Die Toten Hosen – TRINK AUS! WIR MÜSSEN GEHEN: Abschied mit Haltung
Die größte Rockband des Landes sagt zum Abschied noch einmal richtig laut Servus.
Was man den Toten Hosen lassen muss: Sie wissen, was die Stunde geschlagen hat. Ihr allerletztes Album TRINK AUS! WIR MÜSSEN GEHEN ist sich der eigenen Tragweite jederzeit bewusst. Kaum ein Song, der nicht auf die Vergangenheit der wohl bedeutendsten Rockband des Landes zurückblickt oder sich als Abschieds-Statement lesen ließe. Die Vorabsingle „Die Show muss weitergehen“ setzt sich auseinander mit der Last des Älterwerdens, „Trink aus“ lässt die eigene Karriere Revue passieren.
„Keine Macht den Proben“ ist eine Hymne auf den eigenen Proberaum, „Düsseldorf“ feiert die Heimatstadt der Hosen als Hort der Freundschaft. In „Lass mal nicht machen“ versichert die Band, dass sie ihren Ruhestand nicht bei „Sing meinen Song“ verbringen wird. Und „Was früher einmal war“ ist so etwas wie die offizielle Verlautbarung zum Ende der Band: „Es ist auch gut, dass es vorbei ist / Ich schwöre, dass es stimmt / Wir werden nicht vergessen, woher wir gekommen sind.“
Nicht immer wird es dermaßen selbstreferenziell. „Schlechte Nachbarn“ erkundet die Psyche des Landes, und „Was ist mit uns los“ ist der vielleicht stärkste Song des Albums, eine so simple wie effektive Argumentationshilfe für die nächste Konfrontation mit dem Rechtsruck: „Du sagst, du willst dein Land zurück / ich versteh nicht, was du meinst / Das dritte Reich von Hitler / Oder Deutschland in zwei Teil’n.“ So demonstrieren die Hosen zum Abschied genau noch mal jenen Balanceakt zwischen Kopf-hoch-Lebenshilfe und politischer Verantwortung, der sie mitten in den bundesdeutschen Mainstream befördert hat – auch weil sie beides in ansteckende Hymnen verwandeln können, die jede und jeder unfallfrei aus dem Stand mitsingen kann.
Diese Fähigkeit, im Notfall alles vorurteilsfrei zu umarmen, beweisen sie auch noch einmal mit dem Bonus-Album. Da covern sie Songs, die ihnen etwas bedeuten – und die Urheber erweisen ihnen Reverenz. Die Gästeliste reicht von Jürgen Engler bis Wolf Biermann und Bettina Wegener, von Vicky Leandros bis zu Blixa Bargeld, von Hannes Wader und Wolfgang Niedecken zu Alphaville und den Stranglers. Was für ein Spagat. Der konnte so nur den Toten Hosen gelingen.