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Konzertkritik

Radiohead live in Amsterdam: Natürlich ist das zum Heulen

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Die Heineken Live Music Hall steht in einem modernen Vergnügungsviertel im Süden Amsterdams, in Sichtweite der Fußball-Schüssel des legendären Ortsvereins Ajax. Gleich neben einem dieser großflächig verglasten Cinedings-Komplexe ist sie selbst ein ziemlicher Kasten. Aus ihrer chromschimmernden, stoßsicher wirkenden Case-Verkleidung ragt nicht etwa eine Monster-Dose des namensgebenden Bierfabrikanten, sondern ein riesiger, halber Kopfhörer in die breite Fußgängerzone. Was nun ausgerechnet ein Kopfhörer mit einer Livemusikbühne zu tun haben soll, mag man denken. Aber an umherfliegenden Noten oder blöde in den öffentlichen Raum gereckte Gitarrenhälse wird ja auch immer nur herumgemeckert.

Entscheidend ist doch vielmehr: Amsterdam hat wenigstens eine solche große Rockkonzerthalle mit 5500 Plätzen, technisch und vor allem akustisch auf genau dieses Bedürfnis zugeschnitten, sodass eine Band wie Radiohead allzu gerne ihre erste Tour seit Ende 2012 dort an zwei aufeinanderfolgenden Abenden beginnt. Eben auch deshalb, weil sich in ihrem modernen Inneren (der große Saal nennt sich „Black Box“, das dürfte Radiohead ja auch gefallen) aus einer sechs Mann großen Band mit Progrock-verdächtigem Riesen-Instrumentarium ein Sound zum Mit-der-Zunge-Schnalzen herausholen lässt. (Aber tun Sie das nicht zu laut, man könnte Sie hören!) So etwas kann man ewig suchen in Deutschland, wo der Rock auf halbem Weg ins Stadion in Leistungssport-Arenen verbannt wird oder in aufgelassene, endtrostlose Industriehallen, in denen heute nur noch an Tontechniker-Nerven gefräst wird.

6:00 p.m.: The crowd lines up.“ Wow.

Dieses Konzert ist fast schon länger ausverkauft als angekündigt. Natürlich. Wir reden hier von einem internationalen Ereignis. Radiohead sind ja nicht nur eine einzigartig eigenartige Band, die seit Jahren zwischen der ganz großen Geheimniskrämerei und dem Setzen kaum weniger großer künstlerischer Zeichen schwankt wie ein japanisches Monsterinsel-Vieh, sondern mit diesem Hin und Her anhaltend Erfolge feiert: „die widerborstigste Stadionband der Welt“, wie es „Zeit online“ dieser Tage auf den Punkt gebracht hat. Die US-Musik-Webseite Pitchfork führt sogar einen Live-Blog zu diesem Ereignis. Für die Indierock-Welt, der ja schon seit ein paar Jahren schlimmstes Siechtum nachgesagt wird, ist dieser Abend beinahe ein Papstwahlereignis:
„6:00 p.m.: The crowd lines up“.
Wow.

Ca. halb 8:00 p.m.: Die große Leinwand, die man für die kalifornische Experimental-Elektronikerin Holly Herndon mitsamt ihrer beiden Partner Mat Dryhurst und Brian Rogers heruntergelassen hat, spricht von erstklassiger Behandlung des Supports. Mat macht auch eifrig Gebrauch von ihr. Stupst mit dem Mauszeiger zweidimensionale Gegenstände und Personen – beteiligte wie unbeteiligte – durch den virtuellen Raum und tippt zwischen den Stücken launige Botschaften an die Zuschauer mit vielen 🙂 und 😉 auf die Projektionsfläche. Das Feedback des Publikums auf die fremdartig strukturierte, aber ja weder umharmonische, noch destruktive und vor allem äußerst sympathische Darbietung darf als freundlich bezeichnet werden. Zur Umbaupause dann Musik mit noch weitaus weniger Struktur. Spannungs-Ambient fürs Spannungs-Ambiente.

