„Rave The Planet“: Skandal im Techno-Bezirk?

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Schon die Teilnehmer-Zahlen des am Samstagabend (9. Juli) an der Berliner Siegessäule zu Ende gegangenen Techno-Umzuges „Rave The Planet“ gehen weit auseinander. Sprachen lokale Medien wie die „Berliner Zeitung“ in ersten Berichten von rund 100.000 Teilnehmer*innen, jazzte sich diese Zahl (nach grober Schätzung der Polizei) über das Wochenende auf rund 200.000 hoch. Laut „Tagesspiegel“ nennen die Veranstalter gar 400.000. Dabei dürfte dann jeder zufällig vorbei schlendernde Berlin-Tourist in diese (Fantasy-)Endzahl eingerechnet worden sein. Sei’s drum – Schall und Rauch.

Ähnlich schillernd gestaltete sich auch die inhaltliche Einschätzung.

Während am zentralen Breitscheidplatz anwesende Reporter beim Vorbeiziehen der „Floats“ (Trucks mit Anlage und Tänzern drauf) sich an an „Monsters of Bier Bikes“ erinnert fühlten, stellte Love-Parade-Gründer und Rave-The-Planet-Vorstand Dr. Motte (62) in seiner kurzer Abschlussrede politische Forderungen in den Tiergarten:

Er forderte ein „bedingungsloses Grundeinkommen“ für Künstler*innen, die Aufnahme der Berliner (!!) Technokultur ins immaterielle Kulturerbe der UNESCO und wetterte gegen Tanzverbote an christlichen Feiertagen. Und klaro: Die von einem kräftigen Regenguss am Samstagnachmittag eingeleitete Feierei hätte sich „gegen Krieg und Gewalt“ gerichtet.

Rave the Planet

Zu eher unschönen Szenen kam es im langgestreckten Zugweg, der streckenweise an die Routenführung der „Love Parade“ der frühen 1990er-Jahre durch die City-West erinnerte: In diversen Twitter-Meldungen vom Sonntag wird kritisiert, dass Motte ein Symbol der sogenannten Freedom Parade von „Querdenker*innen“ präsentierte. Es zeigt ein stilisiertes „Peace“-Zeichen, dessen Rand von Covid-Virus-„Stacheln“ übersät ist.

Dieser antwortete seinerseits mit einem Tweet. Darin heißt es: „Ich wusste das nicht. Ich entschuldige mich.“ Eine Sprecherin des Rave-Umzugs sagte auf Anfrage der „dpa“, dass es sich um eine Verwechslung gehandelt habe. Dr. Motte sei die Aktion in der Rückschau „mega-peinlich“. Sie stellte klar: „Motte ist kein Querdenker und hat nichts damit zu tun.“ Da bleibt wohl zu sagen: Augen auf beim Symbole schwenken!

Unter den Hunderttausenden in Berlin turnte auch der selbst ernannte „Captain Future“ herum, Obermotz der so genannten „Querraver:innen“, wie die Party-spaßigen Kritiker*innen der offiziellen Maßnahmen gegen die Corona-Pandemie genannt werden. Im Umfeld schwenkte jemand ein Schild mit der Aufschrift „Nie wieder Lockdown“. Allerdings war die Captain-Future-Crew nur eine kleine Gruppe, über die das allgemeine Bass-Gewummer hinwegfegte.

Insgesamt 18 „Floats“ mit rund 150 Künstler*innen nahmen an der Neo Love Parade teil. Die Markenrechte der „Love Parade“ hatten Motte und Co Ende der 1990er an den Fitness-Unternehmer Rainer Schaller verkauft. Nach Umsiedlung der „Love Parade“ ins Ruhrgebiet kam es bekanntlich im Vorfeld der Europäischen Kulturhauptstadt 2010 auf einem ehemaligen Bahngelände in Duisburg zu einer nie wirklich aufgearbeiteten Katastrophe mit 21 Toten, über 500 wurden in einer Massenpanik, teils schwer, verletzt.

Für den Berliner Sonntag zogen Polizeisprecher eine nüchterne Bilanz: „Überwiegend störungsfrei“ hieß es. Zum Ende wäre die Situation jedoch auf der Straße des 17. Juni eskaliert. Man spricht von „Gefahrensituationen“. Eilig aufgestellte Sperren hätten das Nachrücken weiterer Menschenmassen verhindert.

Zu einem Katz-und-Maus-Spiel kam es, als die Polizei-Leitstelle nach 21 Uhr das Abstellen der Musik auf den „Floats“ forderte. Die Veranstalter konnten dieses Gebot bei den dezentral agierenden DJs anfangs jedoch nicht durchsetzen. Gegen halb Zehn war der Spuk dann doch vorbei – und die Ravermeute verschwand im (Techno-)Nachtleben der Hauptstadt.

Sean Gallup Getty Images

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