Album der Woche

Lonnie Holley

Mith

Jagjaguwar/Cargo

Musikalische Skulpturen, die afroamerikanische Narrative aufgreifen und in Annäherungen an Spiritual-Jazz und Ambient einen Ort vor dem Pop erkunden.

Lässt sich über eine Platte von Lonnie Holley schreiben, ohne seine Skulpturen, seine quer durch die Staaten kuratierten und zu Berühmtheit gelangten Outsider-Waste-Art-Werke zu erwähnen? Jedenfalls sollte man bei Holley nicht von Songs, sondern von musikalischen Plastiken sprechen, in seinen Stücken arbeitet der Amerikaner Materie von Rohstoffen ab, er kratzt, beißt und schraubt sich in diese Musik rein, mit allem, was ihm zur Verfügung steht. Mit der Stimme, mit seinen Fingern auf den schwarzen Tasten eines Pianos, mit einem kleinen Verein von Improvisationsgenies (Laraaji, Shahzad Ismaily, Richard Swift und Sam Gendel, der schon für Moses Sumney gespielt hat).

In „Back For Me“ schlingert diese Stimme zwischen Keyboardtupfern und Flötentönen, die wir allenfalls aus dem Free-Jazz kennen. Wenn Holley die Vokale dehnt und auf ihnen zu wackeln beginnt, werden Erinnerungen an den frühen Van Morrison wach, meistens aber ziehen diese Stücke weit an der Musik vorbei, die gemeinhin mit der Geschichte des Pop verbunden ist.

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JUST BEFORE MUSIC so lautete der Titel seines Debütalbums, das der 15-fache Vater (selbst als siebtes von 27 Kindern geboren) 2012 im besten Alter von 62 veröffentlicht hat, ein Lo-Fi-Spiel, das von Formfindung und Soul-Searching handelte, ein ätherischer Space-Trip mit Schmutz und Tränen an den Rändern. Das sind die Impressionen, die Holley bei den Streifzügen durch seine Umgebung auch jetzt wieder mitnimmt. Da­rin greift er afroamerikanische Narrative auf, die Misshandlung und Vernachlässigung zum Thema haben und am Ende den Twist ins Hier und ins Jetzt kriegen: „I Woke Up In A Fucked-Up America“. Ein cinemaskopischer Breakdown in Brass, Beats and Moaning, intensiver hätte man diesen amerikanischen Schrecken nicht illustrieren können.

Davor und dahinter: Ambient-Skizzen, so etwas wie verzerrte Minimal-Musiken, ein Knurren, das diese Welt dennoch umarmt. Die zehn Stücke auf MITH entstanden in einer Spanne von fünf Jahren an verschiedenen Orten (Porto, New York, Cottage Grove/Oregon und Atlanta/Georgia), sie überwinden Raum- und Zeitkoordinaten in einem großen Stream of Consciousness, der die Kunst zur letzten universellen Hoffnung erklärt. Um den Titel eines amerikanischen Bestsellers zu zitieren: ein herzzerreißendes Werk von umwerfender Genialität.

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