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Black Midi Cavalcade


Rough Trade/Beggars/Indigo (VÖ: 28.5.)

von

Wie oft kann Gitarrenmusik ihren Kurs ändern, zwischen Referenzen und Tempi wechseln, bevor der Hörerin der Kopf platzt? Black Midi aus dem Umfeld des Brixtoner Clubs The Windmill lassen’s gern mal drauf ankommen. Schon auf ihrem ersten Album SCHLAGENHEIM von 2019 spielten sie Einserschüler-Mathrock, der mit einem Bein im Jazz, mit dem anderen in Michael Giras Folterkeller stand, dabei aber immer klang, als seien beim Entwurf nicht nur Zirkel und Lineal, sondern auch Manie und ein bisschen Hexenkunst im Spiel gewesen.

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Auch auf dem Nachfolger CAVALCADE fällt ein seltsames Zwielicht in den Proberaum, in dem sich alle, aber allen voran der achtarmige Schlagzeuger Morgan Simpson, die jungen Händchen blutig schrubben beim Versuch, wie die Minutemen, die 80er-Sonic-Youth und Can aufeinmal zu klingen. Noch stärker als das Debüt aber ist CAVALCADE ein Album wie ein dystopisches Wimmelbild: Jeder Song zoomt hinein in eine eigene, verdrehte Welt.

Wie flüssige Diamanten

Schon die erste Single „John L“ hört sich an wie Frank Zappa, der einen Song von System of a Down covert, im unerbittlichen Hochgeschwindigkeitssong „Chondromalacia Patela“ klingt Sänger Geordie Greep – sonst ein Meister des unheimlichen, gepressten Gesangs – auf einmal zart wie Nick Drake, „Diamond Stuff“ tröpfelt tatsächlich sachte schillernd wie flüssige Diamanten vor sich hin,  bevor sich der Song öffnet und ganz Licht wird.

Im wohl poppigsten Stück, „Marlene Dietrich“, wird Mackie Messer eine Moritat gesungen, während die Band urplötzlich die Old-Albion-Melancholie der frühen Libertines befällt. Und könnte man den fast zehnminütigen Schlusstrack „Ascending Forth“ als eine Art Mini-Noise-Musical bezeichnen? Black Midi zucken mit den Schultern – und ändern abermals den Kurs.


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