehr Rigides, was in diesen so freien Zeiten ja geradezu ironisch wirkt. Es geht um Zwänge und darum, sich daraus zu befreien. Es geht aber auch darum, dass das oft unmöglich ist.

Also der Einzelne und die Zeit, in der er lebt. Ihr habt ja zu NEON BIBLE-Zeiten viel über die Weltlage gesprochen. Das Album war eure bittere Bestandsaufnahme der zweiten Bush-Amtszeit. Konsequenterweise habt ihr ja auch einige Auftritte für Barack Obama gespielt. Seht ihr die Dinge heute wieder optimistischer? Ist das große Ganze überhaupt gerade noch euer Thema?

Régine: (nach langem Zögern) Ich weiß nicht. Es ist ein neues Jahrzehnt, und ich denke positiv.

Du willst nicht euphorisch klingen, was?

Régine: Ach … ich mag einfach nicht zurückschauen. Die Zeit, die wir auf NEON BIBLE abgebildet haben, war sehr hart. Mir geht es als Künstlerin darum, immer weiterzugehen.

Win: Mich plagt derzeit anderes. Im Großen und Ganzen ist das heute für einen jungen Menschen in der westlichen Welt die beste Zeit, um am Leben zu sein. Vieles ist aber bei näherem Hinsehen der blanke Horror: Diese ganze Kommerzialität – jeder versucht, einem etwas zu verkaufen. Man kann heute sehr leicht ein Leben führen, das leer ist, weil es auf diesen falschen Verheißungen beruht. Auf der anderen Seite gibt es die Verführungen von Hipness und Coolness, auch das ist völlig leer. Das sind die beiden Pole zwischen denen sich junge Menschen heute entscheiden können. Das zu navigieren ist eine große Aufgabe. Mir hilft es ganz gut, ab und zu absichtlich mein Handy zu verlieren (lacht).

Ihr seid keine allzu großen Fans des Internets, was?

Régine: Es dauert zwei Sekunden und man hat jede Information. Aber bloß, weil man etwas auch bekommen kann, heißt es nicht, dass man sich damit besser fühlt. Das ist doch kein Wert.

Win: Gerade in Bezug auf Musik interessiert mich das nicht. Mir wäre es viel zu anstrengend, jedes Detail über mich zu twittern. Ich finde ja schon die ganze Mailerei schlimm: Morgens nach dem Aufstehen checkt man seine E-Mails – und abends vor dem Zubettgehen ist es das Letzte, was man tut. Aber die Leute vergessen, dass sie die Wahl haben!

Hat man denn wirklich die Wahl? Kann man sich da überhaupt noch abkoppeln? Erzählst Du nicht in „Modern Man“ davon, wie verhaftet man allem ist?

Win: Ja, man hat auf jeden Fall die Wahl! Klar, es gibt viel Druck, so leben zu müssen. Zum Geschäftemachen ist es auch sicher wahnsinnig sinnvoll, ständig erreichbar zu sein. Aber wie gesagt: Sein Handy zu verlieren, kann eine wahnsinnige Befreiung sein!

Die Zeit ist um. Win entschuldigt sich noch mal für die erschwerten Abhörbedingungen des Albums. Und fügt beinahe ohne jede Koketterie hinzu, man sei eben noch nicht Radiohead. Zum Schluss noch eine zentrale Frage: die Unschuldsfrage. „Hope that something pure can last“, singt er in „We Used To Wait“ – eine Zeile, die über dem Gesamtwerk von Arcade Fire prangen könnte. Kann denn etwas Reines bleiben?

Win überlegt. Sagt sein schweres „Ähhhhmmm …“, grinst dann und antwortet: „Hope so“.

Albumkritik S. 90

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