Oliver Harris über Integration und Patriotismus

Harris, wann wurden Sie das letzte Mal mit Vorurteilen konfrontiert?
(lacht) Gestern im ICE. Ich gehe in die erste Klasse, so wie immer, und ein Mitarbeiter kommt auf mich zu und sagt: „Das ist hier die erste Klasse, nicht die zweite!“

Was geht Ihnen in solch einer Situation durch den Kopf?

Ich denke mir: Schade. Ich würde behaupte, in Holland oder in Frankreich ist das nicht so. Dort sind dunkelhäutige Menschen schon lange ein Teil der Gesellschaft. Sieh dir deren Fußball-Nationalmannschaften an. Zu der Zeit, wo dort schon Tunesier und Algerier gespielt haben, waren bei uns noch alle blond und blauäugig. Bei uns kam das erst vor vier Jahren bei der WM, dass man sich gesagt hat, wir haben Deutsch-Türken, Deutsch-Polen, Deutsch-Araber. Die gehören genauso zu diesem Land.

In ihrem Song „Nur ein Augenblick“ sagen Sie, sie seien Patriot mit einer gesunden Portion Nationalbewusstsein.

Nationalbewusstsein heißt, dass man sich für die Interessen seines Landes interessiert. Es regt mich auf, wie es hier läuft, dass man immer aufpassen muss, was man sagt. Kompletter Schwachsinn. Für mich ist ein Patriot jemand, der daran glaubt, dass es besser werden kann.

Was muss sich dafür ändern?

Es ist sehr wichtig, dass nicht an Schulen und Kindergärten gespart wird. Es geht darum zu verstehen, dass die meisten nicht nur kurz in dieses Land kommen. Oft heißt es, sie wollen wieder in ihre Heimat zurück. Doch du bist jetzt hier. Also lerne verdammt noch mal Deutsch. Sonst wirst du keinen Anschluss finden. Das muss schon im Kindergarten anfangen. Du kannst einem 17-jährigen Prototyp-Kanaken nicht sagen: Lern mal Deutsch!. Da gibt es nichts mehr zu integrieren.

Was kann ein Musiker leisten, wenn die Politik nicht mehr weiter kommt?

Man kann sich nur stark machen. Ich habe beim Projekt „Raus mit der Sprache“ mitgemacht. Ich kann anbieten, mich mit anderen zusammen zu setzen. Ich kann Anregungen geben, weil ich dort herkomme. Und ich kann Songs schreiben. Aber solange ich mich nicht als Bürgermeister oder Innensenator zur Wahl stelle, hört da meine Macht auf.

Bei solchen Aktionen liegt der Verdacht nahe, dass Sie in erster Linie der eigenen Werbung dienen.

Über so etwas kann ich nur lachen. Ich habe bereits genug Platten verkauft. Natürlich behandelt der Song dieses super aktuelle Thema. Aber ich hatte den Song schon vor einem Jahr aufgenommen, noch vor der Sarrazin-Debatte. Mein Manager sagte mir, ich muss den Song raus bringen, weil viele Menschen so denken. Ich war erst zurückhaltend, weil ich das Gefühl hatte, man müsste dieses Thema mit Samthandschuhen anfassen.

Das machen Sie offensichtlich nicht mehr?

Nein, ich hatte keinen Bock mehr. Ausschlaggebend war meine Frau. Ich habe sie gefragt, worüber ich einen Song schreiben kann. Sie sagte, schreib über dein Lieblingsthema. Und ich dachte mir: Ja, geil, Deutschland. Doch ich wusste nicht, wie ich anfangen sollte. Dann habe ich zufällig eine Reportage in Fernsehen gesehen, über irgendwelche Kids, die sich in Diskos daneben benehmen. Dort hat ein Mädchen die Türsteher beschimpft, so: „Scheiss Deutscher, isch ficke deine Mutter.“ Da hatte ich mein Thema.

Sie wurden eingeladen, vor den deutschen Bundestag zu reden. Wie waren die Reaktionen der Politiker auf Ihr Engagement.

Durchweg positiv. Vielen ist wohl ein Stein vom Herzen gefallen, dass es endlich mal einer sagt, der auch noch schwarze Haare hat.

Fällt es Ihnen leichter, dieses sensible Thema anzusprechen?

Definitiv. Dabei ist es egal, dass ich Musiker bin. Wäre ich ein Musiker und blond und blauäugig, dann wäre meine Karriere vorbei. Würde Peter Fox so etwas sagen, wäre er weg vom Fenster.

In Ihrem Song rappen Sie „Dieses Land braucht keine Leute, die hier nicht sein wollen.“

Pass auf, bestes Beispiel: Du gehst in ein Club. Hast coole Sachen darüber gehört. Doch dann ist dir schon der Eintritt zu teuer, nur Typen dort, scheiß Musik, es läuft nur David Guetta. Was machst du? Du gehst wieder, in einen anderen Laden. Das ist eine logische Schlussfolgerung. Wenn es dir hier nicht gefällt, dann geh’ doch woanders hin. Und ob das jetzt von jemandem kommt, der blond und blauäugig ist, oder von mir, ist egal.

Zur Person:

Oliver Harris wurde 1976 als Sohn einer deutschen Mutter und eines US-amerikanischen Vaters in Berlin geboren. Gemeinsam mit Kollege Dean Dawson gründete er die Rap-Combo Spezializtz und gab mit dem Titel des G.B.Z.-Oholika-Alben, Gras, Becks und Zärtlichkeit, das Mantra der Berliner Hip-Hop-Kids der 90er vor. In den Nullerjahren folgten mehrere Soloplatten, Schauspielarrangements, eine Radiosendung und eine erfolgreiche Zusammenarbeit mit Sido unter dem Namen Deine Lieblings Rapper. Harris ist mit der der Sängerin Bintia verheiratet und hat zwei Kinder.


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