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Prioritise Pleasure: 10 Songs über Sex, in denen alle Spaß haben (II)

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Songs über Sex, zum Zweiten. Bei den Gesprächen über #deutschrapmetoo wurde wieder eines deutlich: Die Art und Weise, wie in vielen Songs aus Pop, Rap und Rock über Sex gesungen wird, ist oft ziemlich räudig. Oder übergriffig. Oder misogyn. Oder traurig. Oder kalt. Oder alles zusammen. Dabei gab es schon immer erfreuliche Ausnahmen, selbst zu Zeiten, als die Gesellschaft (oder der männliche Teil davon) noch viel frauenfeindlicher eingestellt war. Anstatt uns aber die Laune mit den zahlreichen schlimmen Beispielen zu verderben, sammelten wir erstmal in der Redaktion mit den besten Songs zum Thema. So entstand diese Liste:

Da unsere Songs über Sex aus dem Stand zum best geklickten Artikel der Woche wurden und uns noch einige eingefallen sind, wollen wir die Liste wie angekündigt ein wenig weiterführen. Gleichzeitig fragten wir euch auf unserem Instagram-Account, welche Lieder wir noch vorstellen sollen. Daraus haben wir uns die spannendsten rausgepickt. Sehr passend fanden wir den ehrlichen Post von User @thomtone, der schrieb: „Verdammt. Ich habe sofort 25 Songs im Kopf, die genau das Gegenteil verkörpern. Da merke ich erst jetzt wie toxisch Sexualität in Musik ist“. Zeit, das zu ändern! Mit Texten von Christin Rodrigues, Samira Joy Frauwallner, Daniel Koch und Michael Schütz. Viel Spaß dabei!

„She Bop“ von Cyndi Lauper

Wenn die hoch geschätzte Judith Holofernes uns bei Instagram Songs über Sex ans Herz legt, müssen wir diesen hier selbstverständlich übernehmen. Der 1983 auf dem Album „She’s So Unusual“ veröffentlichte Song „She Bop“ von Cyndi Lauper kam 1984 noch mal als Single raus und schaffte es da bis auf Platz 3 der US-Single-Charts. Was recht eindrucksvoll ist für ein Lied über Masturbation, in dem eine Frau davon singt, dass sie es sich mit einer Ausgabe des Gay-Magazins „Blueboy“ nett macht. Geholfen hat dem Song sicherlich das Entsetzen des prüden Amerikas. „She Bop“ landete ein Jahr später auch mit Kollegen wie Prince, Judas Priest, Mötley Crüe und W.A.S.P. in der „Filthy Fifteen“-Liste des „Parents Music Resource Centers“ – das ist die Vereinigung, der wir später den „Parental Advisory“-Aufkleber verdankten, der wohl zur besten unfreiwilligen Promo-Kampagne der Musikgeschichte wurde.

„Rammeln“ von Pöbel MC

Dieser Song wurde erstaunlicherweise von euch am meisten genannt. Pöbel MC ist ein Rapper aus dem Hause Audiolith und hat auf seinem „Pöbel Sports Tape“ 2019 den Versuch gewagt, prollig und pöbelnd über das F…, pardon „Rammeln“ zu schreiben. Ist ihm ganz gut gelungen – vor allem Diss an die Deutschrap-Kollegen und ihre Ficki-Ficki-Schülerreime sitzt: „Jetzt kommt der sexuelle Würdenträger / Deine Player-Crew sind nur ungeübte Schürzenjäger / Du machst auf Sex Rapper doch sext dann wie ein Sechstklässler / Also eher nicht / Und wenn doch dann ist es komisch.“ Im Refrain fordert er dann: „Alle Heten, alle Homos, Dicker – rammeln! / Ob zärtlich oder hart, jeder so wie er es mag / Doch am besten jeden Tag / Dicker, rammeln! Dicker was? Rammeln!“ Prollige Songs über Sex, die trotzdem korrekt sind, kann es also auch geben.

