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Album der Woche

Destroyer Poison Season


Dead Oceans/Cargo VÖ: 28.08.2015

Die Entwicklung des Musikers, Songwriters, Sängers Dan Bejar zu beobachten, ist eine äußerst spannende Angelegenheit. Er ist den langen und nicht immer geraden Weg vom als kauzig wahrgenommenen LoFi-Singer/Songwriter (allerdings seit jeher mit einigem 80s-Einschlag) zum traumwandlerischen Entertainer mit wirrem Haar, als den man ihn zur Musik seines zehnten Albums vor seinem inneren Auge entlangtanzen sieht, konsequent gegangen. Das machte im Ergebnis auch schon den wesentlichen Unterschied bei einer Platte wie KAPUTT aus, dem Album, das ihn 2011 ein gutes Stück weiter ins Licht der Öffentlichkeit rückte: Das Ding hatte zugegebenermaßen einen saftigen Softrock-Hau weg samt süffisant dargebotener Jazzrock-Mätzchen (mancher nannte das musikalische Ergebnis sogar „Softporno“) und wirkte doch nie wie eine Platte eines spätgeborenen Klugscheißers, der damit nur seine Spielchen trieb. Bejar hatte sich mit dermaßen langem Anlauf auf dieses gefährlich seidenglatte Feld vorgearbeitet, dass nichts schief­gehen konnte. Alle Saxofone (und Flöten) fest im Griff! Und immer im klaren Blick behalten, worin die Klasse der Fagens, McAloons und Ferrys dieser Welt tatsächlich liegt, und seinen Bowie dabei sowieso immer mitdenken!

So gerüstet, konnte der Destroyer das nächs­te Wagnis wagen: Eine Platte, die sich nicht erst ganz allmählich erschließt, sondern von Anfang an als großer Wurf angelegt ist – was nicht bedeutet, dass sie tatsächlich gleich alle ihre Trümpfe auf den Tisch legt. POISON SEASON beginnt dementsprechend amtlich mit einer Ouvertüre – der ersten Tuchfühlung mit dem „Times Square“. Streicherwiege, Pianotupfer, ein sanftes Innehalten, Dan führt uns an der Hand. Warum uns dabei Jesus ganz außer sich, verheißungsvolle writings on the wall, blühende Rosen begegnen – das wird sich ja vielleicht noch zeigen. Oder auch nicht, denn Dan Bejar bleibt in seinen Lyrics so literarisch andeutungsreich, gleichzeitig verklärt und raffiniert, wie man ihn kennt. Merken muss man sich vorerst ohnehin nur diese Zeile: „You could fall in love with Times Square“. Genau in der Mitte der Platte lädt uns der „Times Square“ dann zum big Schwof ein, als Bowie-70s-Schunkler mitsamt glühender Leadgitarre und Saxofonsolo in beachtlicher Rücklage. „You could fall in love!“ Da ist es längst passiert. Und schließlich als Reprise nach 50 Minuten, mit verwehenden Geigen. Seufz.

Allein der Werdegang dieses Stücks zeigt, wie weit Destroyer, die Band, ausholt auf POISON SEASON. Die Streicher kehren immer wieder, werden allerdings nicht einfach nur als Färbemittel eingesetzt, wie sonst meist im Pop, sondern in fein durchkomponierten Intermezzi. Und auch die Bläser, Saxofon und Trompete, erhalten große Freiheiten. An den ganzen wunderbaren Arrangements und instrumentellen Finessen dieser Platte könnte man sich überhaupt ganz dusselig hören. Wobei die Klasse der beteiligten Musiker auch darin liegt, was sie nicht spielen. Wie viel Platz sie einem Stück wie „Solace’s Bride“ lassen, damit es schwelgen kann. Oder welche Macht der Bass von „Archer On The Beach“ dadurch entfaltet, dass er unter herumjazzender E-Gitarre und herumjazzender Trompete für keinen Takt seine Contenance verliert.

Ja ja, nun ruft schon die Mucker-Polizei, ich mach eh nicht auf! Oder dreh den „Dream Lover“ ganz weit auf, dann denken die, sie haben sich in die E-Street verlaufen – oder „Forces From Above“, dann klingeln sie plötzlich irgendwo an einem Palacio in der Karibik und schauen blöd.


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