Prince: Die Widersprüche eines Genies zwischen Funk, Glaube und Rebellion
Prince war voller Gegensätze – und genau deshalb bis heute unvergessen. Ein Rückblick.
Immer diese Widersprüche! Vor zehn Jahren, am 21. April 2016, starb Prince. Ein Pop-Genie. Ein Internet-Pionier, der Streaming ablehnt. Ein Weltstar, der sich benachteiligt fühlt. Ein Genderfluider, der den Zeugen Jehovas beitritt. Ein Queer-Vordenker mit homophoben Lyrics. Und als sonstige Pop-Prominenz „We Are The World“ aufnimmt, feiert er eine Party, die seinen Bodyguard in den Knast bringt. Schlimm? Nein. Denn Prince war Künstler. Und Kunst muss auf Eindeutigkeit verzichten. Auch, wenn es schmerzt.
Für alle, die es gerne eindeutig mögen, ist Prince so stressig wie ein Kompass, der sich unmittelbar neu ausrichtet, sobald man glaubt, den Norden gefunden zu haben. 1992 stellt er fest: Sein Name ist Prince, und er ist funky. „My name is Prince, the one and only.“ Ein paar Monate später verpasst er sich 1993 ein sprachlos machendes Symbol, das Weiblichkeit und Männlichkeit vereint. Genderfluid. 2001 tritt er der Sekte der Zeugen Jehovas bei, die eine furchtbar strenge Gender- und Sexualmoral vertritt. Unter anderem gilt Masturbation als „Unreinheit“, die zu beichten ist. Was die „Wachturm“-Truppe zu einer bemerkenswerten Glaubensgemeinschaft für jemanden wie Prince macht, der mit „Darling Nikki“ und „Jack U Off“ mindestens zwei offensichtliche Masturbationsmotivationslieder geschrieben hat. Textprobe aus „Darling Nikki“, letztes Stück der A-Seite von PURPLE RAIN, dem Prince-Pop-Blockbuster aus dem Jahr 1984: „I met her in a hotel lobby / Masturbating with a magazine.“ Zack – steht das Stück auf der von Tipper Gore entwickelten Liste der „Filthy Fifteen“, der 15 dreckigsten Popsongs, Ausgangspunkt für die „Parental Advisory“-Sticker, mit denen die tugendhafte Elternschaft vor Schweinereien auf Tonträgern zu warnen versucht.
Konsequent inkonsequent
Zurück zum Symbol: Aussprechen soll man es nicht, aber Emotionen soll es wecken. Damit ist das Symbol ein Emoji, lange bevor Emojis das Internet zu überfluten beginnen. Bereits ab 1981 nutzt Prince Shortcuts wie die 4 für „for“, U für „you“, B für „be“, das Friedenszeichen im Albumtitel von SIGN ☮ THE TIMES. Auch dieses „sensational spelling“ wird erst viele Jahre später in der Netzkultur zum Massenphänomen.
Stichwort Internet: Ein Album übers World Wide Web vertreibt Prince bereits Anfang 1997, da haben Radiohead noch nicht einmal eine Homepage. Ausgeliefert wird CRYSTAL BALL dann aber erst ein Jahr später, so lange muss man im Plattenladen um die Ecke nicht auf die Ware warten. Ab den Nullerjahren, Prince ist mittlerweile wieder Prince und immer noch funky, schimpft er regelmäßig über die in seinen Augen viel zu hohen CD-Preise. Als die CD so gut wie tot ist, lässt er seine Alben auf Zeitungen und Magazine kleben, um bald darauf über die Umsonst-Mentalität und Raubzüge der Streamingdienste zu wettern. Dem „Guardian“ sagt er 2015: „Nenn mir einen Musiker, der durch digitale Verkäufe reich geworden ist. Apple hingegen geht es blendend, nicht wahr?“ Konsequent: Er zieht seine Musik aus den Streamingdiensten zurück. Inkonsequent: Bei Tidal lässt er sie auf dem Server stehen, dem Service von Jay-Z. Zudem bietet er diesem Dienst im Mai 2015 exklusive Inhalte an, darunter auch eine frühe Version des Tracks „Baltimore“.
