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Retromania: das Ende vom Fortschritt

Popmusik ist besessen von der eigenen Vergangenheit, diagnostiziert Simon Reynolds in „Retro­mania“. Elektro-Oldschool, Blues- und Countryrock, sogar der einst abgrundtief verhasste Softrock der Siebziger und Achtziger gelten heute als der heiße Scheiß. Längst vergessene Bands tauchen wieder auf, und Bands wie Sonic Youth oder gerade Primal Scream bringen werkgetreu ihre klassischen Alben auf die Bühnen. Und ewig grüßt das Murmeltier.

Dabei ist Reynolds weniger besorgt um das verstärkte Interesse für vergangene Bands und Genres an sich. Revivals und die leidenschaftliche Fixierung auf ausprobierte Spielarten gehören seit den Anfängen zum Pop. So beschreibt er Dixieland-Revivals der Fünfziger, den Bluesfanatismus der Stones und Beatles und die letztlich reaktionären Tendenzen des Punk, der gegen Pomp, Komplexität und die Verfeinerung des Siebzigerjahre-Rock wilden Krawall und drei Akkorde aus dem Do-It-Yourself-Baukasten setzte.

Der in New York lebende Brite analysierte bereits die Sex Pistols und die Ära des Postpunk („Rip It Up And Start Again“). Mittlerweile beunruhigt ihn die schrumpfende Halbwertszeit der Vergangenheit. Im endlosen Recycling vermisst er die Haltung und Entschlossenheit, mit der früher Stile gegeneinander­gesetzt wurden. Stattdessen erkennt er eine frei flottierende, dennoch sehnsüchtig rückwärtsgewandte Ironie, die ohne Kontext und Ziel mit den historischen und regio­nalen Sounds spielt und sie dabei entwertet. Jegliche Substanz geht dabei flöten.

Natürlich, so Reynolds, hat das zunächst mit der digitalen Revolution zu tun. Mit der Explosion der Archive im Netz, dem endlosen Speicherplatz auf PC- und Sampler-Festplatten sowie dem unverstellten, von keiner Knappheit bedrohten, keiner Recherche geadelten Zugriff auf die Vergangenheit. Da muss die Zukunft irgendwann auf der Strecke bleiben.

„Retromania“ ist ein tolles Buch, akribisch recherchiert, mit großartigen Ausflügen in die Nerdkultur der Sammler und Fetischisten und ratlosen Begehungen von Popmuseen und theatralischen Wiederauf­erstehungen. Beim Londoner Konzert der Einstürzenden Neubauten im Februar 2007 stellten Schauspieler sogar den einstigen Aufstand des Publikums nach.

Zu den Lichtblicken in der Retro-Schlaufe zählt Reynolds die Hauntologen des Ghostbox-Labels. Mit ihren alten TV-Doku- und Schulfilm-Soundtracks inszenieren diese keinen musikalischen Stil, sondern spielen ihre eigene Erinnerung nach. Dabei entsteht ein durchaus moderner Beat. Vampire Weekend oder Dirty Projectors dagegen platzen vor Referenzen an die Popgeschichte. Beide Strömungen wiederum benutzen keineswegs die unmittelbare Vergangenheit, wie etwa der Elektromix Lady Gagas. Die HipHop- und Dub-Neuerungen in Grime und Dubstep gelten Reynolds als innovativ. Emo dagegen lehnt er als nur melodische Erweiterung von Punk ab.

Trotz aller Akribie kommen zwei Punkte zu kurz: Den Sampler scheint er noch nicht ganz als Instrument zu akzeptieren. Dabei schritt Popmusik – mit dem Mikrofon Billie Holidays, den Studios von Beatles bis Lee Perry, dem Plattenspieler im HipHop – immer auch durch den spielerischen bis dilettantischen Umgang mit Technologie voran. Umgekehrt kann man die Manie, mit der sich junge Musiker aus reiner Lust vorzugsweise der verdrängten Popkunst widmen, durchaus als widerständigen Reflex begreifen: Vielleicht wollen ja viele Kids gar keine Ahnung haben!

Reynolds beklagt an einer Stelle, dass viele Hörer zwar die obskursten alten Soulsongs kennen, aber die „zehnmal besseren“ Erfolgsnummern des Genres nicht. Dabei lässt er außer acht, dass es im sinnfreien Spiel mit den Stilen vielleicht gar nicht um eine inhaltliche Sehnsucht nach Vergangenheit geht. Für ihn wird Popmusik vielmehr zu einem Gegenstand für Museen, Archive und Werkreihen. Eine Entwicklung, an der die Erklärungswut der seriösen Popkritik natürlich nicht ganz unschuldig ist.


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