Harry Styles ist zurück: Warum sein neues Album zwischen Disco-Pop und Stadion-Euphorie funktioniert

Mit seinem neuen Album KISS ALL THE TIME. DISCO, OCCASIONALLY liefert Harry Styles wieder Pop für die große Bühne – Disco-Vibes, perfekte Produktion und sichere Hits.

Harry Styles
Kiss All the Time. Disco, Occasionally
Columbia /Sony (VÖ: 6.3.)

Prunk-Pop für Styler, Freigeister und hauptberufliche Fans. Harry Styles geht zwar kein Risiko ein, tritt mit dem neuen Album aber keinesfalls auf der Stelle.

Von Geburt an Hauptperson

Als Harry Styles am 28.2.2026 zum ersten Mal seit Langem wieder sichtbar wurde, bei den diesjährigen Brit Awards nämlich, konnte man sofort schnallen, was diesen Typen so außerordentlich und unwiderstehlich macht.
Zu Gehör brachte der 32-Jährige die erste Single seines neuen Albums. „Aperture“ ist natürlich auch gleich wieder ein Hit. Der Song bringt alles mit, was Menschen mit Freude am Pop erwarten, liefert aber keine Einheitsware, sondern ist anschlussfähig an Meta-Diskurse, weil Styles’ Musik immer auch gleich ihre Außenwirkung mitdenkt und reflektiert. Keine Ahnung übrigens, ob gewollt oder zufällig. Jedenfalls: langsamer Aufbau, Durchdreh-Refrain, Dancefloor! Der Track ist gefällig ungefällig, ihm ist nichts vorzuwerfen, schon gar nicht Ausverkauf oder so.

„In no good state to receive. Go forth, ask questions later. Trap doors, you’re toying with me. Dance halls, another cadence“, heißt es in dem Song. Er thematisiert – flankiert übrigens durch ein hervorragendes Video – den nächtlichen Eskapismus, der ja immer auch als Flucht vor sich selbst gelesen werden kann oder auch einfach nur als ein Manöver der Selbstauflösung in Gruppen, Clubs, Nächten. Steht er stellvertretend für die Linie des ganzen Albums? Let’s see …

Die ganz große Bühne also wieder. Styles, von reichlich jeanstragenden Tänzer:innen umhüpft, tut bei den Awards, was ihm zurzeit und seit Langem niemand auf diesem Level nachmacht: lässig sein.

In ein crispy gestärktes Hemd mit Krawatte und 30er-Jahre-Hosen gewandet, lässt er keinerlei Zweifel darüber aufkommen, dass er sich in seinem natürlichen Habitat befindet. Sein federleichtes Bühnenschlendern mündet in eine zackige Choreo, die jeden, noch so kleinen Fehler nicht verziehen hätte (weshalb auch keiner gemacht wurde), und lässt das Publikum willenlos liebend zurück. Styles ist im Grunde nicht von dieser Welt, wenn er gerade mal wieder dabei ist, alles richtig zu machen und zugleich jungenhaft spitzbübisch und irgendwie grüblerisch erwachsen zu wirken. Er, ganz Körper, ganz im Augenblick, kann sich alles erlauben, weil er im Grunde schon alles erreicht und erlebt hat. Er steht auf dem Plateau, der totale Abstieg in das Vergessenwerden scheint keine Bedrohung mehr zu sein. Hier gibt es Überschneidungen mit Robbie Williams, vermutlich aber ohne den ganzen Alk, die vielen Drogen, Dauerdepressionen und Bühnenangst.

Dem Namen alle Ehre machen

Ab 2010 war Styles Mitglied in einer der letzten Boybands alten Zuschnitts. „One Direction“ hatte zuvor die britische Casting-Hölle gewuppt, war supererfolgreich, löste sich allerdings 2015 auf, und Styles konnte nach der Ochsentour durch kreischende Girlmassen ab 2017 endlich sein Solo-Ding starten. Nichts anderes hatte man erwartet, stach er doch auf so viele unterschiedliche Arten aus der Group heraus, wie einst Beyoncé aus „Destiny’s Child“.

Es folgten Soloalben, eine Welttournee, Stadien, Nr.-1-Hits in den USA, das Überstehen der Pandemie, vier Filme, die Trauer über den Tod seines Freundes und ehemaligen Bandkollegen Liam Payne vor zwei Jahren und immer wieder MODE! Große Kragen, Glitzerlatzhosen, Ketten, Federboas, Brillen, kurz: GUCCI, CAMP – alles mit Grandezza und trotzig-schluffiger Selbstverständlichkeit präsentiert – trugen zu einem Gesamtbild bei, das ihn in Höhen hinaufschraubte, die zwar Unantastbarkeit suggerierten, zugleich aber auch alles an ihm anschlussfähig machten an das, was gerade popkulturell so rumlag. Genderfluidity, Bisexualität, Selbstikonisierung. Weg von eindimensionaler Sexualität, weg von all der Kleinmädchen-Fan-Fiction, die seit Jahren im Umlauf war. Das war teils mutig, teils Kalkül, aber vor allem eins: erfolgreich.