„Prioritise Pleasure“ von Self Esteem

Ein sehr aktuelles Beispiel und sozusagen unser „Titelsong“ zur heutigen „Songs über Sex“-Liste kommt von Self Esteem. Hinter dem Namen verbirgt sich die Sängerin und Songwriterin Rebecca Lucy Taylor, die schon mit ihrer Band Slow Club ganz wundervolle Lieder schrieb. Bei Self Esteem wird es lyrisch nun noch persönlicher. Sie thematisiert Geschlechterrollen, guten und schlechten Sex, zwischenmenschliche Verletzungen, ihre Bisexualität und immer wieder: Empowerment. Was sich auch in der Musik ausdrückt: Viele der seit 2017 veröffentlichten Tracks haben aufputschende Percussions, einnehmende Frauenchöre und Texte, die zwar auch die dunklen Seiten der eigenen Psyche ausloten, aber immer wieder ins Licht streben. „Prioritise Pleasure“ klingt wie ein Friedensangebot an den eigenen Körper und wie eine Hymne an die eigene Lust. Vor allem wenn der Chor den Refrain schmettert, weiß man exakt, was sie meint: „So I’m breathing in / One, two, three / Prioritise pleasuring me / No need to wait for bended knee / I’m free.“

„Das quietschende Bett“ von Östro 430

Guter Sex darf auch mal laut sein. Und gute Songs über Sex auch. Das Fanden Östro 430 schon 1981. Die Düsseldorfer Frauen-Punkband um Martina Weith existierte von 1979 bis 1984 und teilte kräftig aus gegen das Spießertum, gegen sexuelle Unterdrückung und gegen den Chauvinismus der Gesellschaft, der auch in der eigenen Szene damals recht unerträglich gewesen sein muss. In „Das quietschende Bett“ geht um die Auseinandersetzung mit den verklemmten Nachbarn, die der Sängerin den Spaß nicht gönnen. Im Refrain heißt es: „Sie woll’n mich in die Klapse schicken / Denn mein Bett, das quietscht beim Ficken / Sie gönnen mir nicht meinen Spaß / Und im mir sitzt tiefer Hass“. Im letzten Jahr erinnerten sich plötzlich viele an diese lange verkannte, geniale Band, als das Tapete Label unter dem Titel „Keine Krise kann mich schocken“ noch mal alle Studioaufnahmen veröffentlichte.

„Tempo“ von Lizzo feat. Missy Elliott

In ihrer 2019 veröffentlichten Videosingle „Tempo“ feat. Missy Elliott gibt Lizzo klare Anweisungen an ihre Lover und unterstreicht dabei ihre Ansichten. Was dabei natürlich nicht zu kurz kommen kann, ist das Zelebrieren ihres Körpers. Neben Beschreibungen, wie man es richtig macht und wie sie es mag, hebt sie ihre körperlichen Stärken hervor. Sei es durchs Twerken oder dem Entgegensetzen von sexistischen Vorstellungen, dass eine Frau eine High Fashion-Modelfigur besitzen müsste. So singt sie: „Prrr me a glass, boy, I like my water wet / Throw it back / Catch that / I need a jack / For all of this ass, but it won’t go flat / Baby, baby / Come eat some of this cakey / He look like he could gain a little weight / Lick the icing off, put the rest in your face“. Dabei spielt die männliche Ansicht ihres Körpers keine Rolle. Die 33-Jährige lebt vor, ihr eigenes Vorbild zu sein und die alleinige Bestimmerin dessen. Dabei rundet Missy Elliotts Part lyrisch die Thematik des Songs ab. Mit dem Ausruf „Go on Ladies, head to the floor“, resümiert sie versiert das Motto des Songs: Tu was du willst und lass dich nicht deswegen verurteilen.

„Dauerlutscher“ von den Straßenjungs

„Dauerlutscher“ ist das 77er-Debütalbum des Punkquartetts Die Strassenjungs. Lange standen die Frankfurter für ihre politisch aggressiven Texte auf dem Index. Die vier sangen über spätkapitalistischen Waren-Konsumismus und Autoerotik („Jeder Mensch ist mal alleine – und nimmt dann die rechte Hand“), waren gegen Unterdrückung, Militarismus, Faschos. Ihre oft herrlich primitiven Texte sollten Spießer schocken. So auch der Song „Dauerlutscher“: Darin geht es um die gegenseitige Oralbefriedigung zwischen zwei Personen: „Wir liegen auf’m Rasen / und Du willst nochmal blasen. / Kannst Du’n Stückchen rutschen / dann kann ich Dich auch lutschen.“ Dreckig, aggressiv und provozierend geht es in diesem Lied um die Befriedigung beider Parteien.

