Rachel Goswell


Rachel Goswell war gerade 18 Jahre alt, als sie zusammen mit ihrem Schulfreund Neil Halstead Slowdive gründete. Die drei Alben der Band gelten als Meilensteine des Shoegaze. Später nahm sie mit Halstead weitere sehr gute Alben unter dem Namen Mojave 3 sowie ein Solo-Album auf. 2010 bekam sie ihren ersten Sohn Jesse. Er leidet unter dem CHARGE-Syndrom, einem genetisch bedingten Defekt diverser Organe, der bei Jesse zur Taubheit und zu einem Herzfehler führte.

Rachel, du hast seit 2007 keine Platte veröffentlicht. Entzugserscheinungen?

So schlimm ist es nicht. Am meisten fehlt mir das gute Gefühl, das man hat, wenn man ein Konzert spielt.

Wie kompensierst du das?

Mutter zu sein, ist eine enorm befriedigende Sache. Ohne Kind achtest du vor allem auf dein eigenes Wohl. Mit Kind ändert sich das.

Ist dieser Perspektivwechsel besonders schwer, wenn man vorher in Bands gespielt hat?

Auf jeden Fall. Wenn du mit Bands unterwegs bist, denkst du an wenig anderes als an die Gruppe, die Musik und dich selber. Meine musikalische Karriere lief 2007 aus, als die letzte Tour mit Mojave 3 zu Ende ging. Ich arbeitete damals schon länger im Büro einer Kindertagesstätte, weil ich von der Musik alleine nicht mehr leben konnte. Ich erinnere mich noch an meinen ersten Arbeitstag dort, ich hatte große Angst, den Sprung von der Musikerin zur Angestellten nicht hinzubekommen. Auf der einen Seite das Chaos einer Tour, auf der anderen die Zwänge einer Büroarbeit.

Wer fällt einem denn auf Dauer mehr auf die Nerven, die Kinder im Kindergarten oder die männlichen Mitmusiker im Bandbus?

(lacht) Es ist keine angenehme Erfahrung, als einzige Frau unter zehn Typen in einem Bus durch die Gegend zu fahren.

Alte Shoegazing-Bands wie Slowdive, My Bloody Valentine oder Ride werden immer wieder von jungen Indie-Kids wiederentdeckt. Was macht eure Musik für so viele Generationen interessant?

Ich glaube, das hat weniger mit unserer Musik zu tun als damit, dass die Abstände zwischen den Revivals immer kleiner werden. Nimm Iggy & The Stooges, die hatten großen Einfluss auf die Punkbands der 1970er-Jahre, dann dauerte es bis in die Grunge-Zeit, bis man sie wiederentdeckte. Heute, durch das Internet, ist es für die Kids einfacher denn je, Altes ausfindig zu machen. Wir leben daher in einer Revival-Dauerschleife.

Viele Bands wollen davon profitieren und finden wieder zusammen. Bis auf ganz wenige Ausnahmen kommen sie alle zurück. Slowdive auch?

Vielleicht. Es hängt von vielen persönlichen Dingen ab. Wir haben alle Familie und Kinder – wobei es für mich als Mutter vielleicht am schwierigsten ist, den Sprung zu wagen. Gerade weil mein Sohn besondere Pflege benötigt. Ich kann ihn nicht einfach mit auf Tour nehmen.

Er ist taub und mit einem Herzfehler auf die Welt gekommen. Wie geht es ihm?

Gut! Er geht jetzt zur Kita, vor Kurzem haben wir als Familie ein Open-Air-Festival besucht. Jesse stand am Bühnenrand und hat sich mit großer Begeisterung Primal Scream angeschaut. Er mochte, wie die Bässe in seinem Bauch kribbelten.

Hat sich seit der Diagnose seiner Taubheit dein Verhältnis zur Musik geändert?

Ich habe ein Jahr lang überhaupt keine Musik gehört. Ich war traurig, dass ich viele Dinge, die für andere Eltern normal sind, mit Jesse nicht machen kann. Heute weiß ich, dass auch er Musik für sich entdecken wird. Er liebt Gitarren. Schon beim ersten Mal hielt und griff er sie richtig und genoss die Schwingungen. Ich glaube aber, er wird Schlagzeuger. So wie Evelyn Glennie. Sie ist auch taub und hat bei der Eröffnung der Olympischen Spiele zusammen mit Underworld die Party geschmissen. Sie für Jesse und mich entdeckt zu haben, ist mir derzeit wichtiger, als mit Slowdive das Shoegazer-Revival zu pflegen.