Kedr Livanskiy  Your Need 


2MR/Indigo (VÖ: 3.5.) 

Für die Theorie von der Popmusik als Verbindung musikalischer und außermusikalischer Reize, die sich erst im Bewusstsein des Rezipienten zu einem Gesamtbild fügen, ist Kedr Livanskiy ein Paradebeispiel. Man muss nur das Cover ihres ersten Albums ARIADNA (2017) mit dem von YOUR NEED vergleichen. Dort: ein geheimnisvolles Schwarz-Weiß-Foto im schwarzen Rahmen, die Künstlerin ist von hinten zu sehen, wie sie sich in der Natur an einem Ast zu schaffen macht. Hier: ein Farbfoto neben einem knallgelben, gedruckten „OBI-Strip“, die 28-Jährige sitzt auf einem Baumstumpf auf einer Wiese, Schlaghose (Fake-Schlangenleder), enges Top, High Heels, und sie spielt gedankenverloren mit einem Grashalm.

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Scheint so, als ob die Produzentin aus Moskau ihre Selbstinszenierung als irgendwie geheimnisvoller Mensch in Richtung einer dezent sexualisierten, freaky Instagram-Persönlichkeit gedreht hat. Lag der Reiz des Debüts in der Uneindeutigkeit, mit der Kedr Livanskiy Industrial, Techno, Dream Pop, Shoegaze und Elektro-Pop verband, liegt die Stärke von YOUR NEED darin, wie diese Stile ausformuliert und erweitert werden, um ein paar Einflüsse aus Dub, House und Avant-Pop.

Wie im Titeltrack Dub-Rhythmik, Minimal-House-Ästhetik und 90er-Synthiefanfaren zusammenfinden, charakterisiert die stilistische Fusionskraft dieses Albums ganz gut. Es ist nach einer Zeit der Identitätskrise und Melancholie zusammen mit Flaty, einem befreundeten Produzenten aus St. Petersburg, entstanden. Und es ist ein großer Schritt für die Künstlerin. Kann aber auch sein, dass diese Einschätzung einfach nur der Empfindungsübertragung von der Coverästhetik auf die Musik geschuldet ist.   

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