Hotlist 2026: Die besten Newcomer:innen des neuen Jahres
Wie wird 2026 klingen, wer sind die Acts, auf die man Auge machen sollte? Die Glaskugel ist frisch poliert, schaut rein!
Florence Road
Aus Versehen Role Model
Mit 12 schlossen sie in der Schule in der Florence Road im irischen Bray Freundschaft. Mit 17 gründeten sie eine Band. Mit Anfang 20 sind die vier Musikerinnen die vielleicht aufregendste junge Gitarrenband Irlands.
September 2025. Reeperbahn Festival. Molotow Club. Kurz nach 22:30 Uhr. Florence Road schlendern auf die Bühne und werden von einer euphorischen ersten Reihe begrüßt. Lily Aron, Emma Brandon, Ailbhe Barry und Hannah Kelly beginnen mit „Figure It Out“. Ein kratziger, verzweifelt-schöner Song der Debüt-EP FALL BACK über eine junge Liebe, in der die Gefühle nicht so recht passen wollen – ein Lied übrigens, das die Band komplett allein geschrieben hat. Dass wir das so ausdrücklich betonen, liegt an all den Pappnasen im Internet, die Florence Road wahlweise für eine „Industry Plant“ oder für eine TikTok-Band halten.
An diesem Abend auf dem Reeperbahn Festival sieht man vor allem, dass Florence Road eine Band of Sisters sind. Eine Gang, die gerade die Zeit ihres Lebens hat. Dem amerikanischen „Rolling Stone“ sagte Sängerin und Gitarristin Lily: „Wenn ich mit den Dreien auf der Bühne stehe, fühle ich sofort eine tiefe Ruhe in mir. Ich denke mir einfach: ‚Das ist die größte Sache, die gerade in meinem Leben passiert, aber ich bin mit meinen Freundinnen zusammen und deshalb ist alles chill.’“
Florence Road sind also eher ein toller Live-Act – aber die Sache mit der TikTok-Band stimmt trotzdem. Tatsächlich wurde die Welt durch ein – laut Band „ganz okayes, aber nicht wirklich gutes, schnell rausgespieltes“ – Cover von Paramores „Hard Times“ auf sie aufmerksam. Da schrieben sie zwar schon jahrelang eigene Songs, probten fast täglich in einem umgebauten Schuppen, spielten Konzerte in Dublin und Umgebung – aber Cover ziehen auf TikTok halt besser. Bei Florence Road kam auch noch die Kameraperspektive dazu: Sie schaffen es immer wieder, sich zu viert in ein Hochkant-Handy-Format zu quetschen, stellen das Blitzlicht an, schalten die Kamera auf die weirde 0.5-Perspektive und legen mit viel Leidenschaft und Selbstironie los.
Ab da lief es wirklich sehr rund: Ihr Label Warner flog sie nach Los Angeles, wo sie die fünf Songs ihrer EP mit Top-Produzenten und manchmal auch Co-Songwritern aufnahmen: Charli-XCX-Produzent John Hill zum Beispiel, Marshall Vore (Phoebe Bridgers) und Olivia Rodrigos Sparrings-Partner und Produzent Daniel Nigro. Rodrigo selbst fand übrigens das „Obsessed“-Cover von Florence Road so toll, dass sie die Band für ihre UK-Gigs ins Vorprogramm einlud.
Zurück ins Molotow Hamburg: Hier spielen Florence Road knapp 30 Minuten Songs, die einerseits jung und jetztzeitlich sind, andererseits 90s-Legacy-Acts anklingen lassen, wie Letters To Cleo und in den besten Songs – „Goodnight“ und „Break The Girl“ – die junge Alanis Morissette. Herzerwärmend ist aber vor allem die bereits erwähnte erste Reihe: Fünfzehn junge Frauen zwischen 16 und 20, die mit strahlenden Augen jede Zeile mitsingen. Wer das gesehen hat, der wusste: Die Zukunft der Indie-Gitarrenmusik wurde 2025 nicht auf den Konzerten von Radiohead oder Oasis gesichert, sondern genau hier, von diesen vier jungen Musikerinnen und ihren Fans.
