Album der Woche

Aldous Harding – „TRAIN ON THE ISLAND“: Fakt, Fiktion, Jim Carrey

Die größte Geschichtenerzählerin des Indie-Folk entführt uns erneut in ihren geheimnisvollen Kosmos aus Schmerz und Comedy.

Umarme die Weirdness: Es ist kein Geheimnis, dass Aldous Harding die eher seltsamen Seiten des Lebens im Allgemeinen und Besonderen umarmt. Aber ihr fünftes Album, Train on the Island (übrigens Titel eines Folksongs aus den 1920ern), tischt eine neue Note auf: softer, wärmer, irgendwie entspannter als der Vorgänger Warm Chris. Und auch melancholischer. Vielleicht werden wir ja gerade Zeugen einer Selbstfindung. Oder eher: der Akzeptanz ihrer selbst. Schließlich nannte die Neuseeländerin sich schon mal die „Jim Carrey der Indie-Welt“.

Und es ist genau dieser Mix aus Respektlosigkeit (im besten Sinne) und romantischer Schwermut, den sie auf Train on the Island auslebt. Es ist doch so: die beste Comedy kommt genau daher, wo auch der Schmerz versteckt liegt, und umfasst sowohl die Trauer, die in uns allen steckt, und den Horror der Gegenwart. Oder? Aber man kann es nicht wissen. Denn Harding ist geübt darin, Fakt und Fiktion, Absurdität und Details so miteinander zu vermischen, dass am Ende unklar bleibt, ob sie etwas ernst meint oder nicht. Das passt auch gut zu diesem seltsamen Stück Musik, dessen schroffe musikalische Landschaft auch die physische Landschaft in Wales widerspiegelt, wo Harding erneut mit ihrem Stammproduzenten John Parish aufgenommen hat.

Train on the Island klingt nie zu bequem, es verbittet sich Beiläufigkeit. Nein, die Ruhe hier ist keine zum Zurücklehnen, es wird eher hypnotisch – wie im Opener „I Ate The Most“ – und gleichzeitig fragt man sich immer wieder: Was hat sie da gerade gesungen? Und: Was hat sie da gerade gemacht? Takt, Rhythmen – alles nur Bauteile, mit denen man herumspielen kann, um die Zuhörer:innen zu überraschen. Melodien und Harmonien verschieben sich, Harding bringt uns damit an unerwartete Orte, die gleichermaßen unbekannt und seltsam vertraut sind.

Vielleicht kommt dieses Gefühl der Vertrautheit vom detailverliebten Worldbuilding: Harding ist eine Geschichtenerzählerin, die das Talent hat, alle in diesen Kosmos zu ziehen, den sie baut. Auch wenn nicht ganz klar ist, wohin sie uns führen wird. Sie verkörpert verschiedene Charaktere, wechselt den Akzent und passt ihr Vokabular an. Wie das klingt? Zum Beispiel wie „One Stop“, die Leadsingle von Train on the Island. Eine Klaviermelodie, die an Kinderlieder erinnern könnte, würde darüber nicht diese zusätzliche Schicht an Nervosität und Unruhe liegen. Verschiedene Protagonist:innen erzählen von unangenehmen Begegnungen – zum Beispiel mit John Cale. „I met the real John Cale / He had no words, but I don’t mind / I packed the stage while he ate rice“ – ist das wirklich passiert? Oder ein surrealer Tagtraum? Und spielt das eine Rolle?

Die Figuren auf Train on the Island scheinen sich in höllisch anmutenden Landschaften gefangen zu fühlen, denen sie nicht ganz entkommen können. „What Am I Gonna Do?“ zum Beispiel sucht nach dem Zug, der einen von hier wegbringt. Oder das wunderbare „Venus In The Zinnia“, ein fast – fast! – herzerwärmend kitschiges Duett mit H. Hawkline alias Huw Evans. Neben ihm waren auch noch Joe Harvey-Whyte an der Steel-Pedal-Gitarre (die es sowieso viel öfter im Pop geben sollte) , Mali Llywelyn an der Harfe, Synth-Künstler Thomas Poli und Schlagzeuger Sebastian Rochford von Polar Bear dabei.

Wer ist Aldous Harding eigentlich genau? Wir werden es wohl nie erfahren. Mit Train on the Island verrät sie es uns auch nicht – hinterlässt uns aber ihr womöglich stärkstes Album.

Aida Baghernejad schreibt freiberuflich unter anderem für MUSIKEXPRESS. Weitere Artikel und das Autorenprofil gibt es hier.

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