Popstars im dritten Anlauf


Das Elektro-Duo Booka Shade hat Niederungen durchwatet.

Ein wenig paradox ist es: Da haben Walter Merzinger und Arno Kammermeier-zusammen das Elektronik-Duo Booka Shade und Mitbetreiber des einflussreichen Berliner Labels Get Physical-auf der letzten Tour beschlossen, ihr neues Album the sun & the neon light so anzugehen, dass es live richtig abgeht, und dann Musik produziert, die man auch zu Hause gern hört. Weil die Stücke nicht nur abstrakte Tracks, sondern richtige, zwischen Enthusiasmus und entrückter Traurigkeit changierende Songs sind, die auch jenseits der Tanzfläche funktionieren. Das gilt für das neue Album sogar noch mehr als für memento (2004) Und MOVEMENTS (2006).

Trotzdem beharrt Merzinger darauf, wie wichtig ihnen das Spielen vor Publikum ist: „Ein bisschen schreiben wir unsere Alben schon für die üue-Show, die Musik muss auf der Bühne funktionieren.“ Booka Shades energiegeladene Auftritte sind legendär und haben die beiden schon um die ganze Welt gebracht. Sogar die nicht sehr Elektronik-affinen Amerikaner lieben sie. Auch diesen So immer werden sie wieder auf diverse internationale Festivals fahren, von Glastonbury über Barcelona bis zu Rock am Ring. Über Letzteres freut sich Merzinger besonders -schon allein, weil sie auf dem Plakat neben Motörhead und Metallica stehen und er damit bei seinem Bruder, einem eingefleischten Rocker, angeben konnte.

Berührungsängste haben Booka Shade keine. Bei ihrer Geschichte wäre das auch seltsam. Die beiden kennen sich seit Schulzeiten, in musikalischer Hinsicht bezeichnen sie sich als Kinder der 80er. „Das hört man bei uns heute noch raus, diese ‚positive Melancholie‘.“ Anfang der 90er waren die beiden schon einmal Popstar-Material: als Synthiepop-Duo Planet Claire. Es war die Zeit der Boy Groups -„und uns wurde geraten, wir sollten mal über Dance-Steps nachdenken.“ Frustriert verabschiedeten sie sich von der Idee und stürzten sich in den Techno, begeistert von den neuen Produktions- und Vertriebswegen.Auf Umwegen landeten sie trotzdem im Mainstream: als Produzenten und Komponisten. Unter anderem Culture Beat und die No Angels standen in ihrer Kundenkartei.“Wir waren in dem Bereich wirklich ziemlich erfolgreich“, sagt Walter Merzinger,“bis uns klar wurde:, Hey, das ist überhaupt nicht mehr, weswegen wir angefangen haben, Musik zu machen. Wir sind jetzt einfach die Huren für irgendwelche Plattenfirmen.‘ Irgendwann ging das dann nicht mehr. Von einem Tag auf den anderen haben wir die Bremse gezogen. Es war nicht mehr auszuhalten.“ Der Rest ist die Booka-Shade-Geschichte, und die wird immer besser. Schön fürdie beiden, dass sich das Popstar-Dasein im dritten Anlauf endlich gut anfühlt.

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