Zwischenzeitlich ruderte Styles stylemäßig wieder etwas zurück, denn wer will schon Nagellack und Perlenkette tragen, wenn jeder Fynn-Luca aus Kleinkleckersdorf das mittlerweile auch tut. Auch hier wieder: Abgrenzung, sofortiger Check der eigenen öffentlichen Persona, Richtungswechsel. Und die Musik?

Eine Disco nach der anderen Disco

Vier Jahre hat Styles sich für sein viertes Album Zeit gelassen. Zwischendurch wurde u. a. in Berlin Station gemacht, wo er NATÜRLICH im Berghain anzutreffen war, Immos erwarb, in den Hansa-Studios herumwerkelte und unter dem Pseudonym „Sted Sarandos“ am Marathon teilnahm. Böse Zungen behaupteten gar, er würde systematisch die Humana-Shops in prekären Vierteln plündern, aber nichts Genaues weiß man nicht. Okay, das Album:

12 Tracks, nicht jeder ein Banger, ABER: Da ist schon viel Schönes dabei …

Auffällig: die glasklare, um nicht zu sagen kristallartig geschliffene Produktion. Detailverliebt und unterschwellig innovativ bewegen sich die Stücke zwischen Yacht-Rock-Anleihen, Pet-Shop-Boys-Vibes, Elektrounderground und anspruchsvollen Slow-Disco-Produktionen der unbekannteren Sorte. Das alles ist sehr bouncy, sehr ambitioniert, aber auch durchschaubar. Styles will sich nicht nachsagen lassen, in Selbstwiederholungsspiralen gefangen zu sein, ist offensichtlich offen für Ratschläge von außen, bedient aber doch wieder alte Muster: STROPHE-DURCHDREHREFRAIN-STROPHE-BRIDGE-DURCHDREHREFRAIN. Das bekannte, altbewährte Konzept.

Man wartet auf den Moment, wo wieder losgehüpft werden kann, und dieser Moment kommt so zuverlässig wie die Dusche nach dem Club. Textlich dreht sich alles um Ich, Wir, den MOMENT.

In „American Girls“ singt Styles sanft, fast silbrig und durchschimmernd auf „Kings of Convenience“-Art. Das ist hübsch. Es entspricht ihm irgendwie.

„Ready, Steady, GO!“ geht zuverlässig refrainmäßig auf die 12, allerdings über den Umweg eines sehr ruhigen Gitarrenparts, was irgendwie ungewöhnlich anmutet.

„Are You Listening Yet“ hat Sprechgesang mit Tribalgetrommele im Gepäck und „Taste Back“ bietet, in Songstrukturen eingebettet, elektronische Spaßspielereien, wie sie vor 18 Jahren bereits von diversen Australiern dargeboten wurden.

„The Waiting Game“ wartet mit verdruckstem Gesang auf, aber auch mit ansprechendem Geklimper im Hintergrund. „Season 2 Weight Loss“ macht Freude durch sich durchziehende Snare-Gewitter, und „Coming Up Roses“ ist wirklich toll. Yachtrockhaftigkeit, Streicher, sanfter Gesang, Wärme. „Pop“ ist ebenfalls klasse. Treibender Beat, großartige Bassläufe, Eskapismus!

„Dance No More“ ist ein L.A.-Dance-Song, aus dem man das alte Holz im Aufnahmestudio herauszuhören glaubt, das vermutlich gar nicht vorhanden war. Chöre, unterschwelliges Klötern. Ein tolles Stück zum Flaschensortieren im Wohnungsflur.

„Paint By Numbers“ ist ein Schmusesong mit Gitarre, hier erinnert Styles’ Gesang lustigerweise stark an den von Damon Albarn.

„Carla’s Song“ bildet den Abschluss. Leichtfüßig, ziemlich konventionell, aber mit engelsgleichen Chören aufwartend, entließe er uns ins Morgengrauen, hätten wir durchgemacht.

Die Arena lockt wieder

Denn – wir müssen nicht um den heißen Brei herumreden – dafür sind die Songs ja gemacht.

Den Bienenkorb im Hintergrund hört man schon von Weitem summen. Hier wird emsig an der Umsetzung der Songs auf der ganz großen Bühne gearbeitet, an Outfits, Signalen und Zeichen, Geschichten und Gerüchten. Es wird an POP gearbeitet. Daran ist nichts auszusetzen. Er kann helfen, all das auszuhalten, was eigentlich zurzeit kaum aushaltbar ist. Weltweit. Das ist das Gute daran. Diese Musik kann eine Brücke sein, weil sie ÜBERALL funktioniert. Früher musste man Coldplay aushalten, jetzt haben wir zum Glück Harry Styles. Es ist nicht alles schlechter geworden.