Highlight: 30 Jahre Mauerfall: Diese Songs hätte es ohne die Wiedervereinigung so nicht gegeben

Deichkind Niveau Weshalb Warum


Sultan Günther Music/Universal

„Die sind ja älter als ich“, meinte Olli Schulz im Interview, als wir auf Deichkind zu sprechen kamen. Wieso wir über Deichkind sprachen? Es ging darum, dass Olli Schulz eben nicht Deichkind ist. Gut, das hätte man vielleicht auch ohne Interview herausfinden können. Die zu Grunde liegende Frage lautete: Wie lässt sich als Popdichter älter werden, ohne den Draht zum Publikum zu verlieren?

Schwierig. Allerdings weit schwieriger für Deichkind als für Olli Schulz. Nicht weil der jünger ist (stimmt gar nicht, jedenfalls nicht wenn man das Deichkind-Durchschnittsalter betrachtet), sondern weil die ex-HipHop-/now-Baller-Elektro-Gruppe ihr Werk/Geschäftsmodell darauf ausgerichtet hat, mal weit ins Stumpfe getriebene, mal ins Groteske gedrehte Partymusik anzubieten und dazu auch noch die mal stumpfen, mal grotesken Auswüchse von Popkultur und Gesellschaft zu kommentieren und persiflieren. Sprich: Sie müssen dauerfresh bleiben, 24/7 YouTube checken, Facebook scannen, Meme glotzen – Pop-NSA sein. Da haben es ja selbst Die Ärzte einfacher. Von denen wird zwar auch immer noch ein überdurchschnittliches Maß an Originalität eingefordert, auch ein bisschen aktualitätsbezogene Satire darf gerne sein, aber mit ein paar Urlaub-Riffs und drei, vier pfiffigen Refrainzeilen sind Fans und Radiodeutschlad auch erst einmal zufrieden.

Der Deichkind-Kunde aber erwartet mehr. Mehr Witz. Mehr Slang. Mehr Sloganizing. Und das Leben als Deichkind stellt er sich vermutlich vor wie eine entgleiste Version der Teletubbies. Das soll er auch weiterglauben. Denn wenn die Kundschaft erst anfängt, sich darüber Gedanken zu machen, wie doll diese Typen in ihren Kostümen schwitzen und ob sie eine ganze Gag-Schreiber-Redaktion beschäftigen müssen, um ihren Verpflichtungen nachzukommen, geht es dem Prinzip Deichkind an den Kragen.

Ihr sechstes Album beginnt mit einer klassischen Wir-waren-lange-weg-sind-aber-immer-noch-die-geilsten-Hymne, wie wir sie aus dem (Deutsch-)Rap kennen. Die relevante Frage an ein solches Stück wie „So ’ne Musik“ kann natürlich niemals lauten: Gab es das nicht schon tausendmal? Sondern: Wird die aufgestellte Behauptung mit ausreichend feisten Reimen/Bumms unterfüttert? Wird sie. Lustigen Handclap-Terror gibt’s oben drauf. Der bis hin zum Depeche-Mode-Zitat im Stück „Powered By Emotion“ bekennend synthetische Sound bleibt von dort an fett bis kurz vor die Skrillex-Grenze und empfiehlt sich zum obskuren Finale „Oma gib Handtasche“ sogar für niederländische Großraumdiscos. Soll aber niemand sagen: So kennen wir unsere Deichkinder. Man lausche nur noch einmal kurz in ihr Album ¡„Aufstand im Schlaraffenland“ von 2006 und staune: Da waren das noch kleine Nintendo-Punks!

Was sich auch geändert hat: Die Satire auf und Kritik an unserer Gesellschaft im Arbeits-/Konsumrausch fällt auf NIVEAU WESHALB WARUM so deutlich aus wie nie. Mit „Hauptsache nichts mit Menschen“ gibt es sogar ein Stück, das nichts als Ruhe will. Muss man sich mal vorstellen: Deichkind wollen Ruhe!

Dass Kollege Franz Stengel die Band in seiner Antilopen-Gang-Besprechung im ME 12/2014 als „unpolitische Spaßterroristen“ bezeichnete, kann nicht unwidersprochen bleiben: Deichkind sind sehr wohl politisch und ihre Positionen eindeutig. Man denke nur an den Download-Hit „Ich habe eine Fahne“ vom letzten Sommer, der den Ballermann-Fußball-Nationalismus aufs Deutlichste bashte. Und dass sie sich dem Volk, das streng arbeitsteilig so stumpf und hart vor sich hin werken wie auch feiern soll,  gleichzeitig als eine der besten Partybands im Land andienen, bleibt ein großartiger Kunstgriff.


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