Prince schreibt den Track als Reaktion auf den Tod von Freddie Gray, der, 25 Jahre alt, im April 2015 nach seiner Festnahme in Gewahrsam der Polizei stirbt, was in seiner Heimatstadt Baltimore Proteste gegen Rassismus und Polizeigewalt auslöst. „Peace is more than the absence of war“, singt Prince. „If there ain’t no justice then there ain’t no peace.“ Eindeutig ein Protestsong, oder?
Prince vs. The Beatles
Kurz nach der Veröffentlichung war die US-Autorin Kelley Carter, Aktivistin für Schwarzen Journalismus, Teil einer Runde, die ein paar Stunden mit Prince verbringen durfte. „Er hatte die Schnauze voll“, erinnert sich Carter später in einem Posting an die Begegnung mit Prince. „Er sagte, er habe den institutionalisierten Rassismus satt.“ Und: „Er erklärte deutlich, dass er sich als Künstler ausgenutzt fühlte. Er war sich seiner Einflussnahme sehr wohl bewusst.“ Lenny Kravitz sei zu Lenny Kravitz geworden, nachdem er Prince gesehen hatte. Neue Künstler:innen der Schwarzen Musik orientierten sich an ihm, begriffen ihn als ihren Mentor. Dort aber, schreibt Carter, wo er die Anerkennung am meisten suchte, habe er sie in seinen Augen nicht bekommen. „Er fühlte sich von der großen Mainstream-Welt nicht genug geschätzt.“ Von der Musikindustrie, die über das große Geld verfügt, die Karrieren kontrolliert und den Preis für Musik festsetzt. Kelley Carter erinnert sich: „Offen, ehrlich und ohne Umschweife sprach Prince über seinen Kampf mit Plattenfirmen (er verglich Musikverträge mit Sklaverei) und äußerte seine Enttäuschung über Streamingdienste, die ihm nur einen Bruchteil dessen boten, was sie für den Beatles-Katalog bezahlten.“ Jemand habe Prince dann gefragt, ob er glaube, dass dieser Pay-Gap daran liege, dass er Schwarz und die Beatles weiß seien. Carter erinnert sich an die Reaktion: „Prince warf uns allen einen Blick zu, der so viel bedeutete wie: „Was glaubt ihr denn?““
„If there ain’t no justice then there ain’t no peace.“ Ein Protestsong, das ja. Aber eben nicht eindeutig im Sinne, dass es nur eine Deutung gibt. Bei „Baltimore“ geht es eben nicht nur um den tragischen Tod von Freddie Gray, sondern auch um das persönliche Ungerechtigkeitsgefühl von Prince. Um eine von ihm erlebte Diskriminierung. Nicht an der Supermarktkasse. Sondern mit Blick auf die Frage, wie viele Millionen der Katalog denn nun wert ist. Diese zweite Ebene macht „Baltimore“ nicht weniger dringlich. Und noch einmal deutlich interessanter. Weil Prince nicht nur über die Umstände singt. Sondern sich in die Umstände hineinprojiziert. Ist nicht das die Aufgabe von großer Kunst?
Im Dezember 2015 ist „Baltimore“ der Auftaktsong des Albums HITNRUN PHASE TWO, der letzten Platte, die Prince noch zu Lebzeiten veröffentlicht hat, nur wenige Monate nach HITNRUN PHASE ONE erschienen. Verkürzt formuliert: Phase eins ist ein Flirt mit der Pop-Gegenwart, mit Elektronik, Hip-Hop, Neo-R’n’B. Phase zwei ist ein Blick zurück in die Geschichte von Soul, Funk, Pop und Rock. Was beide Alben eint: Die Stücke darauf handeln von vielen Dingen – und immer von Prince. Wenn er im Song „Black Muse“ über Rassismus singt, dann aus einer eigenen Erfahrung heraus: „Black muse, we’ve been so abused.“ Gewidmet hat er das Stück Damaris Lewis, Model, Schauspielerin, Tänzerin, bei der Australien-Tour 2012 Teil der New Power Generation. Es gehört zur Prince-Methode, alles, was ihn beschäftigt, auf sich zu beziehen. Es ist übel, wenn Menschen mit dieser Charaktereigenschaft politische Macht ausüben oder unglaublich einflussreiche Unternehmen leiten. In der Kunst dagegen ist diese Selbstbezogenheit unbedingt erlaubt.
