Popkolumne, Folge 128

Eintrittskarte, Geldbeutel, gute Laune – Paulas Popwoche im Überblick

von
Paula Irmschler
Paula Irmschler

Falsche Schuhe
Nix zu fressen
Bierdosenscheiße
Zu wenig Klamotten
Hässliche Klamotten
Nass gewordene Klamotten
Fremde Scheiße am Körper
Zeckenklatscher88 zwei Zelte weiter
Wasser umgekippt
Ohrenkneifer auf der Brust
Männer bewerten Frauenkörper von 1-10
Achtzehn Kilometer bis zum Gelände
8 Euro für 1 Getränk
Pissenmüssen, aber 1. Reihe
Freunde verloren aber kein Handy
& das alles wegen so Langweilerbands wie Billy Talent, Donots und The Subways
Aber es gibt auch schöne Momente

Ich fahre mal wieder auf ein Festival und ich war noch nie auf einem kleineren, angeblich alternativeren Festival, da soll ja Vieles anders sein. Aber trotzdem schiebe ich natürlich einen sogenannten Film. Die Checklisten tun ihr Übriges (dunkle Schokolade für den Stuhlgang?? Oder dagegen???). Doch dann zarte Hoffnung, dass Corona alles, was so ätzend an Festivals war, womöglich endgültig gekillt haben könnte? Das mit der Hygiene ist am Ende ja dann doch immer egal, dieser ganze Männerkultur hingegen …

Auf eine ganz unangenehme Weise beruhigend ist es da, dass zumindest RaR & Co. die Hoffnung darauf nicht aufgibt. Lieber Lieberberg, ich hoffe sehr für dich, dass ROCK AM RING 2008 nächstes Jahr endlich wieder stattfinden kann.

Doku der Woche: „Shiny_Flakes: The Teenage Drug Lord“

„How to sell drugs online (fast)“, die überambitionierte Netflixserie (gerade ist Staffel 3 erschienen) finde ich ja eher mittel. Umso erfreuter war ich über die Doku „Shiny_Flakes: The Teenage Drug Lord“ (auch Netflix), weil die ist richtig gut. Das liegt vor allem an Protagonist Max, dem echten Drogenverkäufer und Vorbild für die Serie, der 2015 (zu dem Zeitpunkt 20 Jahre alt) aufgeflogen ist, nachdem er aus seinem Jugendzimmer heraus einen Onlineshop für alle möglichen Pillen, Pulver und Medikamente aufgezogen hatte.

Die Regisseurin Eva Müller hat Max für die Doku mehrere Jahre lang begleitet und mit ihrem Team sogar sein Zimmer bis in jedes Detail nachgebaut. Dort spielt Max einige Situationen selbst nach, wie er chattet und den Shop einrichtet, die Drogen abwiegt, unzählige Umschläge packt und schließlich überfordert Nächte durchmacht. Dazu erzählt er bereitwillig und nicht ohne Stolz die ganze Geschichte. Dazu werden sein damaliger Strafverteidiger, der Direktor der JVA Leipzig, der Oberstaatsanwalt und ein psychologischer Sachverständiger interviewt. Bemerkenswert ist, dass Max sich zur Verschleierung seiner Geschäfte nicht allzu viel Mühe gegeben hat, sein Shop war ganz normal über Google zu finden und nicht im Darknet.

Für dieses feiste Lachen lieben wir Kriminelle den Max aus Sachsen

Wie peinlich es für die Ermittlungsbehörden, für die Internet bis heute fremdes Terrain ist, ist, dass sie ihm lange nicht auf die Schliche kommen konnten, ist zumindest in diesem Fall ziemlich amüsant; wenn sie mal wieder rechten Gruppierungen nicht auf die Schliche kommen wollen, eher nicht. Auch ist krass, wie sehr alle Interviewten versuchen, ihre Moralvorstellungen zu bemühen, wie sie es nicht aushalten, wie dreist Max vorgegangen ist und wie wenig er seine Taten zu bereuen scheint. Weil diese Leute denken, dass man etwas falsch finden muss, allein weil es illegal ist, weil sie selbst ein sinnlos emotionales Verhältnis zu Gesetzen haben. Keiner fragt den Kioskverkäufer, ob er ein schlechtes Gewissen hat, wenn er Schnaps verkauft, bei Max wird diese Frage immer wieder gestellt und an keiner Stelle wird die schiefe Drogenpolitik hinterfragt.

Erst im Juli wurde übrigens bekannt, dass es erneut Ermittlungen gegen Max und andere gibt. Sie sollen versucht haben, einen neuen Online-Drogenshop aufzumachen.

