Casper Alles war schön und nichts tat weh


Eklat Tonträger/Sony (VÖ: 25.2.)

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Ein Blick auf den Albumtitel ALLES WAR SCHÖN UND NICHTS TAT WEH, das Streicherintro zum Auftakt, und ganz kurz könnte man denken: Ohoh, Casper wird pünktlich zu seinem fünften Album zum Mark Forster des Deutschrap. Aber dann setzt die gewohnt schartige Stimme ein: „Ich hab heute wieder dran gedacht, dass ich mir zu viel Gedanken mach.“ Und das kann man Forster echt nicht vorwerfen, aber, oh ja, Casper schon: Der Wahlberliner macht sich ein paar Gedanken, vielleicht sogar ein paar zu viel.

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In einer Tour de force quer durch scheinbar alle verfügbaren psychischen Untiefen geht es um Depressionen (nicht nur im Titelsong), um bipolare Störung (in „TNT“, bei dem Tua den Refrain singt), um Selbstmord („Billie Jo“) und Tod („Fabian“), die Klimakatastrophe („Das bisschen Regen“) oder eine toxische Beziehung („Mieses Leben/ Wolken“ mit Haiyti).

Der Maestro des Gemütskranken-Rap

Womöglich geht es nicht ganz so hoffnungslos zu wie auf dem Vorgänger LANG LEBE DER TOD, aber das liegt dann vor allem an der musikalischen Umsetzung. Erstmals hat Max Rieger (Die Nerven, All diese Gewalt) produziert, und er setzt weniger auf die schweren Gitarren und Gothic-Harmonien wie seine Vorgänger, sondern macht selbst aus dem apokalyptischen White-Trash-Kurzfilm „Zwiebel & Mett“ einen nahezu sommerlichen Beinahe-Hit, bei dem man auch die Refrain-Zeile „Und wir fahr’n zur Hölle, ja!“ gerne freudig mitsingt.

Die neue Eingängigkeit befindet sich allerdings in einem ständigen Infight mit Caspers sperrigem Vortrag – und Casper wird eben nicht Mark Forster, sondern er selbst, der nachdenklichste, tiefgründelnste Casper, den es je gab, der Maestro des Gemütskranken-Rap.


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