L’artist pour l’art
Prince ist zu Lebzeiten keiner dieser Künstler, die ein Künstlerdasein behaupten, in Wahrheit aber vor allem zielgruppenorientierte Kulturdienstleistungen erledigen. Prince verlässt die Welt der Kunst nicht. Er baut sich ein Purpleverse auf, mit Paisley Park als Antwort auf Michael Jacksons Neverland Ranch, mit dem großen Unterschied, dass bei Prince (auch) sehr hart gearbeitet wird. Damit unterscheidet er sich von den anderen männlichen Superstars seiner Generation. Michael Jackson ist immer auch ein Thema für die Tabloids. George Michael ebenfalls, wenn auch unfreiwillig. Bono und Sting wollen trotz oder wegen ihrer Spitznamen mit der Weltpolitik an einem Tisch sitzen. Tabloids und Politik sind jedoch Arenen, die nach Eindeutigkeit verlangen, nach der einen großen Headline, nach der einen einfachen politischen Lösung. Für solche Eindeutigkeiten ist Prince aber nicht zu haben. Er bleibt der Kunst treu. Und damit auch sich selbst. Trotz aller Widersprüche.
Viel lieber als eindeutig ist Prince wie eine Wespe mit Hunger auf Süßes, die eine Kaffeetafel kapert. Eben noch umkreist sie die Limo, nun interessiert sie sich nur noch für die Sahne, bevor sie über den Umweg Pflaumenkuchen schließlich an den Keksen knabbert. Überall sein, dann wieder abhauen. HITNRUN: Die Titel der beiden letzten Alben, die Prince 2015 in zwei Phasen veröffentlicht, passen exzellent. Sie fassen zusammen, wie Prince sich zu dieser Zeit sieht. Und wie er sich gibt. Als die zwei Alben erscheinen, sind sie „nur“ zwei weitere neue Prince-Platten, in einer Reihe von Prince-Alben des neuen Jahrtausends, die – so das Vorurteil – eher für Routine stehen als für Klassiker. Wie heißt es bei Tocotronic? „Keine Meisterwerke mehr“. Auch HITNRUN PHASE ONE & TWO sind vielleicht keine Meisterwerke. In ihrer Kritik von damals bringt die britische Tageszeitung „Guardian“ den Wert der Alben allerdings gut auf den Punkt: „Will the real Prince please stand up? Oh, hang on, he already has.“
Ronnie und die Russen
Wobei es 2015 natürlich maximal verwirrend ist, dass es innerhalb kurzer Zeit gleich zwei neue Alben gibt, die im Abstand von drei Monaten erschienen, was für die Vermarktung so unsinnig ist wie die Eröffnung eines Fachgeschäfts für Schlittenzubehör im Monat März. Auch das ist aber typisch Prince: Furchtbares Timing an den Tag legen – und dann darüber schimpfen, dass dem Mainstream das nicht passt. Ähnliche Stunts legt er auch in den Jahren hin, als ihm sonst alles gelingt. 1986 und 1987 nimmt er die Tracks für ein kompromissloses Funk-Album auf, das er dann zurückzieht, weil er denkt, es sei „böse“. THE BLACK ALBUM legt dann eine Schattenkarriere als Bootleg hin, bevor es erst 1994 regulär erscheint.
