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Die Sterne Flucht in die Flucht


Staatsakt/Rough Trade

Auf seinem außerordentlich trockenen Schlagzeug spielt Christoph Leich genau elf Takte, bevor Thomas Wenzel mit einem so genüsslich spielverliebten Basslauf einsetzt, wie ihn hierzulande im Rock nur noch wenige spielen können – oder wollen. Und während man sich noch darüber freut, gesellt sich mit Stimme und verzerrter Bratzgitarre auch schon Frank Spilker hinzu, der „Beißer“ unter Deutschlands intellektuelleren Sängern – und die Sterne sind wieder da.

Nicht, dass sie je wirklich weg gewesen wären. Für ihr letztes Album 24/7 allerdings hatte sie 2010 Produzent und Gomma-Chef Mathias „Munk“ Modica in die Disco geführt, wohin ihnen nicht jeder folgen konnte – oder wollte. Danach ließ Spilker sich ein Menjou-Bärtchen stehen, zoffte sich via Facebook etwas mit Ja, Panik („Bei den meisten ihrer Claqueure jedenfalls darf man ein wohl betuchtes Elternhaus im Hintergrund vermuten“), veröffentlichte einen ersten, leider eher mäßigen – und auch entsprechend rezipierten – Roman, dessen Titel wieder nach einem Sterne-Song klang: „Es interessiert mich nicht, aber das kann ich nicht beweisen“.

Jetzt, endlich und amtlich, sind allerdings die Sterne wieder da. Ein Comeback mit Wucht. Für Flucht in die Flucht unterschrieben sie beim geschmackssicheren Berliner Indie-Label Staatsakt – und sind so zu direkten Kollegen von Ja, Panik geworden. Der Sound ist spröde, druckvoll und wandlungsfähig zugleich, zu Hause im Leisen wie im Lauten. Von heavy bis filigran, alles dabei, und alles groovt.

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Schon der Opener „Wo soll ich hingehen?“ zeigt, wohin die Reise, nun ja: gehen soll. Schwungvoll wippender Rock’n’Roll ist das, angekränkelt nur von des Gedanken Blässe: „Wo soll ich hingehen, um ich zu sein?“, bis irgendwann auch die Instrumente nachdenklich werden, innehalten – und der Song über psychedelischen Gitarrengirlanden als flockige Northern-Soul-Nummer wie seine eigene Sonne plötzlich neu erstrahlt. Zumal es auf diesem Niveau weitergeht. Das balladeske „Drei Akkorde“ thematisiert leicht angewalzert und mit elektronisch verstärkter Percussion das Altern, „Ihr wollt mich töten“ ist eine bittere und böse getextete Folk-Miniatur.

„Menschenverachtendverliebt“ bricht los wie eine B-Seite von Dinosaur Jr. und „Innenstadt Illusionen“ beschäftigt sich mit sarkastisch gesprochenem innerem Monolog aus dem Epizentrum der Gentrifizierung: „Der Typ schnappt sich jetzt doch nicht den Parkplatz, vor dem ich hier blinkend stehe, oder?“, unterstützt von süßlichen „Uuuuh“-Chorgesängen. Lyrische und musikalische Dringlichkeit, hier haben sie sich wiedergefunden. Schön, sie Hand in Hand zu sehen. Um es zur Abwechslung mal auf seinen seriösen Fachbegriff zu bringen: Wow.


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