Mitski
NOTHING’S ABOUT TO HAPPEN TO ME
Dead Oceans/Secretly/Cargo (VÖ: 27.2.)
Neuerfindung, die achte: Mit Orchester und krachenden Gitarren ergründet die Indie-Rock-Heldin ihre psychischen Abgründe.
Sie scheint sich endlich angefreundet zu haben mit ihrem Status als Darling des Indie-Zirkus und Objekt des Begehrens einer frenetischen Fanculture – jedenfalls hat Mitski in den letzten Jahren nicht mehr damit geliebäugelt, das Musikbusiness ein für allemal zu verlassen, wie noch 2019 nach ihrem Durchbruch mit ihrem fünften Album BE THE COWBOY. Im Gegenteil, letztes Jahr umarmte sie ihren Status mit einem Konzertfilm und einem Livealbum. Das nennt man dann wohl angekommen im Rockstarstatus.
Zeit also wieder für etwas Neues, Zeit also für die nächste Neuerfindung, wie es Mitski mit jedem Album ihrer Karriere versucht hat. So auch diesmal, zumindest teilweise, denn NOTHING’S ABOUT TO HAPPEN TO ME, das sie auch diesmal wieder mit ihrem Haus-und-Hofproduzenten Patrick Hyland aufgenommen hat, könnte man mit seinen Americana- und Indie-Rocktendenzen als Fortsetzung des letzten Albums sehen – einerseits. Denn andererseits hat das Album wieder einen ganz eigenen Charakter, anders würden wir es von Mitski auch gar nicht erwarten, die sich in den letzten Jahren mit jedem Album eine neue Identität angezogen hat, oder einen anderen Aspekt des Dauerthemas „Seltsame Frau gegen eine noch seltsamere Welt“ beleuchtet hat.
Man hört eine Mitski, die auf ihre eigene, verschrobene Weise in sich ruht
NOTHING’S ABOUT TO HAPPEN TO ME bleibt diesem Sujet treu, aber man hört eine Mitski, die auf ihre eigene, verschrobene Weise in sich ruht und Frieden mit ihrem eigenen Hadern an der Welt gefunden hat. Im Video zur Ankündigungssingle „Where’s My Phone?“ etwa sehen wir eine ebenso verschrobene wie exzentrische, aber auch verzweifelte Mitski, die ihre Schwester vor seltsamen Eindringlingen schützen will. Es liegt da nahe, an ihr eigenes Unbehagen mit der Übergriffigkeit der Öffentlichkeit zu denken. Aber einfach nur zu lamentieren liegt der in Japan geborenen US-amerikanischen Künstlerin nicht, nein, sie liefert eine grandiose Handysucht- und Absturzelegie im Indie-Rock-Outfit.
Und bleiben wir beim Wörtchen „Rock“, denn schöner als Mitski lässt kaum jemand die E-Gitarren krachen, so zum Beispiel auf „If I Leave“, in dem sie schön und stimmgewaltig Liebe und Existenzkrise besingt, und das seine Stärke aus dem Kontrast zwischen atmosphärischem Minimalismus und krachigen Ausbrüchen bezieht, ganz ähnlich dem Closer „Lightning“. Ganz anders funktioniert das loungige „I’ll Change For You“, das sich irgendwo zwischen Sixties-Charme, Sade und Synthpop-Bands wie Tops einpendelt. Aber am liebsten scheint Mitski ihre Liebe zu den unterschiedlichsten Spielarten von Americana auszuleben, zum Beispiel im Jukebox-Kracher „Rules“, der Ballade „Cars“ oder „Charon’s Obol“ mit seinen Gospelzitaten.
Am stärksten ist der Dark-Americana-Albtraum „Dead Women“, der an eine Geisterbeschwörung erinnert. Wie auch das wunderbar seltsame „That White Cat“, das aber seine Geister im Gegensatz zu „Dead Women“ mit überbordender Energie besingt. Emotionale Tiefschläge wie „Bug Like An Angel“ vom letzten Album fehlen dieses Mal, eher haben wir es mit einer Katzenlady zu tun, die keine Lust mehr auf den Unsinn da draußen hat und sich ihre eigene Welt schafft. Wie schön, dass sie uns Eintritt gewährt.
Diese Review erscheint im Musikexpress 3/2026.