Sein Verwirrspiel im eigenen Universum deutet The Purple One erstmals 1981 an: CONTROVERSY ist das Album, auf dem ein gewisser Prince zu dem Prince wurde. Zum ersten Mal taucht die Farbe Lila auf. Zum ersten Mal nutzt er die Methode des „sensational spelling“, und auch die grenzenlose Freude an der Doppeldeutigkeit entdeckt Prince auf dieser Platte. „Am I black or white? Am I straight or gay?“, fragt er in den Lyrics des Titelstücks „Controversy“. Zwei Zeilen singt er, er verstehe die Neugier der Menschen nicht. Dann zitiert er das „Vater unser“, um im Finale für Freikörperkultur zu werben: „People call me rude, I wish we all were nude.“ Als die LP 1981 erscheint, gibt es nach dem bejubelten Vorgänger DIRTY MIND von 1980 erstmals ein paar negative Kritiken. Darunter die böse Beobachtung, Prince habe mit diesen neuen Liedern offensichtlich vor, nun nicht nur wegen seiner sexuellen Energie bewundert zu werden, sondern auch wegen seines Intellekts. Was zu einigen Schlaffheiten führe.
Beim sensationell platt betitelten Stück „Ronnie, Talk To Russia“ zum Beispiel bittet er den damaligen US-Präsidenten Ronald Reagan, doch bitte auf die Sowjets zuzugehen. Wobei er dabei nicht, wie ein paar Jahre später Sting, schmachtend hofft, dass auch die Russen ihre Kinder lieben. Sondern schlicht Angst hat, dass die Russen seine Welt in die Luft sprengen. Schon hier ist der Blick auf sich selbst das Leitmotiv eines Polit-Songs. Prince legt „Ronnie“ darüber hinaus nahe, im Umgang mit den „left-wing guerrillas“ (so bezeichnet er die Russen) hart zu bleiben. Wobei er die Guerillas in den Zoo verfrachtet und somit zu Gorillas werden lässt. In diesem Moment ist Prince wie dieser eine Cousin bei der Familienfeier, der nach drei Schnäpsen die seltsamsten Dinge erzählt.
Pop will die Welt retten – ohne Prince
Mit dem folgenden Album 1999 wird Prince dann zum Weltstar. Die Platte erscheint Ende 1982, im großen Pop-Jahr 1983 ist er einer der zentralen Protagonisten, daher soll er natürlich mit dabei sein, als sich die Pop- und Rock-Millionäre vornehmen, Afrika von der Geißel des Hungers zu befreien. Als einer der wenigen sagt Prince jedoch gleich zweimal ab. Sowohl, als Bob Geldof ihn bittet, beim „Live Aid“-Benefiz-Spektakel zu spielen, als auch, als Lionel Richie ihn bekniet, wie viele andere Teil des Superstarcasts für die Aufnahme der Single „We Are The World“ zu sein. Es gibt sogar schon eine Zeile, die für Prince gedacht ist: „But if you just believe, there’s no way we can fall.“ The Purple One geht jedoch nicht zur spontanen Studio-Session, sondern feiert lieber eine Party am Sunset Boulevard in Hollywood. Dort wird dann sein Bodyguard in eine Schlägerei verwickelt und landet dafür kurz im Knast. Prince sorgt für Tumulte, während seine Kolleginnen und Kollegen von sich selbst gerührt singen, sie seien „the greatest gift of all“. Hybris kennt viele Orte.