Jonny schüttelt gleich wieder seinen Pony

Als die Hauptband, verstärkt um Clive Deamer (Portishead) am zweiten Drumset, im Halbdunkel zu einem Interview-Ausschnitt von Nina Simone („What’s free to me? It’s just a feeling. It’s like how do you tell somebody how it feels to be in love? …“) ihre Positionen besetzt, gibt sie umgehend eine gute Antwort auf eine wichtige Frage: Wie macht sie das wohl mit den vielen Streichern auf ihrer neuen Platte? Jonny Greenwood hat seinen eigenen Bogen mitgebracht und sägt das unheilvolle Col legno der Geigen auf der Vorabsingle „Burn The Witch“ kurzerhand mit Furor in seine E-Gitarre. Aber stopp mal – sehen wir da etwa Haarneid bei den ihre Plastikbierbecher ausbalancierenden Männer mittleren Alters, die das Hauptklientel im Auditorium bilden? Oh ja, der wilde, schöne Jonny schüttelt schon gleich wieder seinen Pony als hätten wir gestern erst 1995 gehabt. Schaut super aus.

Aber zurück zum Thema: Machen wir uns nichts vor, auch wenn er an anderer Stelle – dem Livedebüt von „Tinker Tailor Soldier Sailor Rich Man Poor Man Beggar Man Thief“ als viertletztes Stück des Abends – versuchen wird, die von ihm erschaffenen, beinahe unwirklich schöne Horizonte dahinzimmernde Streicherarrangements durch das Flirren seines ansehnlichen Modular-Synthesizers zu ersetzen: So richtig haut das nicht hin. Eines Tages muss das doch mal noch mit Orchester auf die Bühne gebracht werden. Aber dann wohl nicht in einer deutschen Eishockeyhalle.

Aber es gibt ja auch Songs wie „Daydreaming“ auf A MOON SHAPED POOL. Der verliert sich zwar ganz wunderbar in einigem Gebimmel und diesen Als-The-Edge-zum-ersten-Mal-auf-Brian-Eno-traf-Gitarren, aber es sind doch am Ende nur diese verschleppt walzernden Klavier-Arpeggien und Thom Yorkes gebrochener Klagegesang, denen man auch ein oder zwei Stunden oder Tage im Loop zuhören könnte und dabei so ziemlich alles vergessen, was man jemals wusste. Dieses „Daydreaming“ spielen sie als zweites (und die nächsten drei Songs der neuen Platte hintendrein). Fast ein zweiter „Pyramid Song“, der – und damit sei hier das erste und das letzte Mal so richtig gemeckert – an diesem Abend allerdings fehlen wird und auch am zweiten in Amsterdam tags drauf.

Das Publikum möchte seine Liebe kundtun

Gleich hier, nach dem zweiten Stück, braust der Applaus so richtig auf. Wie aus einem Traum erwachend zaghaft zuerst, dann immer doller, das Publikum möchte eindeutig einen Liebesbeweis kundtun und zaubert Yorke schließlich ein weithin sichtbares Lächeln ins Gesicht. Und doch merkt man bald, dass die neuen Stücke, auch wenn Radiohead zuweilen in ihrer Livedarbietung fester zupacken als auf dem so dermaßen fein und hell strahlend arrangierten und produzierten neuen Album (und bei dem filigranen Bossa Nova „Present Tense“ leider zu fest), zu viele offene Enden lassen, um selbst in dieser Black Box alle umherfliegenden Gedanken einzufangen. Bei neun Stücken von elf auf A MOON SHAPED POOL ist allerdings auch klar, dass sich die Band diesen Vorwurf mancher Kritiker ganz bestimmt nicht zueigen machen will: Dass diese Platte mit ihren zum Teil schon seit Jahren live aufgeführten, aber eben nie richtig fertiggestellten Songs eher einer Raritätensammlung gleicht als einem „richtigen“ Album.



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