Kolumne

Paulas Popwoche: Du bist viral genuuuuug

Die Leute haben also Spaß mit dem Song, und KitschKrieg & Co. haben Erfolg – ist doch Win-Win, oder?

… okay, die Referenz checken jetzt wieder nur Leute, die bei Instagram und TikTok das entsprechende Target sind. Ich bin es offensichtlich, mein Freund zum Beispiel nicht. Zusammen mit Freund:innen lässt sich gut abchecken, ob der Eindruck wirklich stimmt, dass etwas „gerade viral geht“, ob etwas wirklich „bei allen auf der Timeline“ ist, ob wirklich „alle“ „nur“ über etwas „sprechen“.

Meine Online-Welt suggeriert mir bezüglich des neuen Songs von KitschKrieg mit Shirin David und Blumengarten genau das.

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Kurzer Check auf YouTube und Spotify und den dort meistgehörten Songs: In den jeweiligen Top 100 ist nichts von „Gut genug“ zu sehen. Auf YouTube Deutschland gibt es immerhin Platz 19, auf Spotify Germany sogar Platz 5 und in den guten alten deutschen Single-Charts Platz 8. „Alle“ reden also am ehesten über Ariana Grande, Taylor Swift, Shakira – und sehr viel über Michael Jackson. Dazu gleich mehr.

Es ist trotzdem nicht alles nur Kampagne, Algorithmus-Steuerung, „Clipping“ und eifrige Kommentar-Bots – spätestens seit dem, auch künstlich gesteuerten, Erfolg um die Band Geese wissen wir ja, wie es läuft.

Wir wussten es eigentlich auch schon seit den 90ern, als wir begriffen haben, dass die Heavy Rotation im Radio und Musikfernsehen kein „Zufall“ ist, kein Hype organisch, natürlich oder graswurzelmäßig gewachsen ist, sondern Plattenfirmen die Bezahler und Bestimmer sind.

Aber auch bei den kalkuliertesten Mainstream-Nummern will man nicht verarscht worden sein, falls man sie aus Versehen gut findet. Man ist doch selber schlau! Und „Gut genug“ finden wohl wirklich viele Leute gut. Mein Freund sagte „Och, süß“, als ich es ihm gezeigt habe.

Süß findet es auch DIE GANZE WELT – also auch ein paar Leute in Amerika, wie Kommentare und TikTok zeigen. Zumindest den kurzen Social-Media-Schnipsel.

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Denn was heute hilfreicher ist, als Leute immer wieder mit Songs im Radio und TV vollzuballern, ist, sie selbst zum Teil der Werbung zu machen – indem sie den Songschnipsel verwursteln können. Damit werden sie im Grunde auch Teil der Kunst, eine Art Co-Autor:innen im Nachhinein. Dafür hätte man dann eigentlich schon Kohle verdient.

Der Künstler Steve Lacy zum Beispiel war sicherlich auch hilfreich.

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Im englischsprachigen Raum singt man also DOOBIE SCOOT CANOE – auch wieder Anlass genug für KitschKrieg zur Verwurstelei.

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Schade eigentlich, Scooby Doo lag so nah daneben …

Und dann gibt es noch den sehr lustigen Move, aus „Gut genug“ „Arbeitszeitbetrug“ zu machen.

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Die Leute haben also Spaß mit dem Song, und KitschKrieg & Co. haben Erfolg – ist doch Win-Win, oder? Nur ist es eben auch so: Wenn wir jetzt schon ALLE mitmachen sollen, haben wir wohl auch ein Mitbestimmungsrecht darüber, was wir da groß machen, wen wir damit reich machen und was wir uns den lieben langen Tag reinfahren, oder?

Also wird auch ordentlich gemeckert.

Zum Beispiel gegen Shirin – Du bist normschön genuuuuug!

Die Kommentarspalten unter den Songs sind voller Kritik für ihren Part. Viele wollen nur Blumengarten, nur den Schnipsel. Ich persönlich traue nach dem, was Amber Heard und Blake Lively passiert ist, keinem Shitstorm gegen Frauen mehr, weil da auch gern künstlich manipuliert wird. Ein paar Rufe nach einer Version ohne Shirin werden allerdings sicher echt und original sein. Sie sei zu optimiert, klänge nicht passend – sowas in der Art. Das finde ich persönlich, als Mitkonsumentin und Mitbestimmerin, sehr beknackt. Shirin passt super, sie trägt den Song – außerdem funktioniert die Message gerade im Hinblick auf die Rumverkauferei, die ihn umwebt. Typen in Jacken sind nicht automatisch authentischer; sie wollen genauso ankommen, unser Geld und dazu rumsingen, wie Shirin.