„You Suck“ von Consolidated feat. The Yeastie Girls

Consolidated zählen eh zu den spannendsten Bands der 90er. Adam Sherburne, Mark Pistel und ihre wechselnden Mitstreiterinnen und Mitstreier sprangen nur so durch die Stile, hatten Industrial, Rap, Soul, Funk und Electro im Oeuvre und waren im gleichen Maße Aktivisten wie Künstler. Ihre mal knallharten, später auch mal smoothen Songs über Vegetarismus, Frauenrechte, Tierwohl oder gegen Rassismus und Homophobie lasen sich wie eine Kreuzung aus Pamphlet und Poem. Songs über Sex hatten sie ebenfalls im Programm. 1992 veröffentlichten sie „You Suck“ als Single vom Album „Play More Music“ und wurden damit tatsächlich in zahlreichen Indie-Clubs gespielt. Die Mikrofone überließen sie dem feministischen Rap-Trio Yeastie Girlz, das den Namen natürlich gewählt hatte, um den damals noch sehr chauvinistisch-pimmeligen Beastie Boys ans Bein zu pissen. In „You Suck“ rappen sie: „I know you’re really proud, cause you think you’re well-hung, / But I think it’s time you learn how to use your tongue.“ Recht haben sie.

„Wenn dann das hier“ von Muff Potter

Gerade bei den Emo-Songs aus den Nullerjahren sollte man zum Selbstschutz oft nicht so genau zuhören, wenn es um Songs über Sex geht. Wie man(n) es richtig macht und das auch noch in deutscher Sprache, haben 2005 Muff Potter bewiesen. Die uns ihr „Wenn dann das hier“ mit einem netten Herzchen übrigens auch bei Instagram in Erinnerung riefen. Was in ihrem Fall total klar geht, dann man hört diesem erstaunlichen Lied an, dass Nagel hier wirklich mal mit drei Akkorden und seinem rauchigen Organ intime Zweisamkeit vermitteln will, die man sich sich gemeinsam erspielt. „Ich will alles nehmen und geben / Das ist jetzt und das ist hier – und das sind wir / Wir erfinden eine neue Welt aus brodeln und beben / Wenn irgendwas gut ist, dann das hier.“ Kann man ja auch nicht oft schreiben, dass deutscher Punk hier mal ganz sexy klingt …

„Work It“ von Missy Elliott

Und noch einmal Missy Elliott: 2009 veröffentlichte sie ihre Videosingle „Work it“. Darin gibt sie die Regie-Anweisungen der sexuellen Begierde und war damit mal wieder der Zeit voraus. Sie erklärt ihrem Partner, was ihre Präferenzen sind und ist Frauen schon früh ein Beispiel für eine aktive und dominante Rolle in der Sexualität. Missy fordert ein, dass auf gegenseitige Bedürfnisse geachtet wird. Und das kann auch mal in einem schärferen Ton erfolgen. „I’d like to get to know ya, so I could show you / Put the pussy on ya, like I told ya / Gimme all your numbers so I can phone ya / Your girl acting stank then call me over / Not on the bed, lay me on your sofa / Call before you come, I need to shave my chocha / You do or you don’t or you will or you won’t ya / Go downtown and eat it like a vulture.“ Denn so kann Sexualität ebenfalls für beide Beteiligten florieren, wenn die Frau bestimmt wie, wann und wo die Zweisamkeit zelebriert wird. Dabei hebt Missy insbesondere hervor, dass eine Frau ihre weibliche Sexualität ausleben kann, ohne sich in einer festen Beziehung befinden zu müssen und einem Mann nichts schuldet.

„WAP“ von Cardi B feat. Megan Thee Stallion

Einer der Songs des letzten Jahres! Die saftige, feministische, witzige, sexy, pornöse Hymne auf die „wet ass pussy“ und den richtigen Umgang damit hat einige Leute empört, aber einen großen Teil der Welt begeistert. Obwohl, oder gerade weil so mancher rote Ohren bekommt, wenn Cardi und Megan mit Metaphern um sich werfen, die klingen, als hätte man sie den Dialogen oder Werbetexten der 70er-Jahre-Pornos entnommen. Das Video und diverse TV-Auftritte der beiden taten das übrige. Beste Promo auch hier: ein empörter Kommentar eines Spießers. So schrieb der republikanische Politiker James P. Bradley auf Twitter: „Cardi B und Megan Thee Stallion sind das Ergebnis einer Erziehung ohne Gott und starke Vaterfigur. Ich habe ihren neuen ‚Song‘ versehentlich gehört und wollte dabei Weihwasser in meine Ohren schütten. Zukünftige Mädchengenerationen tun mir leid, wenn das ihre Vorbilder sind!“ Is‘ klar, Alter. „Versehentlich“ gehört. Kennen wir, diese Ausreden …


It’s the end of the world as we know it – and I still feel something: Paulas Popwoche im Überblick
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