Die Prince zugedachte Zeile übernimmt dann übrigens Daryl Hall, ein Blue-Eyed-Soul-Handwerker. Dieser postet kurz nach dem Tod von Prince einen kurzen Nachruf. Durchaus warmherzig formuliert, am Ende mit folgender Anmerkung versehen: „He was a complicated man.“
Held und Albtraum
Spricht man mit anderen Musiker:innen über Prince, wird fast immer sehr schnell deutlich, warum es die vielen Widersprüche sind, die ihn für verschiedene Generationen zu einer Einflussgröße machen. Dahingehend, den Status des Künstlers ernst zu nehmen. Sich nicht anzupassen. „Prince ist für mich ein Mentor gewesen, ich vermisse ihn sehr“, sagt zum Beispiel Janelle Monáe in einem Interview, das sie 2018 dem Autor dieses Textes gab. Ein paar Ideen für Tracks ihres dritten Albums DIRTY COMPUTER aus dem Jahr 2018 stammen von Prince; das Synthie-Motiv der Single „Make Me Feel“ soll er kurz vor seinem Tod bei einer Party entwickelt und Monáe dann überlassen haben. Vielleicht war dies sein letzter Input für die Pop-Welt, „bevor er dann für uns alle überraschend die Frequenz seines Daseins gewechselt hat“, wie Monáe im Interview sagt. Vom Tod spricht sie an dieser Stelle bewusst nicht. „Denn er lebt ja weiter, seine Musik ist weiterhin da. Vielleicht sogar mehr denn je.“
Wer Prince für sie war? „Ein Künstler, dem Geschlechterzuordnungen egal waren. Es ging ihm um etwas viel Weiterreichendes, nämlich um die wirkliche Liebe“, sagt Monáe – wobei: Ums Geld ging es ihm natürlich auch. „Prince war auch ein Vorbild, als ich mein eigenes Künstlerkollektiv „Wondaland“ gegründet habe. Dass es so ein Projekt geben kann, hat mir Prince mit seinem Studio- und Labelkomplex „Paisley Park“ gezeigt: einen Ort absoluter künstlerischer Freiheit, der trotzdem ökonomisch funktioniert.“
Kunst und Kommerz – das ist einer dieser vermeintlichen Widersprüche, die Prince mit einer Leichtigkeit auflöst, mit der er auch Gitarrensoli aus dem Ärmel schüttelt, so selbstverständlich, wie andere Brötchen schmieren. Es gibt in seinem Leben eine Reihe von weiteren Widersprüchen dieser Art. Vor allem im weiten Feld der Sexualität, das Prince deutlich heller beleuchtet hat als Popkünstler vor ihm. „Prince war ein Verfechter der Intersektionalität“, schrieb sein Biograf Touré in einem Nachruf nach Princes Tod. „Er lehnte es ab, in Schubladen gesteckt und mit Etiketten versehen zu werden, lange bevor die Wissenschaft sich mit solchen Themen befasste. Er war das, was wir heute als „geschlechtsuntypisch“ bezeichnen würden.“
Dann wiederum gibt es kaum einen Typen im Pop, der so sehr mit seiner Männlichkeit und Verfügbarkeit angibt. Der eine so explizite Antanz-Musik spielt. Und der, auch das gehört zur Wahrheit, in späteren Jahren mit schwulenfeindlichen Statements auffällt. Was dazu führt, dass nach seinem Tod im Magazin „Vice“ der Autor Michael Musto in einem Nachruf schreibt, Prince sei für ihn selbst und für die LGBTQ-Szene zweierlei gewesen: „Ein Held – und unser Albtraum“. Prince habe „sexuelle Freiheit und Akzeptanz“ repräsentiert, „besonders, weil er so explizit farbenfrohe Mode, Ausstattung im Liberace-Stil und Alles-ist-möglich-Texte zur Schau trug, begleitet von pulsierenden Rhythmen, die Sex und Sexualität in deine Seele brannten, während man ausgelassen tanzte.“ Er habe „die Gesellschaft am Kragen gepackt, aus der Annehmlichkeit gerissen und in ein schickes Zimmer voller Möglichkeiten gesteckt“. Es gibt aber eben auch den Song „Da Bourgeoisie“, eine Internet-only-Veröffentlichung aus 2013, mit abstoßenden, lesbenfeindlichen Lyrics, als sei die Liebe unter Frauen ein unverzeihliches Vergehen, das Verachtung verdiene.
Held und Albtraum – damit muss der Fan klarkommen: Dass der Lieblingsstar mitunter nicht nur eine Wunder-, sondern auch eine Knalltüte ist.