Und gegen Blumengarten – Du bist bös genuuuuug!

Gegen Sänger Rayan gab es unlängst Vorwürfe von seiner Exfreundin über angebliche psychische Beziehungsgewalt und Ausbeutung dieser Beziehung in Songs. Für viele ist es dementsprechend schwer erträglich, dass einem der Typ nun wieder ungefragt ins Handy gespült wird, erneut mit seinem zarten Geseier. Verständlich.

Da hilft nur blocken und weiterhin betroffene Frauen im Umfeld supporten. Denn dass Leute, die Scheiße gebaut haben, abgefeiert und kapitalistisch erfolgreich werden, können wir nicht verhindern – wir haben es wirklich versucht, oder? Das schreibe ich bitter, mich daran erinnernd, wie groß Ronaldo gestern immer wieder auf meiner Mattscheibe auftauchte, auf der Timeline der alten Zeit, dem ZDF.

Leute, die unser Geld und unsere Zeit wollen, sind offenbar nicht immer gut. Lange wurde uns in this economy erzählt, dass wir dabei irgendwas zu sagen haben. Wir könnten mit unserer Kaufkraft irgendwas entscheiden, gar verbessern! Wir als Konsument:innen hätten irgendwas in der Hand. Was aber, wenn wir gar nicht losgehen und Blumengarten, Ronaldo und Michael Jackson einkaufen, sondern sie uns? Weil sie – egal, ob wir sie abonniert haben, egal, ob wir selbst eingeschaltet haben, egal, ob wir ins Kino gerannt sind – uns erwischen, in unserem Kopf sind und wir über sie reden oder über sie schreiben?

Mein Kopf raucht.

Fragen!

Ich hab noch mehr:

Hatten sie ALLE im Feuilleton damals Recht, als sie uns den Namen Smombie gaben? Wie aktiv wählen wir Kultur aus? Wer gehört gecancelt, und was bedeutet Canceln eigentlich wirklich? Ist der Grund, weshalb Leute von Michael Jackson nicht ablassen können, ganz banal, dass seine Musik einfach großartig war? Sollte es wirklich diesen geplanten Film über die Vergewaltigung geben, die Polanski angeblich in den 70ern begangen hat? Weshalb weiß ich überhaupt davon? Wenn ich nicht davon wüsste, wäre es in meiner Welt dann überhaupt ein Problem? Lügen Leute, wenn sie erzählen, Männer wären nach einem „Vorwurf“ erledigt, während Ronaldos Gesicht überall ist? Ist Ronaldo nur bei der WM dabei, weil so viele wegen ihm einschalten? Sind ALLE vielleicht doch eher böse? Oder sind ALLE diejenigen, die vor allem arbeiten gehen, andere reich machen und superviel gar nicht mitbekommen? Nehmen wir Kulturkonsument:innen uns wichtiger als wir sind? Halten wir das, was wir konsumieren, für progressiver als es ist, um uns besser zu fühlen? Gibt es deswegen schon wieder und immer mehr Dokus über Phänomene wie BRAVO und Tic Tac Toe und Britney, die so tun, als wäre das alles nicht vor allem Ausbeutung gewesen, sondern immer „seiner Zeit voraus“? Wollen wir glauben, dass uns vom Mainstream nicht einfach alles aufgedrückt wurde, sondern wir hehre Ziele beim Zugucken hatten? Gaukeln wir uns mit Shitstorms und Cancelaufrufen Entscheidungsfreiheit vor? Wollen wir unbedingt beweisen, dass wir nicht verarscht werden – vor allem jetzt, fünf Minuten vor der Übernahme dieser Märkte von KI?

Ich sag mal so: Jein. Ich muss weiter darüber nachdenken. In der nächsten Kolumne weiß ich vielleicht schon mehr, ich lese nämlich gerade das ein oder andere Buch … Bis dahin halte ich es mit Shirin – ob ich will oder nicht, sie ist in meinem Kopf:

„Heute geh’n wir Crashout“.

Paula Irmschler schreibt freiberuflich unter anderem für MUSIKEXPRESS. Weitere Artikel und das Autorenprofil gibt es hier.

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