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Judith Holofernes Ich bin das Chaos

Därängdängdäng/Embassy Of Music/Warner

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Foto: Därängdängdäng/Embassy Of Music/Warner

Das zweite Soloalbum nach den Helden ist ein großer Schritt nach vorne. EIN LEICHTES SCHWERT kam 2014 als bratzig-trotzige Platte daher, es klang wie aus einer Südstaaten-Garage entführt, was charmant war, auf Dauer jedoch an Wirkung verlor. Für ICH BIN DAS CHAOS hat sich Judith Holofernes nun mit dem Singer/Songwriter Teitur von den Färöer Inseln zusammengetan, der gleich zu Beginn Ordnung empfahl: Es dürfe gerne wieder hoch hergehen im Holofernes-Universum, aber eine gewisse Klangklasse wolle man nicht unterschreiten. Daher klingt ein Stück wie „Analogpunk“ wieder bratzig-trotzig – fällt aber nicht aus dem Rahmen. Weil ICH BIN DAS CHAOS dadurch wärmer klingt, ist die Distanz zum Helden-Werk nicht mehr groß.

„Charlotte Atlas“ rennt „Aurelie“ hinterher, in „Das Ende“ pocht „Die Reklamation“, der Saloon-Pop von „Unverschämtes Glück“ wäre auf VON HIER AN BLIND gut aufgehoben gewesen. Das alles ist nett bis prima, wird aber in den Schatten gestellt von zwei klassischen Balladen, über deren Klasse wir staunen. „Der letzte Optimist“ ist ein depressives Lied aus einer bemerkenswert desolaten Perspektive: Jemand, der immer an das Gute glaubt, liegt am Boden, die Lage ist dermaßen aussichtslos, dass die Polizei nicht einmal einen Grund zur Verhaftung sieht. Judith Holofernes singt erst so tief wie nie, dann kiekst sie – und es klingt wie das letzte Stückchen Würde, das sich schließlich in genau den Satellitenschrott auflöst, der im Himmel die Idee des Lieben Gottes verdrängt.

Und es geht noch besser: „Der Krieg ist vorbei“ taucht in einer Reihe mit Elvis Costellos „Shipbuilding“ oder Billy Braggs „Rumours Of War“ auf. Songs über den Krieg sind schwierig, zu offensichtlich ist der Schrecken, zu feige die Perspektive, wenn man sie aus einem Land heraus schreibt, in dem die letzte Bombe vor 72 Jahren vom Himmel fiel. Judith Holofernes wählt als Ausgangspunkt den Moment, an dem der Krieg vorbei ist. Aus dem Radio tönt ein „Hallelujah“, der Frieden ist da, aber natürlich hat der Krieg etwas angerichtet: „Vor jedem Mauseloch sitzt ein fetter Kater/ In jedem Haus hier wird ein toter Mann Vater/ Ein Einkaufszentrum in jedem Krater.“ Am Ende bleibt ein letztes Seufzen: „Der Krieg ist vorbei – zwei, drei, vier, was machst du noch hier?“ Weltklasse.

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