Twitteraccount der Woche

Letztens hab ich Dennis Aogo im Fernsehen gesehen und gedacht: Wow, dieser 22-Jährige ist schon in Rente. Aogo ist 34, was in etwa das gleiche ist. Aber er sieht halt jung aus wie Sau, noch jünger. Dann bin ich zur Beruhigung auf meinen aktuell liebsten Twitteraccount gegangen: „80’s Footballers Ageing Badly“. Was war denn damals eigentlich los? 25-Jährige sahen aus wie fucking 50? Zu viel Alkohol, schlechtes Wasser, miese Fotoquali? Aber wenn ich so zurückdenke, kamen mir diese Fußballheinis als ich Kind war auch wirklich megaalt vor. Mit diesen komischen Frisuren und Bärten. Generell waren sie onkeliger und nicht so diese Diskoguys wie heute. Jedenfalls haben sie mir ein falsches Bild von Leuten in ihren 30ern vermittelt. Heute weiß ich, dass wir noch megajung sind, cool und lässig, einfach nais. Der Account ist ist auf jeden Fall höchstamüsant, man kann auch abstimmen wer am schlechtesten gealtert ist.

Internetseite der Woche: Nestflix

Als es dieses verdammte Internet noch nicht gab und man noch nicht googlen konnte… Da dachte ich noch, dass es die Filme / Serien / Shows, die in anderen Filmen / Serien / Shows vorkamen wirklich gibt und habe versucht, sie mir zu merken. Wichtige popkulturelle Referenzen, dachte ich, auch wenn ich das Wort „Referenzen“ noch nicht kannte, bestimmt wird das auch mal gesendet und dann würde ich schon Bescheid wissen. Sehr viel später erst gecheckt, dass das meiste Zeug natürlich erfunden ist, beziehungsweise das Sahnehäubchen auf der ohnehin vorhandenen Kreativität.

Die Internetseite www.nestflix.fun/ (in Netflix-Optik) versammelt genau diese Formate, die sich in anderen Formaten finden und teasert sie mit Text und Screenshots an. Erfunden hat das Ganze die Webdesignerin Lynn Fischer, die nun mit dem Einstellen nicht mehr hinterherkommt, weil sie mittlerweile zu viele Einsendungen bekommt. Aber coolerweise hat man jetzt eine schon beachtliche Enzyklopädie der Formate, die es leider nie gegeben hat, oder noch nicht.

Serie der Woche: „Cooking With Paris“

„Cooking with Paris“ kam „bei der Kritik“ nicht so gut an. Zum Glück ist mir „die Kritik“ nicht so wichtig und ich habe sie mir komplett reingezogen. Ich finde, es könnte eine richtig gute Kochshow sein, wenn nicht ein paar Sachen falsch gemacht würden. Und wenn ich schreibe „richtig gute Kochshow“, dann bedeutet das was, weil mich interessieren Kochshows sonst einen feuchten Kehricht. Also erstens haben wir in der Doku „This Is Paris“ aus dem vergangenen Jahr schon gelernt, dass Paris natürlich ziemlich klug und reflektiert ist und normal sprechen kann. Wenn sie jetzt so knietscht und läbbert ist das okay und witzig und eben ihr Ding, aber manchmal wird es zu oft reingeschnitten, so dass es affig wird. Dass sie das Wort „Sliving“ etablieren will, hat man zum Beispiel schon nach den ersten 176 Malen verstanden. Leider fallen, zweitens, auch die guten Momente diesen Blödmomenten zum Opfer: Es ist zum Beispiel immer sehr lustig, wenn sie vorm Kochen einkaufen geht, es macht Spaß ihr beim Vorbereiten der Speisen zuzusehen, wenn noch kein Gast da ist, außerdem wird der Speiseraum immer großartig dekoriert und es entstehen gute Gesprächsmomente. Das alles wird immer zu sehr gekürzt. Drittens ist auch die Gastauswahl nur in der Hälfte der Folgen passend. Wenn sie mit ihrer alten Freundin Kim Kardashian, mit Demi Lovato oder ihrer Mutter und Schwester kocht, funktioniert die Sendung am Besten, dann spricht Paris auch mal ganz normal und wirkt interessiert. Wenn Fangirls wie Nikki Glaser oder Lele Pons, mit denen sie offensichtlich nichts zu bereden hat, zu Gast sind, ist es eher unangenehm. Ich fürchte es wird wegen „der Kritik“ keine zweite Staffel geben, ich hoffe aber doch, weil viel Potenzial da ist.

Lied der Woche

„Rumours“ von Lizzo und Cardi B, was denn sonst, hä?

Meme der Woche

Bis zum nächsten Mal, wenn ich dann immer noch Rücken vom Festival hab.

Was bisher geschah? Hier alle Popkolumnentexte im Überblick.

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