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Nils Koppruch + Fink Werkschau


Trocadero/Indigo

von

Es gibt Momente, da möchte man heulen. Zum Beispiel, wenn man noch einmal hört, wie Nils Koppruch seinen eigenen Tod vorherahnt. „Und ich werd’ wohl nicht dabei sein an meinem allerletzten Tag, und mir nicht mit anseh’n, wie sie trauern um meinen Sarg“, singt er, als habe er schon 1997 gewusst, dass er sich im Dezember 2012 im Alter von 46 Jahren von dieser Welt verabschieden würde.

Die Zeile stammt aus „Der richtige Ort“, dem ersten Song von VOGEL­BEOBACHTUNG IM WINTER, dem ersten Album von Koppruchs Band Fink. Es sollten fünf weitere folgen, zwei Alben unter eigenen Namen und eins mit Kid Kopphausen, der gemeinsamen Band mit Gisbert zu Knyphausen. Diese neun Platten sind natürlich das Herzstück der Werkschau, eingeleitet aber wird sie von einer CD mit alten Demos, Live-Aufnahmen und alternativen Versionen solcher Klassiker wie „Fisch im Maul“. So ist schön nachzuvollziehen, wie Fink wurden, was sie waren. Wie aus einer lustig rumpelnden Countryband das geschmeidige Vehikel eines der besten deutschen Songwriter aller Zeiten entstand.

In „Roy Rodgers“, dem ersten Song des Fink-Vorläufers Tex Fury and The Silver Spurs, singt Koppruch noch Englisch, jedoch mit einem erbärmlichen, vermutlich ironisch gemeinten Akzent. Aber schon „Du kennst mich nicht“, das es in einer weniger ungehobelten Version später auch auf das Fink-Debüt schaffen wird, besitzt jene großartige Lakonie, mit der Koppruch in der Lage war, sowohl der größten Banalität eine existenzialistische Dringlichkeit zu verleihen, als auch das dramatischste Gefühl wieder zu erden: „Alle Tage sind verschieden, die guten Tage wie die miesen“, singt er ganz beiläufig.

Dazu trug natürlich auch Koppruchs so norddeutsch abgeklärte Stimme bei, die selbst dann, wenn er zusammen mit den Fehlfarben deren Klassiker „Das sind Geschichten“ interpretiert, immer klingt er wie der alte Mann, der von seinem Platz an der Theke schon alles gesehen hat. Andere Perlen dieser Raritätensammlung sind der seltsame Shanty „Hei Ho geht unser Lied“, eine Demo-Aufnahme von Koppruch für einen Film, oder die Umsetzung des Hank-Williams-Klassikers „Long Gone Lonesome Blues“, die sich mit ihren Jodel-Einlagen an der Grenze zur Parodie tummelt.

Der alte Klassenparty-Abräumer „Black ­Betty“ wird in einen schrägen Swamp-Blues verwandelt. Dass sich auch vergleichsweise Überflüssiges wie „Bagdad Blues“, die eher platte George-Bush-Anklage, für die sich Fink 2003 mit dem Schauspieler Peter Lohmeyer zusammentaten, auf so einer Zusammenstellung findet, ist wohl notwendiges Übel. Aber grundsätzlich tun sich auf dieser Bonus-CD ein paar musikalische Seiten und auch ein Humor auf, die man von Koppruch und Fink so bislang noch nicht kannte.

(…)

Lest hier weiter: Rezension zu „A Tribute to Nils Koppruch + Fink“


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