Text: Daniel Koch
Woher: Bray und Umgebung (Irland, County Wicklow)
Für Fans von: Paramore, The Last Dinner Party, enge Freundschaften, dem Soundtrack von „10 Dinge, die ich an dir hasse“, Alanis Morissette
Anspieltipp: „Break The Girl“
Neue Musik: die neue EP „Spring Forward“ erschien am 13.2.
Live: große Europa-Tour im Mai, u.a. 2.5. Köln und 3.5. Berlin
Nils Keppel
Retro, Rausch und Revolution!
Nils Keppel zitiert sich auf seinem ersten Album einmal durchs halbe Wave-Postpunk-Universum. Klingen tut das trotzdem, als würde man Derartiges zum ersten Mal hören.
Das Debütalbum von Nils Keppel kann man leicht mit einem „Klingt halt wie“ abtun. Klingt wie Drangsal, klingt wie Betterov, klingt wie Edwin Rosen. Und bei denen konnte man ja auch schon „Klingt wie“ sagen – The Smiths, The Cure, Depeche Mode. Wenn man es beim müden Referenzenaufzählen belässt, entgeht einem aber, wie geil und dann eben doch speziell diese Variante von deutschsprachigem Wave-Postpunk ist. Nils Keppel hat auf seinem Debütalbum mit dem sehr guten Titel SUPER SONIC YOUTH (noch eine Referenz!) elf Songs versammelt, die direkt aus einem schön ausstaffierten Paralleluniversum herübergeweht kommen. Verraucht, mit viel Plüsch und guten Drogen und der richtigen Dosis urbanem, mondänem Siff.
Das klingt schon nach NNDW, im Gesamten. Produziert hat Lukas Korn, der schon den Sound unter anderem für Drangsal und für Mia Morgan gebastelt hat. Im Einzelnen aber hat fast jeder der elf Songs mindestens eine Idee, die Drangsal, Betterov und Edwin Rosen nicht hatten (die hatten dafür andere, aber nicht in dieser Ballung): Da ist der Drang, mit dem sich Synthie, Orgelartiges und Gitarre in „Platzangst“ ineinanderdrehen. Das kurze 90s-Breakbeat-Geballer am Ende von „Keine Zukunft“. Die arg berührende Gesangsmelodie von „Fremder Traum“. Der Stampfrhythmus in „Taperfade“, an dessen Ende die verträumt-melancholische Jungenstimme im Gitarrennoise versinkt. Der verschlafene Gesang in „Feuer“. Der psychedelische Kitsch des Titelsongs.
Die Texte drehen sich um Erinnerungen an Zeiten, die intensiv, exzesshaft und verwirrend gewesen sind. „Wenn ich mich an die Jahre erinnere, sind die wie eine zähe Masse, ein Knäuel, das ich kaum entzerren kann“, sagt Keppel. Die Musik klingt, als hätte sie damals vielleicht geholfen, das Unüberschaubare und Verwirrende handhabbarer zu machen. Vielleicht ist das auch das Besondere an der Retro-Ästhetik von Nils Keppel. Die Musik, die hier eingeflossen ist, wird nicht einfach wiederholt, sondern erinnert. Und weil Erinnerung immer unzuverlässig ist und sich manchmal tatsächlich wie ein fremder Traum anfühlt, wird auf SUPER SONIC YOUTH auch nichts einfach reproduziert, sondern sozusagen wieder emporgeholt und durch den subjektiven Filter verwandelt.
Keppels erstes Album klingt nicht komplett neu, und trotzdem wirken die Songs allesamt so, als würde man Derartiges zum ersten Mal hören. Das muss man in Zeiten von allgegenwärtiger Retromania erst mal schaffen.
Text: Benjamin Moldenhauer
Woher: früher Südpfalz, heute Leipzig
Für Fans von: 1985, Drangsal, Betterov, Edwin Rosen, verrauchte Jugendzimmer
Anspieltipps: „Fremder Traum“, „Keine Zukunft“
Neue Musik: das Debütalbum SUPER SONIC YOUTH erschien am 13.2.
Live: große Tour im März mit 14 Stopps in ganz Deutschland, plus Österreich und Schweiz