Stranger Things, Stranger Prince
Gut, man kann natürlich auch einfach an der Oberfläche bleiben. Der tanzbare Funk. Die sinnlichen Balladen. Der große Pop. Der geniale Musiker. Alles eindeutig supergeil. Der wahre Spaß mit Prince beginnt aber erst dann, wenn man die Songs nicht singulär betrachtet, sondern wenn man sie in sein Lila-Laune-Universum mitnimmt. „Alice im Wunderland“ ist ja auch nur am anderen Ende des Kaninchenlochs cool.
Und damit auf kürzestem Wege zur Netflix-Serie, die sich auf dem Weg zu ihrem Finale am Ende der fünften Staffel nicht nur mit ein paar Ideen und Symbolen des Klassikers von Lewis Carroll ausgestattet hat, sondern auch mit zwei Prince-Songs: „Stranger Things“. Beim Grübeln über die Auflösung zwischen 80s-Nostalgie und „Alice im Wunderland“-Spiegelungen wird den verantwortlichen Duffer-Brüdern schnell eines klar: Die Musik in den zentralen Szenen muss episch sein. So episch, dass sie den Moment toppt, als 2022 in der vierten Staffel eine Kassette von Kate Bushs Album THE HOUNDS OF LOVE in den Walkman eingelegt wird und zu den Tönen von „Running Up That Hill“ eine von weißen Augäpfeln geprägte transzendentale Szene nicht nur für den emotionalen Höhepunkt der Staffel sorgt, sondern auch für ein Charts-Comeback des Songs. Wer es noch epischer haben will, der braucht ein Lied von Prince. Besser: zwei Lieder von Prince. Eines für die Action, eines fürs große Gefühl danach. Erst „When Doves Cry“, dann „Purple Rain“. Was damals bei der Knutsch-Anbahnung im Jugendzimmer nicht funktionierte, geht bei „Stranger Things“ auf: Man weiß nicht, wo das alles hinführen soll, aber es fühlt sich irgendwie gut an.
Und: Es rechnet sich für alle Seiten. Das US-Magazin „Variety“ berichtet, dass der Song „Purple Rain“ nach der Ausstrahlung des Finales am Silvestertag 2025 einen Anstieg der Spotify-Streams um 243 Prozent erzielte. Bei der Generation Z liegt der Sprung sogar bei 577 Prozent. Beim zweiten Prince-Stück des „Stranger Things“-Finales müssen die Jüngeren wohl erst mal checken, was das überhaupt für ein Song ist: Kein Lied wird zum Jahreswechsel so häufig bei Shazam erfasst wie „When Doves Cry“. Die Hoffnung auf diesen „Stranger Things“-Effekt hat die Nachlassverwaltung von Prince überhaupt erst auf die Idee gebracht, der Bitte der Duffer-Brüder auf Lizenzierung zu entsprechen. Eigentlich ist man im Paisley-Park-Estate nämlich darauf gepolt, Anfragen dieser Art abzusagen.
Was daraufhin in den sozialen Medien abgeht! Es kommt zu heftigen Auseinandersetzungen darüber, ob Prince denn nun homophob oder Pionier einer queeren Kultur war. Wie fast immer bei diesen Debatten: Es kann nur eines stimmen, und wer nicht für einen ist, der ist gegen einen. Schnell raus aus diesem Sumpf und Prince hören. HITNRUN PHASE TWO, den Song „Look At U, Look At Me“, eine lässige Übung in seidenem Soul, brillant produziert, arrangiert, gesungen und gespielt. Im Text fragt Prince eine Frau, was diese in ihm sehen würde. Einen Vorschlag macht er dann selbst: „The back and forth of an earthquake.“ Prince, das mächtigste aller Naturereignisse. Drunter macht er es nicht. Was sollte er auch sonst singen, „I Am The Walrus“ etwa? Nein, zumal er das Lied nicht mochte. „Imagine“ werde auch in 2000 Jahren noch existieren, sagte er 1997. „Ein Song wie „I Am The Walrus“ nicht. Weißt du warum? Weil John nicht das Walross war, er war John.“ Das ist richtig. Eindeutig richtig.





