Placebo Never Let Me Go


SO/Rough Trade (VÖ: 25.3.)

von

Dass Brian Molko ein abtrünniger Engel ist, konnte man seit einem Vierteljahrhundert ahnen, seit er es so schön queero-campy und anti-britpoppig krachen lässt – aber wer hätte vermutet, dass er nach neun Jahren Album-Pause mit einer Harfe zurückkehrt, die nun das achte Album NEVER LET ME GO eröffnet? Andererseits: Die Band, die nun (nach drei verschlissenen Schlagzeugern) als Duo überlebt, hat den großen Trumpf von Molkos metallisch-nasaler Singstimme, die am Ende doch immer alles zusammengehalten hat, egal ob simple Punk-Akkorde oder Avantgarde-Stimmungen.

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Zugegeben: Der Harfen-Loop stammt vom iPad, aber Placebo klingen frisch, und über welche Band aus den 90ern kann man das noch sagen? Und sie klingen nach Placebo, obwohl sie einen deutlich breiter aufgestellten Sound mitgebracht haben als auf den beiden Vorgängern. Die größten Stärken spielen sie aber nach wie vor im Midtempo aus: Feuerwerksdynamik in den Synthesizern und allerlei Fun wie ein Eleanor-Rigby-Gedächtnis-Streicher-Riff.

Auch die neue Platte ist wie gemacht fürs mitkreischende Stadion voller einsamer Herzen.

Neben den naheliegenden Placebo-Sujets (Selbstzerstörung durch Drogen-Exzess, zweiseitig toxische Beziehungen etc.) gibt’s mit der Lead-Single „Beautiful James“ auch einen (halbwegs) optimistischen, nicht-heteronormativen Feelgood-Lovesong. Aber auch anderes fühlt sich sehr nach 2020ern an, etwa wenn Molko von digitaler Überwachung durch Großkonzerne („Surrounded By Spies“) singt oder vom öko-apokalyptischen Ende der Welt („Try Better Next Time“).

So gesehen könnte man tatsächlich sagen, dass Placebo nicht nur ihre Klangpalette erweitern, sondern sich auch vom Inneren, vom Intimen, diesmal stärker nach außen wenden. Politisch war beides immer. Und geblieben ist: Auch die neue Platte ist wie gemacht fürs mitkreischende Stadion voller einsamer Herzen.


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