Melanie Baker

SOMEBODY HELP ME, I’M BEING SPONTANEOUS!

Tambourhinoceros/Cargo (VÖ: 10.4.)

Schmerzhaft ehrlich, aber auch wunderbar mutmachend: Die Britin begegnet der Traurigkeit mit extrem catchy Indie-Grunge.

Zum Einstieg ihres Albumdebüts betreibt Melanie Baker Urschrei-Therapie. Muss sein. Denn manchmal fühlt man sich nämlich einfach „AAAAAHHHHHHHHH!“. Nur leider lassen sich Probleme nicht mal eben so wegbrüllen. Und Probleme hat die Songwriterin aus Newcastle einige im Gepäck. Schon auf ihrer 2024er EP „Burnout Baby“ hießen die Songs „This Won’t Be Pretty“ oder „All My Plants Have Died“.

Auf der Single „Sad Clown“ singt Baker nun zur apathisch dengelnden E-Gitarre von selbst gepflanzten und nie geernteten Tomaten und von Nasenbluten im Bus. Ohne Weichzeichner malt sie das Bild einer depressiven Episode, die sich notdürftig hinter einer coolen Fassade verschanzt. Und sie rappelt sich zu einem kämpferischen Mantra auf: „I don’t wanna feel like this!“ Dazu tosen die E-Gitarren los. Würde eine ultimative Mental-Health-Hymne gesucht, „Sad Clown“ wäre ein verdienter Kandidat.

Einfach und wirkungsvoll

Der Mix aus Verzweiflung, Wut und trockenem Humor, das Verwandeln von mentalen Tiefpunkten und dem einhergehenden Alltags-Chaos in mitreißende Energie zieht sich durch SOME BODY HELP ME, I’M BEING SPONTANEOUS. In „My Head Fell Off Last Night“ findet Baker mit der lässigen Slacker-Rock-Attitüde einer Courtney Barnett originelle Metaphern für ihre psychische Verfassung und vermischt diese mit schmerzhaft authentischen Reality Bites, während der Song zum wilden Fuzz-Fest hochkocht. Auch „Slugs“ macht eine Metamorphose durch: von der Akustikballade zur lärmigen Katharsis.

Youtube Placeholder

An dieser Stelle findest du Inhalte aus Youtube
Um mit Inhalten aus Sozialen Netzwerken zu interagieren oder diese darzustellen, brauchen wir deine Zustimmung.

Da werden Erinnerungen an die – mittlerweile getrennten – südenglischen Kolleg:innen von Porridge Radio wach, deren drittes Album vor vier Jahren an genau dieser Stelle im Heft auftauchte. In einem Duett mit Porridge-Radio-Sängerin Dana Margolin, bekannt für ihre Furchtlosigkeit und Intensität, könnte sich Baker sehr gut in Rage schreien.

Melanie Baker weiß, wovon sie singt

Klingt irgendwie doch ganz schön deprimierend? Ist es nicht. Wie viele 90er-inspirierte Indierockerinnen der Gegenwart lädt Baker ihren grungy Sound mit ordentlich (Power-)Pop auf. Und mit queerem Empowerment. In „HAHA!“ lacht Baker aus ihrem Bett – nicht ohne Selbstzweifel – jenen ins Gesicht, die sie verbiegen wollen. „Ich habe so viel Freiheit und Befreiung gefunden, indem ich mir erlaubt habe, albern zu sein und wieder Spaß zu haben, obwohl ich in einer Welt lebe, die queere Freude immer noch nicht akzeptieren will“, kommentiert sie das Motiv des Liedes.

In „Real Life“ stürzt sie sich mit einer kindlichen Freude ins echte Leben (oder ist es doch Fantasie?), angetrieben von einem elektrisierenden Sirenen-Riff, das aus einem Elastica-Hit von 1994 stammen könnte. Ihr gelingen jedoch nicht nur aufbrausende Ohrwürmer: Der Lagerfeuer-taugliche „Bye Bye, Loser Blues“ ist ein lethargischer, aber ins Schwarze treffender Abgesang auf die Zwänge der kapitalistischen Arbeitswelt: „When are we gonna walk out that door? / Don’t look back / All the money’s on the floor.“ Die Schlussbotschaft ist deutlich: „You’ll Get Better“. Es ist eine anderthalbminütige Mutbotschaft an die Hoffnungslosen und Erschöpften da draußen. Einfach und wirkungsvoll. Denn wir haben erfahren: Melanie Baker weiß, wovon sie singt.